Ein «doppelter» Kleintaler
Noch bis vor drei Jahren besass Hans Bäbler zwei Bürger- rechte – das von Elm und Engi. Denn sein Vater, ein gebürtiger Elmer, liess sich und seine Familie in Engi einbürgern. Somit zählten sie damals zu den Hundertfrankenbürgern.
Noch bis vor drei Jahren besass Hans Bäbler zwei Bürger- rechte – das von Elm und Engi. Denn sein Vater, ein gebürtiger Elmer, liess sich und seine Familie in Engi einbürgern. Somit zählten sie damals zu den Hundertfrankenbürgern.
Die Familie von Hans Bäbler ist schon seit mehreren Generationen im Sernftal heimisch
Von Susanne Peter-Kubli
Von den Bäbler aus Elm sagte einst Gottfried Heer, sie hätten «einen Hang talabwärts». Dies galt auch für den Grossvater von Hans Bäbler, der von seinem kleinen Heimet im Obmoos in Elm samt Familie nach Matt und später nach Engi zog. Hans’ Vater fand Arbeit als Packer in der Weberei, später in Ennenda und zuletzt in der Therma in Schwanden. Mutter Bäbler übernahm in Engi, im Sand, einen kleinen Gemüse- oder Allerweltsladen. Nach Feierabend half auch der Vater im Laden mit. Insbesondere lieferte er mit seinem Einachser die Ware den Kunden ins Haus. Diese Gemüsetouren führten bis nach Elm. Häufig waren Hans und sein Bruder dabei. «Etwas hart war es gegen Winter, denn auf dem Brückenwagen froren wir erbärmlich, doch die Aussicht auf einen Zwanziger als Lohn fürs Abladen liess uns durchhalten», erinnert sich Hans Bäbler.
Später ersetzte der Vater den Einachser durch einen VW-Bus, was die Winter-Fahrten nach Elm erheblich angenehmer machte. Der damals beliebte «Haustrank», ein 15er-Harras mit Himbo-, Bergamotte-, Citro-, Orange- und Grapefruitflaschen, bezogen Bäblers aus der Elmag in Elm, das Gemüse bei Gentile in Schwanden, Wein und sauren Most bei Rinderer in Ennenda, und die Lageräpfel bei einem Bauern in Walenstadt. Schokolade oder Kaffee jedoch brachten die jeweiligen Firmenvertreter direkt nach Engi.
<strong>Als gelernter Gärtner</strong> kennt Hans Bäbler die wichtigsten Pflanztermine. So war es im Sernftal üblich, am Landsgemeindemontag zu «herdöpflen»; die Kartoffeln zu setzen. Daran wurde festgehalten, auch wenn das gröbste Hudelwetter herrschte, worüber sich Hans hie und da wunderte. Den Grund dafür vermutet er im schulfreien Montag, denn da konnte man die Kinder einspannen. Dasselbe galt fürs Ernten der Kartoffeln, jeweils am Kilbimontag. Nicht alle hielten sich an derartige Regeln. Ein in Engi wohnhafter Italiener, der aus seiner Heimat anderes gewohnt war, kaufte schon nach Ostern in Bäblers Gärtnerei Höckerlisamen. Obwohl ihn Frau Bäbler jedes Mal ermahnte, mit dem Säen zuzuwarten, bis die Eisheiligen vorbei seien, folgte er ihrem Rat nie. Wenn dann im Juni in seinem Garten immer noch nichts zum Vorschein kam, beschwerte er sich über den schlechten Samen.
<strong>Hans Bäbler</strong> wuchs in Engi auf, besuchte dort Kindergarten und Primarschule. Die Sekundarschule befand sich damals wie heute in Matt. Dies gab den Jugendlichen die Gelegenheit, Gleichaltrige aus Matt und Elm kennenzulernen. In den 1960er-Jahren wurde in den Kleintaler Gemeinden noch stark zwischen fremd und einheimisch unterschieden. Wollte ein Lediger nach Elm auf den Tanz, so war es durchaus hilfreich, wenn man die eine oder andere schon aus der gemeinsamen Schulzeit in Matt kannte. Hans Bäbler verfügte als Elmer Bürger noch über einen weiteren Bonus.
Dennoch liessen sich Vater Bäbler und seine Familie in Engi einbürgern. Das revidierte Bürgerrechtsgesetz von 1976 ermöglichte Kantonsbürgern eine erleichterte Einbürgerung in die Wohngemeinde. Davon wurde in allen Gemeinden des Kantons rege Gebrauch gemacht. Weil sie nur hundert Franken kostete, nannte man die damals eingebürgerten Geschlechter die Hundertfrankenbürger.
Bis 2011 besass Hans Bäbler zwei Bürgerrechte und war somit gewissermassen ein doppelter Kleintaler. Vom damit verbundenen Tagwennutzen bleibt ihm der Waag-Anken in Erinnerung. Jeweils im Herbst wurde der auf den Gemeindealpen hergestellte Anken gewogen und jeder Tagwensbürger von Engi erhielt ein bestimmtes Quantum Anken zu einem stark verbilligten Preis.
<strong>Den alten</strong> Kleintaler Geschlechtern begegnet Hans Bäbler fast täglich und nicht nur auf der Strasse. Seit über dreissig Jahren ist er als Friedhofgärtner tätig. Die Inschriften auf den Grabsteinen sind für ihn weit mehr als Namen und Zahlen. Die meisten der Verstorbenen kannte er persönlich, erinnert sich an ihre Gesichter und ihre Geschichten. Gerade was die Namen betreffe, so sei der Friedhof in Matt sehr vielfältig, erzählt er. Neben den alten Geschlechtern gebe es recht viele Italiener, die sich im Lauf des 20. Jahrhunderts hier niedergelassen und im Plattenberg, in der Weberei oder beim Baugeschäft Marti Arbeit gefunden hatten: die Baldessari etwa, die Bertini, Conte, Forte, Menon, Miloni, Petrocchi oder Tommasini.
Doch auch auf einem Friedhof bleibt die Zeit nicht stehen. Als Hans Bäbler 1981 seine Stelle als Friedhofgärtner antrat, gab es über 400 Gräber, heute ist es weniger als die Hälfte. Der Friedhof, 1981 erweitert, ist heute viel zu gross. Zum einen wurde die Dauerzeit der Gräber von 30 auf 20 Jahre verkürzt, zum anderen liegen im selben Grab häufig zwei Verstorbene (Ehemann und Ehefrau) und zum dritten wird immer öfter das Gemeinschaftsgrab einem Einzelgrab vorgezogen. Manchmal wird auf Wunsch der Angehörigen oder des Verstorbenen auf ein Namensschild verzichtet. Dies ist zu respektieren. Andererseits entfällt so für andere Friedhofbesucher – auch den Friedhofgärtner – der Moment des Erinnerns.
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