Ein beschwerlicher Weg zum Glück
Heuen statt baden, Schmerzen statt Skifahren, sich gedrängt fühlen statt Lob zu erhalten – so lassen sich die Erinnerungen von Afra Moser-Laager aus Mollis an die Kindheit zusammenfassen. Seither hat sich vieles verändert.
Heuen statt baden, Schmerzen statt Skifahren, sich gedrängt fühlen statt Lob zu erhalten – so lassen sich die Erinnerungen von Afra Moser-Laager aus Mollis an die Kindheit zusammenfassen. Seither hat sich vieles verändert.
Von Irène Hunold Straub
Bürglen. – «Ich hätte gar nicht geboren werden sollen», erzählt die kleine, zierliche, temperamentvolle Frau. Sie tischt auf dem mit einem Glarner Tüechli bedeckten Schiefertisch ein Original Glarner Pastetli auf. Ihr Bruder ist 16 Jahre älter, die Schwester 15 Jahre. «Ich hatte dadurch zwei ‘Väter’ und zwei ‘Mütter’, die mir sagten, wo es lang ging», erinnert sich die Glarnerin.
Laagers bewirtschafteten das Walenberggut, eingeklemmt zwischen Linth und Kerenzerberg. Es gab wenig Vieh, sehr wenig Boden, dazu ein weiteres Stück Land, jedoch weit entfernt nördlich von Netstal, was das Arbeiten erschwerte.
Und noch etwas ist schwierig: Die kleine Afra schreit, sobald man sie auf die rechte Seite legt. «Das ist sowieso ein Schreihals», tönt es. Das damals übliche enge Wickeln macht die Sache noch schlimmer.
Entwurzelt vom Hof
Als das Laufenlernen nicht richtig vorwärts geht, wird der Kinderarzt konsultiert, der eine Hüftluxation feststellt und zuerst mit verschiedenen Mitteln zu helfen versucht. Schliesslich muss das dreijährige Mädchen im Balgrist-Spital in Zürich operiert werden. Immer wieder wird ein Besuch dort nötig. «Ich wusste genau, wenn ich die weissen wollenen Strumpfhosen und das Faltenjüpli anziehen musste, dass es dann ins Spital ging», erinnert sich Afra Moser.
Den Kindergarten kann sie gar nicht besuchen. Der Schuleintritt und der Umzug ins Dorf fallen praktisch zusammen. Der Umzug wird nötig, weil der Bruder heiratet. Der Vater muss sich als Hilfsarbeiter durchschlagen, was ihm enorm schwer fällt. Die Mutter hilft oft ihrem Sohn.
Afra hat kaum Kamerädli, wenn andere schwimmen gehen, muss sie heuen. Als sie Tante wird, kümmert sie sich oft um ihre erste Nichte, die ihr altersmässig deutlich näher steht als ihre Geschwister.
Die Schulzeit erlebt Afra als schwierig. Mal hat sie gute Tage, mal plagen sie die Schmerzen. Während den Besuchen im Balgrist wird sie immer wieder mit anderen Ärzten konfrontiert. Der eine rät, viel zu turnen. Der nächste verbietet ihr das Skifahren.
Die Vertraute und Mentorin
Die Schmerzen haben auch etwas Gutes: Afra, die unterdessen ein Haushaltlehrjahr und beim selben Elektrofachgeschäft eine Verkäuferinnenlehre absolviert und sogar einen Englandaufenthalt hinter sich hat, geht in die Physiotherapie, in Turnstunden und Einzelstunden zur damaligen Koryphäe Menga Just. Hier tut sich der Bauerntochter, für die es nur Arbeit gibt und für die ein Buch lesen als Verschwendung dargestellt wird, eine völlig neue Welt auf.
Bei ihrer Vertrauten und Mentorin gehen Künstler ein und aus. Die junge Frau entdeckt die Begeisterung für die Kunst, die sie später ihrer jüngeren Tochter weitergeben wird – der Älteren, die heute in Grindelwald lebt, scheint sie ihre Liebe zu den Bergen vererbt zu haben. Afra Moser lernt die schönen Dinge des Lebens kennen, einen Tisch geschmackvoll zu decken. «Da fand ich Halt; das Ängstliche zu Hause, das zu ständigen Verboten führte, erdrückte mich fast», so die Frau, die nun selber Mutter ist. Menga Just setzt sich auch stets dafür ein, dass ihr Schützling sowie andere Glarner Patienten im Balgrist mit der Zeit die selbe Ansprechperson haben.
Die Krönung ihrer Beziehung zur Physiotherapeutin ist eine Anstellung nach einer erneuten Operation, nach der es ihr deutlich besser geht. Sie arbeitet im Haushalt, erledigt Büroarbeiten, macht Wickel für die Patienten. Das gefällt ihr unsagbar.
Später denkt sie, sie sollte mal auf ihrem erlernten Beruf arbeiten, und es verschlägt sie nach Weinfelden in ein Elektrofachgeschäft. Sie, die den Umgang mit Kunden so liebt, macht ihre Arbeit gerne, um am Wochenende unverzüglich ins Glarnerland zu fahren – in ihre geliebten Berge, die sie mit oder ohne Hüftprobleme besteigt. Ja, sie schafft es, dank der Hilfe eines inzwischen verstorbenen Arztes vom Balgrist, in der JO des SAC Tödi mitzumachen.
Um dem Glarnerland näher zu sein, nimmt sie eine Stelle in Jona an. Noch bevor sie diese antritt, lernt sie ihren künftigen Mann kennen, der ein Dorf von Weinfelden entfernt lebt. Der Pfarrer sagt während der Trauung, das Glarnerland sei von Bergen umgeben, Bürglen dafür von Kiesgruben.
Endlich schmerzfrei
Ihr Mann und dessen Bruder führen ein Transportunternehmen. Zuerst helfen Afra Moser und ihre Schwägerin administrativ mit. Die Glarnerin merkt jedoch je länger, je mehr, dass sie einmal mehr zur Befehls-Empfängerin wird, die selber nichts ausrichten kann. Das bewegt sie dazu, im Heimatwerk Zürich Kunden zu bedienen, die ihren Glarner Dialekt schätzen.
Mittlerweile hat sie die beiden Töchter grossgezogen. Vor 15 Jahren erhielt sie ein künstliches Hüftgelenk, ein grosser Schritt Richtung Schmerzfreiheit.
In zwei Jahren wird ihr Mann pensioniert. Jetzt dürfen Pläne gemacht werden, wo alle Erfahrungen und Vorlieben in die Waagschale geworfen werden. Auf dass Afra Moser-Laagers Aufbruch zu neuen Ufern gelingt und sie ein erfüllter Lebensabend erwartet!
Harte Zeiten überstanden: Afra Moser freut sich auf einen erfüllten Lebensabend, wofür sie bereits jetzt Pläne schmiedet.
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