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Ein Höllentritt steht am Anfang der Reise in die Kunst

Eine reale Stufe gilt es tatsächlich zu beachten. Es ist die wunderbare Arbeit von Remo Albert Alig: eine Stufe aus Scalärastein, die den Übergang vom Eingang in den Hauptausstellungsraum der Galerie markiert.

Südostschweiz
28.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Sie verlangt aber nicht nur die Aufmerksamkeit der Füsse. Mit ihrem Titel «Höllentritt» weist sie hin auf die tiefe Bedeutung dieses mystischen Ortes, steht doch das Scaläratobel für geheimnisvolle Begebenheiten, Legenden und Sagen. Aligs «Höllentritt» thematisiert die Stufe als Übergang vom Diesseits ins Jenseits, als markante Grenze zwischen greifbarer Realität und unwägbarer Fiktion.

Mit dieser Stufe hilft der Künstler unmerklich und wohl auch unbewusst, die Schwellenangst beim Betreten einer Kunstgalerie zu überwinden. Alig hat den gewaltigen Steinblock auf das Mass der Galerie zugeschnitten, ohne dessen natürliche Erscheinung wesentlich zu verändern. Die konkave Vertiefung, geschliffen aus jahrhundertealten menschlichen Tritten, ist ebenso sichtbar wie die sich daneben erhebende konvexe Form. Das vielfarbige Grau des Scalärasteins wird durch die schwarz erscheinende, polierte Frontseite noch betont. Der mit Diamantstift gezeichnete Schriftzug «Höllentritt» ist einladend und abweisend zugleich. Ähnliche Bezüge fand man auch in Aligs Bodenarbeit «Himmel & Hölle», 2012, im Fontanapark in Chur.

Hat man den «Höllentritt» überwunden, steht man vor einer zwölfteiligen Bodenarbeit von Miguela Tamò. Was auf den ersten Blick in scheinbar textiler Weichheit daherkommt, sind aus hellem Schamotte-Ton geformte, offene, bodenlose, meist zylinderförmige Gefässe. Während der obere Rand glatt geschliffen ist, scheinen die «-linge» (so der Titel) den Boden kaum zu berühren. Sind es «Find-linge», die durch ihre ungleichmässige Auflagefläche zu schweben scheinen? Jede Figur hat ihre eigene Form und Grösse und ist doch unweigerlich Teil dieser Gruppe. Ein einziger «-ling» als Bronzeabguss erhält ein Eigenleben, wie man es auch aus anderen Skulpturengruppen der Künstlerin kennt.

Die Arbeiten aus Ton haben in Form und Textur eine ähnliche Direktheit wie Tamòs Zeichnungen. Ihre Gestaltung scheint direkt aus dem Ballen Ton in ihren Händen zu fliessen und sich stetig zu der entstehenden Figur zu entwickeln. Den Arbeiten liegt nie ein Plan, eine Zeichnung zugrunde. Sie entstehen spontan und gehorchen den Anforderungen des Materials. An der Wand prangt eindrucksvoll der bekannte «Wolf» von Michael Günzburger, hier als ganzteilige Originallithografie.

Eine Reihe von hinter Glas auf Leinwand gemalte Arbeiten von Christoph Rütimann kennt man von der letzten Jahresausstellung im Bündner Kunstmuseum. Auch «Das trunkene Schiff» von Gaudenz Signorell ist bekannt, ebenso Jules Spinatschs «Digestif» als Auftakt – und damit nicht weniger sehenswert.

Eine Stufe gibt es nicht zu beachten oder zu überschreiten beim Betrachten von «Arrow» von Julia Frank. Die in London lebende Südtiroler Künstlerin weist mit ihrer skulpturalen Arbeit aus einem über einen Bogen gespannten Veloschlauch vielmehr auf gebändigte Energie und deren Explosivität hin.

Im Kabinett hängt eine bestechende Reihe postkartengrosser, leuchtend farbiger Bergbilder von Conrad Jon Godly mit dem Titel «SOL – 2014» in gewohnter Materialität dem gegensätzlichen Produkt der Berglandwirtschaft, «Heu & Dung» von Gabriela Gerber & Lukas Bardill gegenüber, einem mächtigen, nahezu zwei Meter breiten C-Print auf Dibond, in zurückhaltender Tönung.

Bekannte Arbeiten und neu geschaffene lohnen den Besuch.

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