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Ein Loch in der Staatskasse, knappe Lebensmittel und Mehranbau

Schwyz Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs zeigten sich bald auch in der kriegsverschonten Schweiz. Geld, Lebensmittel und Rohstoffe wurden knapp.

Südostschweiz
05.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

ERwin Horat

Die Schweiz war seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts stark in die internationale Wirtschaft eingebunden. Sie bezog nicht nur die Rohstoffe von andern Ländern, sondern sie integrierte sich auch im Landwirtschaftsbereich in den internationalen Güteraustausch. So verringerte sich der einheimische Getreideanbau zugunsten der Vieh- und Milchwirtschaft.

Einerseits war es günstiger, Getreide aus Übersee und Osteuropa zu importieren statt selber anzubauen; anderseits konnten Vieh und Fleisch- sowie Milchprodukte exportiert werden. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzte die Schweiz deshalb bei der Lebensmittelversorgung vor beträchtliche Probleme. Bei Kriegsausbruch 1914 reichte der Getreidevorrat nicht einmal für drei Monate.

Aufrufe zum Anpflanzen

Bei der Lebensmittelversorgung zeigte sich deutlich, dass die Schweiz auf eine längere Dauer eines Krieges nicht vorbereitet war. Die Behörden verfügten über keine Vorbereitungsmassnahmen betreffend Rationierung von wichtigen Gütern. In den ersten Monaten des Krieges appellierten die Behörden deshalb an die Freiwilligkeit der Menschen, Lebensmittel anzubauen. Im «Boten der Urschweiz» erschienen im Frühjahr 1915 zahlreiche Artikel, die zu vermehrtem Anbau insbesondere von Kartoffeln aufriefen. Ebenso wurde auf entsprechende Bemühungen hingewiesen.

Der begehrte Pflug

Zwei Beispiele aus Schwyz und Einsiedeln veranschaulichen das: «Schwyz. Zeitzeichen. Was Jahrzehnte nicht mehr vorgekommen, mag der Chronist für das Kriegsjahr 1915 als seltenes Ereignis notieren. Schreiber erinnert sich vor zirka 40 Jahren, irgendwo im Kaltbach (irre ich mich nicht, war es an der Strasse gegen Steinen) einen verrosteten Pflug gesehen zu haben, der wohl unter das alte Eisen gekommen sein dürfte. Letzte Woche nun wurde in einer Hofstatt im Dorfkreise der Pflug zum Aufbrechen des bisherigen Wiesbodens verwendet. Es sollen daselbst einige Parzellen Kartoffeln gepflanzt werden. Wir wünschen guten Erfolg!»

Kurse für Gemüseanbau

«Einsiedeln. Der Pflug schneidet auch in der Waldstatt tiefe Furchen. Das Stift Einsiedeln bricht die ‹Furrenmatte› unterhalb des neuen Schulhauses behufs Anpflanzung von Kartoffeln auf. Viele sind’s, die hier noch nie einen Pflug an der Arbeit gesehen haben; niemand, der in unserm Hochtal die Maschine an der Arbeit gefunden hat. Was wunder also, wenn die Schulkinder diese breiten Messer gaffend umstehen.» In mehreren Gemeinden wurden auch Kurse für den Anbau von Gemüse angeboten.

Rationierungsmassnahmen wurden erst gegen Ende des Ersten Weltkriegs beschlossen und umgesetzt. Es hatte sich gezeigt, dass auf dem Weg der Freiwilligkeit zu wenig angebaut wurde. Inserate in den Zeitungen warnten vor Diebstählen ab den Feldern; in einigen Gemeinden wurden Flurwachten gebildet. Beides sind Hinweise auf eine angespannte Lebensmittelversorgung.

«Beerensammeln sehr im Schwung»

In Zeiten knapper Lebensmittel kommt dem Sammeln von Wildfrüchten wie Beeren eine grosse Bedeutung zu. Auf das Beerensammeln wird 1915 in mehreren Artikeln hingewiesen, beispielsweise in einem Artikel aus Muotathal: «Auch das Beerensammeln ist hier sehr im Schwung; oft wird geradezu leidenschaftlich diesem ebenfalls nicht guten Geschäft nachgelaufen. Alles fühlt, dass der Winter in der Nähe ist und zwar was für ein Winter?» Beliebt war auch das Gebiet «Obhäg-Wildspitz», wo rund 200 Personen Beeren gesammelt hätten. Hier kam es im Sommer 1915 zwischen Beerensammlern aus Steinen und Sattel zu einem heftigen Streit, beide Seiten fühlten sich durch die Konkurrenz gestört.

«Besser eine Laus als kein Fleisch»

Sogar Schnecken wurden gesammelt und verkauft, wie ein Korrespondent im Sommer 1915 aus Muotathal berichtete: «Eine neue Verdienstquelle hat sich unsern Kindern eröffnet. Ganze Scharen lebensvoller Leutchen ziehen aus, mit Kannen und Kesseln, ja sogar mit Körben versehen, um Schnecken zu suchen. Beschwerliche Wege, welche stundenweit ins Gebirge führen, scheut man nicht, um diese Tierchen zusammenzusammeln. Auch hier heisst es: ‹besser eine Laus im Kraut als gar kein Fleisch›. Die Kinder tragen dann die ‹erbeuteten› Schnecken zum Grosshändler, welcher fürs Stück einen halben Rappen bezahlt; also für 10 Stück 5 Rappen, für 100 Stück 50 Rappen und so fort. Ein Händler von hier soll bedeutend über 20 000 Stück auf Lager halten. Dann kommt noch eine Händlerin von auswärts, welche noch viele 1000 Stück zusammenkauft.» Wahrscheinlich handelte es sich dabei, modern gesprochen, um ein Nischenprodukt.

Kriegssteuer als Finanzierungshilfe

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs belastete in der Schweiz den Staatshaushalt massiv. In erster Linie stiegen die Kosten für die Armee (von der Mobilisation über Armeeproviant und Landschaden bis zu militärischen Bauten), für die Unterstützung von Familien diensttuender Soldaten und für den Ankauf von Getreide. Für die Begleichung dieser Ausgaben musste eine ausserordentliche Steuer eingeführt werden.

Unbestrittene Einführung

National- und Ständerat verabschiedeten im April 1915 die Vorlage zur Erhebung einer einmaligen Kriegssteuer fast einstimmig. Der Abstimmungskampf im «Boten der Urschweiz» war kurz und eindeutig: Die Annahme wurde wärmstens empfohlen. In einem Beitrag wurde unter anderem ausgeführt: «Jetzt ist aber an uns, den festen Willen zu bekunden, unsere Ruhe und Neutralität jederzeit hochzuhalten. Der 6. Juni wird zeigen, ob das Schweizervolk geeint dasteht, zu Opfern bereit, seine Neutralität zu schützen und seinem Lande den Frieden zu bewahren. Es wird und soll beweisen, dass die Liebe zum Vaterlande nicht vor finanziellen Opfern Halt macht, sondern weiterreicht wie diejenige unserer Vorfahren.»

Das gesamtschweizerische Ja-Ergebnis fiel wuchtig aus: 452 117 Ja (94,3%) zu 27 461 Nein (5,7%). Auch die Schwyzer nahmen die Vorlage mit 5150 Ja (90,7%) zu 530 Nein (9,3) sehr deutlich an. 29 Gemeinden votierten für ein Ja; in Riemenstalden resultierte mit 6 Ja und 6 Nein ein Patt.

Aus Kriegs- wird Bundessteuer

Die Erhebung der Kriegssteuer wurde 1915 als einmaliger Akt bezeichnet. Die Entwicklung verlief allerdings anders. 1919 genehmigte das Volk die zweite Vorlage einer Kriegssteuer, die zwischen 1921 und 1932 bezogen wurde. Anschliessend folgte die Krisenabgabe, eine Konsequenz der Weltwirtschaftskrise. Daran knüpfte sich die Erhebung der Wehrsteuer ab 1941. Diese wurde von der direkten Bundessteuer abgelöst.

Nur am Rande sei erwähnt, dass zur Deckung der Mobilisationskosten zwischen 1915 und 1920 auch noch eine Kriegsgewinnsteuer erhoben wurde.

Kriegsanleihe

Allerdings reichten die Einnahmen der Kriegssteuer bei Weitem nicht, um die sehr grossen zusätzlichen Aufgaben zu finanzieren. Zusätzlich wurden zehn Kriegsanleihen aufgelegt, die dem Bund (vorübergehende) Einnahmen verschafften; die Anleihen mussten zurückbezahlt werden.

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