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Ein Beruf, der unter die Haut geht

Trophäen, Museumsartefakte, Erinnerungsstücke an die geliebten Haustiere, Deko – totes Tier auf lebend drapiert. Die einen finden es schick, die andern morbid. Marion Soliva findet, es ist mehr als ein Beruf.

Südostschweiz
04.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Taxidermie – wenn tote Tiere durch die mühevolle Feinarbeit von Tierpräparatorin Marion Soliva weiterleben

Von anja conzett (text) und olivia item (bilder)

Mehr als einen Meter Flügelspanne. Acht Zentimeter Schnabel, leicht geöffnet, tintenblau schimmernder Kopfflaum, aufgestellt, bekrallte Stelzen, abstossbereit – der imposante Kolkrabe ist im Begriff sturzzufliegen. Das Wiesel wachsam, der Fuchs neugierig, die Sperberweibchen misstrauisch. Der Birkhahn balzt, das Gemskitz stakt, der Mungg setzt zum Pfiff an und der Rehbock ragt in ungerührter Eleganz aus der Wand. Taxidermie, die Gestaltung der Haut, nennt man das Präparieren von Tierkörpern. Marion Solivas Handwerk ist das Konservieren der Vergänglichkeit. Genauer: die Reanimierung des bereits Vergangenen.

<strong>Die werkstätte von </strong>Tierpräparatorin Soliva liegt im Industriegebiet Maienfelds, im Keller des Wohnhauses. Ein grauer Kater streift der Präparatorin um die Beine. Sie streicht ihm übers Fell. Morgens mause er hier immer. Sie mag Tiere. Sehr. Wenn man diesem Metier gerecht werden wolle, müsse man Tiere mögen. Und die Natur. Aber Haustiere präpariert sie nicht. «Das stösst mich irgendwie.» Während die Präparation von Wildtieren dazu dient, die Natur wohnzimmergerecht nachzustellen, soll das Präparat eines Haustiers einen Charakter auferstehen lassen. «Die meisten sind bitter enttäuscht, wenn sie das Resultat sehen.» Sie rate jedem davon ab. Manchmal weinen die Halter, wenn Soliva das sagt. Manchmal macht sie Ausnahmen.

<strong>Auf dem kühlen Betonboden</strong> des Ateliers liegt der Kopf eines Hirsches. Der surrende Tiefkühler ist bereits voll, 15 Köpfe liegen zum Aufmontieren der Geweihe drin. Jagd ist Hochsaison. Es riecht nach rottendem Fleisch, schweflig, fischig, eitrig. Soliva verzieht entschuldigend das Gesicht. In der Küche, in der sie die Schädel auskoche, stinke es noch viel grauenhafter. Sie lacht, die sonnengebräunten Backen spannen: «Ein Glück, sind die Nachbarn so tolerant.» Seit 1978 wird in der Kanalstrasse 4 präpariert. Soliva hat Beruf und Betrieb von ihrem Vater übernommen. Der Serval – eine afrikanische Wildkatzenart –, der unter dem Tisch hervorspäht, stammt noch von ihm. «Mein Vater hat mir nahegelegt, einen anderen Beruf zu wählen, aber kein anderes Handwerk hat mich so fasziniert.» Der Tod schreckt sie dabei nicht. Irgendwie betrügt sie ihn schliesslich immer wieder um seine Beute.

<strong>Schraubstock, Feile, Hammer,</strong> Pinzette, Draht, Zange, Kleb-Rollen, Leim, Watte, Schnur, Skalpell, Nadeln, Garn. Auf Solivas Tisch liegt heute ein Mungg, Tatzen greifen ins Leere, die Brust geöffnet – Kopfschuss. Früher ging sie selbst zur Jagd, aber dafür ist keine Zeit mehr. Der Schütze möchte nur das Fell. Abbalgen ist der Fachbegriff, Soliva nennt es auch «ausziehen». Gepflegte Hände lassen das Skalpell mit sorgfältigen, feinen Bewegungen am Fleisch entlang streifen. So, als würden sie eine Skizze anfertigen oder ein besonders edles Stück Stoff zuschneiden. Ein graues Entenküken schaut der Präparatorin über die Schulter. Soliva hat sich auf Kleintiere spezialisiert. Zaunkönige, Feldmäuse – penibelste Pinzettenarbeit. Aber sie mache auch Adler und Büffel. Früher, beim Vater, stammten viele Aufträge von Schulen, aber dann kamen die Videorekorder in die Klassenzimmer und mit ihnen die Tierfilme als bewegtes Anschauungsmaterial. Mittlerweile sind Jungjäger die besten Kunden. Davon leben kann Soliva nicht. Die Mittvierzigerin arbeitet hauptberuflich in der Hotellerie. Tagsüber präparieren, nachts Gäste betreuen. Sie geniesse es, auch mit Menschen zu arbeiten. «Schon lebendiger.»

<strong>Im Regal lagern Hörner</strong> neben kalkweissen Schädeln. Beim Steinbock reichen die Knochen bis in die Spitzen der Hörner, sind durchblutet. Manchmal würden Jäger versuchen die Schädel selbst aufzumontieren. «Nach einer Weile läuft dann das Blut über den Schädelknochen, es stinkt fürchterlich und die Trophäe ist futsch.» Die Knochen müssen gewässert und geweisselt, die Hörner getrocknet werden. Wenn Fell und Gefieder nicht euralysiert sind, werden sie von Ungeziefer befallen, so lange, bis das Präparat kahl ist. Soliva begegnet oft verpfuschten, nicht mehr zu rettenden Präparaten. Auch solchen von «Profis».

Tierpräparator ist kein anerkannter Beruf. Eine Ausbildung gibt es dafür nicht. Nach den inoffiziellen Lehrjahren beim Vater arbeitete Soliva acht Jahre für die Universität Zürich. Wie sie zwei Jahre lang ein echtes Mammutskelett zusammenbaute, die fehlenden Knochen selbst modulierte, erzählt sie mit verkleinernder Selbstverständlichkeit. Aber die blauen Augen leuchten. Mit Schneeleoparden, Geparden, Panthern zu arbeiten: «Wunderschön.» Wenn sie für die Universität solche, aus Zoos stammenden, Exoten präparierte, beobachtete sie die Bewegungen der lebenden Tiere stundenlang. Um möglichst lebensnahe Skizzen anfertigen zu können, besuchte sie Kurse an der Kunstgewerbeschule.

<strong>Das vollständige Präparieren </strong>eines Säugers in der Grösse einer Raubkatze oder eines Hirschs könne sich ein Normalverdiener kaum leisten. Dazu brauche so ein Präparat viel Platz und Pflege. Die Brusttrophäe eines Hirsches anzufertigen ist ein zweimonatiger Prozess und kostest 1200 Franken. Nach einer halben Stunde ist der Mungg ausgezogen. Munggen riechen scharf. Ammoniakpfeffrig. Der Jäger möchte auch das Fleisch, Soliva rüstet es ihm innerhalb einer Stunde küchenfertig. Das cortisolhaltige Fett glitzert wie ein Haufen verklumpter Perlen. Manchmal legt Soliva es für die Gewinnung von Heilsalben zurück. Das Fell gibt die Präparatorin zum Lidern, zum Härten, nach Chur. Das dauert zwei bis vier Wochen. Nur wenn sie es auch aufspannt – dazu muss es weich sein – lidert sie es selbst. Sie behandelt die Häute mit Formaldehyd, Wasserstoff und Alaun. So wie die Hülle des Kauzes, die nun auf der Werkbank liegt.

<strong>Käuze sind</strong> geschützt. Aber oft werden Wildvögel in den Sog von Autobahnen gezogen, schlagen auf Windschutzscheiben auf. Um ein geschütztes Tier präparieren zu dürfen, braucht man die Bewilligung des Amts für Jagd und Fischerei. Mit einem Bussardflügel wischt Soliva die Arbeitsfläche sauber. «Der beste Staubwedel für Präparate.» Auch flache Tiere könne man noch verwenden. Flach? Soliva runzelt bedauernd die Stirn: «Plattgefahren». Sie dienen ihr als Ersatzteillager für anderweitig beschädigte Tiere. «Federn, Knochen und Stelzen schicke ich ausserdem nach Zürich zu einem Traumfängerbastler.»

Der einen Tag lang geliderte Kauz ist nicht plattgefahren. Schädel-, Flügel- sowie Fussknochen stecken noch in der Haut. Daneben liegt ein Korpus, den Soliva anhand der Fleischkörper-Vorlage in einer halben Stunde aus Hanfgarn gewickelt hat. Eine ähnliche Methode verwendeten schon die Ägypter zur Zeit der Pharaonen. Grössere Dermoplastiken werden gegossen. Das drei Mal gewaschene und mit Kartoffelmehl gepuderte Gefieder wird geföhnt und mit einer Zahnbürste aufgeflauscht. Solivas blonde Haare flattern, Daunen wabern zu Boden. Mit gefeiltem Draht fixiert sie Flügel und Beine, eng gewickelte Watte und Lehm bilden die Schenkel nach. «Der schwierigste Teil ist es, den Schädel ohne Risse aus dem Hals zu stülpen.» Sagt es, stülpt den Schädel aus der Haut, routiniert wie andere Socken falten, bis er nur noch mit dem Schnabel am Kopfleder hängt – ohne Risse. Stroh und Lehm ersetzen das Hirn. Zurückstülpen, über den Korpus streifen, zusammennähen, wieder föhnen, Flügel anlegen. So lange der Lehm noch feucht ist, lassen sich Flügel und Kopf bewegen – ähnlich wie bei einer Puppe. Der Astsockel steht bereit. Manchmal bringen die Kunden eigene Äste mit. Die meisten sammelt Soliva selber.

<strong>Im Lager liegen die Augen.</strong> Kullerndes Glas. Quergeschlitzte Fluchttier-Pupillen, blaugrau auf braun für das Schalenwild. Feinsäuberlich sortiert in einer anderen Schachtel: Vögel und Nager. Schwarz, rot, gelb, orange, blau, grün, weiss. Heute: schwarz, murmelgross. Soliva stopft gerne Käuze aus. «Sie haben so einen lieben Blick.» Die Augen werden mit Lehm fixiert. Die Präparatorin lässt sich Zeit dafür. Geduldig nimmt sie wieder hinaus, drapiert neu, geht zwei Schritte zurück, wieder hin, bis die Symmetrie stimmt.

Für einen Laien sieht der Vogel nach anderthalb Stunden beklemmend lebendig aus. Aber Soliva wird noch zwei bis drei Stunden lang die Federn zurecht legen, die Flügel mit Karton bandagieren, die Augen justieren, polieren und die Lider schminken. «Dem Tier einen Ausdruck und eine Haltung zu geben, ist das absolut Schönste.» Bis zu zwölf Stunden hat sie am Schluss in den Kauz investiert, 380 Franken verlangt sie dafür. Soliva sagt, Präparieren sei kein Beruf mit Zukunft. Zumindest keiner, von dem man leben kann. «Aber das geht allen Künstlern so. Nicht?»

Fotoreportage zum Text auf www.suedostschweiz.ch/3158292

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