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Ein Tisch ist ein Tisch

Wer sehen möchte, wie schnell sich die Zeit auch in sprachlicher Hinsicht wandelt, sollte sich die Diplomatischen Dokumente der Schweiz zu Gemüte führen.

Südostschweiz
28.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von antonio fumagalli

Zum Beispiel das Telegramm der Bankiervereinigung «an den hohen Bundesrat» vom 5. Juni 1962. Sie zeigt sich darin «bestürzt über die Ausführungen zur Berufsgeheimhaltepflicht der Banken». Berufsgeheimhaltepflicht der Banken? Da war doch mal was! Richtig, wir haben es hier mit einem Wort – dem Bankgeheimnis – zu tun, das im Schweizer Politvokabular so ideologisch aufgeladen ist wie wenig andere. Dessen Befürworter sprechen beflissentlich vom «Bankkundengeheimnis», obwohl sie sich dem Lauf der Zeit beugen mussten. Triumphiert haben diejenigen, die konsequent nur das Wort «Steuerhinterziehergeheimnis» in den Mund nehmen.

Das Bankgeheimnis fristet aber beileibe kein einsames Dasein im Kampf um begriffliche Deutungshoheit. Man denke etwa an die Energiegewinnung durch Kernspaltung. Heissen die dafür nötigen Anlagen nun Atomkraftwerke oder – wie es deren Lobby mit Vorliebe sagt – Kernkraftwerke? Was ist mit Flüchtlingen, die sich in der Schweiz niederlassen möchten? Sind sie Asylbewerber oder Asylanten à la SVP-Terminologie? Und ist der grossflächige Abbau von Arbeitsplätzen eine Restrukturierungsmassnahme oder doch eher eine Entlassungswelle, wie es Gewerkschafter ins Megafon zu schreien pflegen? Wohltuend, dass es inmitten dieser Kakofonie doch noch Wörter gibt, die von ideologischen Grabenkämpfen bislang verschont geblieben sind. Oder wie sagte Schriftsteller Peter Bichsel einst so schön? Ein Tisch ist ein Tisch.

Antonio Fumagalli ist Bundeshausredaktor bei der «Aargauer Zeitung».

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