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Ein kulturhistorisches Unikat mitten in Luzein

2007 hat der Averser Jürg Stoffel das Sprecherhaus in Luzein erworben und es nach und nach restauriert. Das Herrenhaus befand sich zu diesem Zeitpunkt in einem desolaten Zustand – heute erstrahlt es wieder im alten Glanz.

Südostschweiz
08.10.14 - 02:00 Uhr

edy walser

Eine Besichtigung des Sprecherhauses in Luzein unter der Führung von Jürg Stoffel, seit 2007 Eigentümer der Anlage, die heute als Baudenkmal von nationaler Bedeutung gilt, ist ein einmaliges Erlebnis. Der neue Eigentümer kann bei diesen Rundgängen nicht nur bezüglich der Architektur und des Inventars des Herrenhauses aus dem Vollen schöpfen. Auch über die Geschichte der Erbauer, der Familie Sprecher von Bernegg, weiss er bestens Bescheid.

Ende des 16. Jahrhunderts hatte sich ein Zweig der von König Heinrich III. von Frankreich in den Adelstand erhobenen Familie Sprecher in Luzein niedergelassen und dort etliche herrschaftliche Häuser erbaut. Das um 1680 erbaute Sprecherhaus war bis ins Jahr 2007 ununterbrochen von Mitgliedern dieser Familie bewohnt.

Die im 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den Drei Bünden erbauten Herrenhäuser sind Ausdruck der Aristokratisierung des öffentlichen Lebens. Wie Friedrich Pieth in seiner «Bündnergeschichte» schreibt, bekunden sie das Streben der Besitzer nach einer gehobenen Wohnkultur und den Willen, den Standesunterschied zu betonen. Das geschah dadurch, dass man das Haus durch den An- oder Einbau eines Turmes zum Schloss erhob.

Zum Sprecherhaus gehört heute noch der 1651 erbaute Stall und der diesem vor gelagerte Hof, der bergseits durch ein Nebengebäude begrenzt wird. Obwohl der Stall, in dem während Jahrhunderten Gross- und Kleinvieh und Pferde untergebracht waren, den heutigen tierhalterischen Vorschriften und Auflagen nicht mehr genügt, ist er nach wie vor ein Aushängeschild für das Zimmermanngewerbe. Dass dieser Stall in unmittelbarer Nähe des Herrenhauses steht, ist ein Beweis dafür, dass die Luzeiner Sprecher «trotz ihres Strebens nach einer gehobenen Wohnkultur» den Boden unter ihren Füssen noch nicht verloren hatten.

Glücksfall für beide Seiten

Durch das grosse zweiflüglige Tor von der Strassenseite her gelangt man in den gepflästerten Hof, wo ein Brunnen plätschert, umgeben von einer gut 300-jährigen Linde, dem Nebengebäude aus dem Jahr 1740 und dem Herrschaftshaus. Das Durchschreiten des zweiflügligen Tors ist ein Schritt in die Geschichte, insbesondere dann, wenn man vom Eigentümer des Sprecherhauses willkommen geheissen wird.

Das Sprecherhaus ist für Jürg Stoffel ein Glücksfall, und Jürg Stoffel ist für das Sprecherhaus ein Glücksfall. Denn als er das Herrschaftshaus, das von Florian Sprecher von Bernegg um 1680 oberhalb des ehemaligen Landsgemeindeplatzes des Gerichtes Castels (später Luzein) erbaut worden war, 2007 übernommen hatte, befand es sich in einem desolaten Zustand. Insbesondere die Fassade, aus der dank einer professionellen Renovation ein strahlendes kulturgeschichtliches Juwel geworden ist.

Im Gegensatz zur Fassade hatte das Innere des Sprecherhauses, das 1708 einem umfassenden Umbau unterzogen worden war, drei Jahrhunderte «schadlos» überstanden. Ausschlaggebend dafür war, wie Stoffel beim Rundgang ausführte, die Tatsache, dass die früheren Eigentümer auf eine Umnutzung weitgehend verzichteten. Das hatte zur Folge, dass die zahlreichen gewölbten Räume und Korridore erhalten geblieben sind. Zu diesen Räumlichkeiten gehören der Festsaal mit dem Familienwappen, die holzvertäfelten Stuben und Zimmer und das «Balkonzimmer». Das Sprecherhaus in Luzein ist ein Paradebeispiel für die künstlerische Ausstattung der Bündner Stuben, insbesondere mit Schnitzereien an Truhen, Schränken und Betten. Ergänzt wurden diese mit Schmiedearbeiten an Türen und Fenstern. Und diese hat es Jürg Stoffel angetan.

Eine weitere Überraschung ist die auf der Ostseite angegliederte, drei Terrassen umfassende barocke Gartenanlage. Vor dem Eigentümerwechsel vor sieben Jahren weidete (nach Stoffel) in diesem ehemaligen Garten die Heimkuh. In andern Worten, den Rosengarten gab es nicht mehr.

Aufgewachsen ist der neue Eigentümer in Rapperswil. Anfang der 70er-Jahre folgte der gelernte Feinmechaniker einem Ruf seiner Heimatgemeinde Avers, in der er die Gemeindekanzlei einrichtete und diese bis 1991 führte. Von 1983 bis 1991 war er auch Landammann des Kreises Avers. 1991 wechselte er zum kantonalen Grundbuchamt, in dem er bis zu seiner Pensionierung 2010 für den Vollzug des bäuerlichen Boderechts zuständig war.

Dass es den passionierten Möbelschreiner ins Prättigau und dann nach Luzein verschlug, war kein Zufall: Seine Frau Anna stammt aus Buchen, wo die Familie Stoffel 1997 ein stilvoll eingerichtetes Wohnhaus bauten. Nachdem die Familie mit heute drei erwachsenen Söhnen ihr altes Walserhaus im Avers verkauft hatte, erwarb sie das Sprecherhaus in Luzein.

Ziel dieses Kaufs war eine Restaurierung des Herrschaftshauses und – für Jürg Stoffel, den passionierten Möbelschreiner – eine Erhaltung des Ist-Zustandes. Ein Ausbau zu Ferienwohnungen war nie ein Thema.

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