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Du Bois: «Zu vieles in meinem Leben wurde zur Routine»

Als potenzieller Top-Verteidiger, aber mit chronischen Verletzungssorgen, wechselte Félicien Du Bois aus Kloten nach Davos. Der Neuenburger hat sich als vielleicht bester NLA-Back entpuppt, der aber noch immer das «neue» Eishockey lernt.

Südostschweiz
30.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Mit Félicien Du Bois sprach Kristian Kapp

Félicien Du Bois, Sie erleben derzeit Ihre HCD-Premiere am Spengler Cup.

Félicien Du Bois: Ich habe mich darauf gefreut wie ein kleines Kind. Ich spürte vor dem ersten Spiel eine Nervosität, was bei Meisterschaftsspielen nicht der Fall ist. Ich denke, dass das normal ist. Sonst müsste ich mich fragen, ob ich am richtigen Ort bin.

Ihr «richtiges» Spengler-Cup-Debüt gaben Sie vor drei Jahren mit Kloten. Ein eher zwiespältiges Erlebnis …

Wir hatten uns eigentlich gefreut, waren mit unseren Familien in Davos …

Dann ging das erste Spiel 2:9 verloren, es endete mit einem 1:5 im Viertelfinal.

Das Gesamterlebnis war nicht gut. Wir waren alle, inklusive Staff, nicht einig darüber, was wir wirklich dort oben in Davos wollten. Seriös spielen oder die Zeit geniessen? Es war eine Einstellungssache. Die Leute reden oft vom «Champagner-Hockey» am Spengler Cup. Aber das Niveau ist hoch. Wenn du nicht voll spielst, verlierst du 2:9. Unser Auftritt war nicht gut fürs Image des Schweizer Eishockeys.

«Wir spielen hier ‘atypisch’»

Sie sind nun seit rund einem halben Jahr in Davos. Ihre Eindrücke?

Eishockey bleibt Eishockey. Aber dennoch gibt es sehr viele Nuancen, die anders sind. Ich erlebte und erlebe viel Spannendes, andere Mentalitäten, neue Jungs im Team. Ich suchte aber diese extreme Veränderung gezielt. Ich wollte nicht von Kloten zum ZSC wechseln. Dann hätte ich meine Wohnung behalten können und hätte eigentlich nur das Leibchen gewechselt. Davos ist das, was ich gesucht habe: Etwas Neues, etwas Anderes.

Alle sagen nach einem Wechsel, am neuen Ort sei alles besser und schöner …

Es ist nicht alles schöner in Davos. Die kürzeren Reisezeiten waren in Kloten sicher angenehmer. Aber ich habe nicht etwas gesucht, das in allen Belangen «schöner» ist. Es gibt keinen perfekten Ort auf der Welt. Wenn ich alles zusammenfasse, gefällt es mir und meiner Familie sehr gut in Davos.

Als Verteidiger dürfte die Umstellung im HCD-System besonders gross sein.

Ich brauchte Anpassungszeit. Wir spielen hier eher ein atypisches Eishockey. Oder zumindest ein anderes, als ich zuvor gespielt habe. Das ist aber eben gut, weil es eine neue Herausforderung ist. Ich muss mir selber zeigen: Habe ich die Fähigkeit, mich anzupassen? Kann ich es lernen? Will ich es lernen? Das macht meinen Alltag spannend. Ich habe mir vor meinem Wechsel einen Vorwurf gemacht: Zu vieles wurde in meinem Leben zur Routine. Es ist auch mit 31 Jahren nicht zu spät, etwas Neues zu lernen.

Was haben Sie schon gelernt?

Ich erhalte hier die Chance, meinen Schuss zu verbessern mit Schusstrainer Michel Riesen, oder Schlittschuh zu laufen mit Powerskating-Spezialist Besa Tsintsadze. Und Arno ist Arno (lacht). Ich versuche, von ihm so viel wie möglich zu profitieren.

In Davos bekunden fast alle neuen Verteidiger Mühe mit dem extremen Transitionsspiel, das Del Curto fordert. Vereinfacht gesagt: Puckeroberung heisst, sofort zu passen, statt die Scheibe zu kontrollieren oder nach vorne zu tragen.

Das ist für mich in der Tat etwas völlig Neues. Das macht eigentlich sonst niemand. In Kloten haben wir zwar viel vom HCD-Transitionsspiel geredet. Aber es so konsequent wie in Davos umzusetzen haben wir nie geschafft. Arno redet nicht nur davon, er verlangt es und unterbricht im Training, wenn du es nicht machst. Ich denke aber, dass er mich auch darum verpflichtet hat, weil er sah, dass ich das könnte. Der erste Pass ist eher meine Stärke als krachende Checks.

«Was ich suchte: Neues, anderes»

Sie sind hoffentlich nicht beleidigt, wenn wir auch festhalten, dass Sie immer noch in «alte» Muster der Scheibenkontrolle zurückfallen …

Nein, überhaupt nicht (lacht). Es ist zum ersten Mal in meiner Karriere, dass ich mir nicht mehr die Zeit nehmen darf, den perfekten Pass zu spielen. Du musst im Kopf diese Umstellung verinnerlichen, die Koordination mit den Händen muss stimmen. Und du musst es wirklich wollen. Wenn das jemand nicht will, dann geht es nicht.

Seit Sie Kloten verlassen haben, passieren verrückte Sachen bei den Flyers.

Also ich habe auch verrückte Sachen erlebt in Kloten (fast-Konkurs vor zwei Jahren, die Red.)…

Okay. Aber immerhin verliessen Sie die Flyers als Play-off-Finalist. Seither wurden Trainer entlassen, Sportchefs zurückgestuft, kuriose Spielerabgänge bekanntgegeben, und das Team kommt nicht vom Fleck. Berühren Sie die Vorkommnisse in Ihrem ex-Klub noch?

Es interessiert mich. Ich habe noch immer Kontakt mit einigen der Jungs. Aber zu viel will ich auch nicht fragen. Ich bin froh, habe ich diese Unruhe nicht mehr. Ich habe Glück, in Davos bis jetzt eine ruhige Saison zu erleben.

Es war zunächst gar wie ein Märchen.

Ja, zu Beginn war es wirklich so. Jetzt sind wir in der Realität zurück. Und das tut uns gut. Es war fast unheimlich, wie wir zuvor die Spiele dominierten. Wir sahen, dass wir ein Riesenteam haben, wenn wir top spielen. Und wir sehen, dass wenn wir nicht mehr konsequent oder zu verspielt sind, auch Mühe haben, ein Spiel wie jenes kürzlich in Ambri zu gewinnen.

Am Anfang wollte Ihr Team vor allem eines: Schnell aufs Tor ziehen, Abschlüsse suchen. Das Ambri-Spiel war hingegen bezüglich Verspieltheit fast absurd.

Das ist so. Und wenn wir danach die Bilder anschauen, sehen wir es ja auch. Wir sind ja nicht blind. Aber im Moment schaffen wir nicht mehr das, was wir wollen, wirklich umzusetzen. Solche Phasen gibt es. Und auch wenn es Jammern auf hohem Niveau ist, ist es ein wichtiges «Jammern». Wenn du dich als Sportler zufrieden gibst, geht es extrem schnell in die andere Richtung. Wir haben jetzt zwei Monate lang auf die Tabelle schauen können und sahen: Davos ist Erster. Im Unterbewusstsein bist du zufrieden und denkst: «Ich muss diesen Schuss nicht mehr blocken, ich muss nicht mehr wirklich mit Drive aufs Tor ziehen.»

Sprechen wir über Ihre Rolle im HCD. Sie sind mit rund 21 Minuten pro Spiel der Davoser mit der längsten Eiszeit.

21 ist eigentlich nicht extrem viel. Es überrascht mich aber nicht. Denn wir rotieren wirklich immer die Linien 1 bis 4. Da verteilt sich halt die Eiszeit.

Hatten Sie in Kloten mehr Eiszeit?

Wir hatten keine genauen Zahlen, aber vom Gefühl her würde ich sagen: Ja. Auch, weil wir fast nie mit acht Verteidigern spielten. Es war also nicht ein Rotieren 1 bis 4, sondern 1 bis 3. Dafür waren die Shifts wegen des Systems weniger intensiv.

Wirklich?

Natürlich, ich musste ja oft die Scheibe hinter dem Tor halten und warten. Das merkst du! In Davos gab es ein paar wenige Spiele, in denen ich Doppeleinsätze absolvieren musste. Ich hatte Mühe, das geforderte Spiel durchzuziehen. Da bist du am Ende kaputt.

Wie in Ihrem «extremsten» Spiel, dem allerersten in Zug mit 27 Minuten Eiszeit. Wie fühlten Sie sich danach?

Also wenn ich ehrlich bin: Ich kam nach Hause und dachte, das wird hoffentlich nicht immer so sein. (lacht) Ich dachte natürlich langfristig. Es war mein erstes NLA-Spiel seit der Adduktoren-Operation. Ich wusste nicht, wo ich stand. Heute weiss ich, dass alles gut ist, dass ich forcieren kann.

Sie gaben sich im Sommer sicher: Es komme endlich gut mit den «Problem-Adduktoren». Waren Sie wirklich überzeugt?

Nein, ich habe lange auch gezweifelt, auch wenn mein Arzt mich immer beruhigen konnte. Der ultimative Test waren aber erst Phasen mit drei NLA-Spielen in vier Tagen.

«Das macht sonst niemand …»

Sie haben nur eine der letzten fünf Saisons verletzungsfrei durchgespielt.

Die chronischen Sachen waren sehr schwierig zu akzeptieren. Ich hatte immer das Gefühl, ich sei einer, der auf seinen Körper schaut, sei es bezüglich Ernährung oder Erholung. Darum fragte ich mich: Warum trifft es immer mich? Ich geniesse nun das, was ich in den letzten Jahren kaum noch kannte: Gesund sein, jeden Tag ohne Schmerzen trainieren und spielen, ohne ständig Eisbeutel auf mich legen zu müssen.

Mit Verletzungen hatten Sie oft Pech. An einem Abend vor elf Jahren hatten Sie indes alles Glück der Welt. Sie überstanden auf der Autobahn eine Kollision mit einem Geisterfahrer fast unbeschadet – der andere Automobilist starb.

Ja, dort hatte ich unglaubliches Glück. Meistens stirbt bei solchen Unfällen der korrekt Fahrende. Mein Klub schickte mich zum Psychologen, aber wir brachen das schnell ab. Ich hatte nie ein Trauma, weil ich vom Unfall nichts mitbekam. Es war eine leichte Kurve, ich überholte ein Wohnmobil und konnte gar nie erahnen, was passieren würde. Ich habe darum kein Bild von einem entgegenkommenden Auto gespeichert in mir. Sonst hätte ich sicher Probleme gehabt später.

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