Diktat sorgt für Wirbel an der Schweizer Schule in Rom
Ein Deutschdiktat mit rassistischem Inhalt an der Schweizer Schule in Rom hat die türkische Botschaft zu einer diplomatischen Intervention veranlasst. Allerdings scheint es, dass aus einer Mücke ein Elefant gemacht wurde.
Ein Deutschdiktat mit rassistischem Inhalt an der Schweizer Schule in Rom hat die türkische Botschaft zu einer diplomatischen Intervention veranlasst. Allerdings scheint es, dass aus einer Mücke ein Elefant gemacht wurde.
Von Dominik Straub
Rom. – Wie viele Fehler die Schüler beim fraglichen Diktat gemacht haben, ist nicht überliefert. Fest steht jedoch, dass der Lehrer an der Schweizer Schule in Rom einen gemacht hat, als er seinen Schülern der 8. Klasse folgende Sätze diktierte: «Für die meisten Türken sind Frauen zum Heiraten und Kinderkriegen da, deshalb finden sie eine Ausbildung unnötig», sagt mir der türkische Lehrer. «Viele Erwachsene, die aus der Türkei kommen, können oft kaum lesen und schreiben.» Dieser Text hat vor allem die türkische Mutter einer Schülerin vor den Kopf gestossen, aber nicht nur sie. «Inakzeptabel» waren die im Diktat verwendeten Sätze auch für Fabio Trezzini, den Verwaltungsratspräsidenten der Schule. Er hat sich, kaum hatte er von dem Vorfall erfahren, bei allen Eltern im Namen der Schule entschuldigt. Eine Gruppe von Eltern liess sich nicht beschwichtigen und protestierte in einem Brief an die Schulleitung, dass ihren Kindern «ein fremden- und frauenfeindlicher Text diktiert wurde, in welchem die moralischen und intellektuellen Qualitäten der türkischen Frauen angezweifelt werden». Der fehlbare Lehrer – noch jung und in seinem ersten Jahr an der Schweizer Schule – wurde zur Rede gestellt. Er versicherte laut Trezzini glaubhaft, dass er niemanden habe beleidigen oder diskriminieren wollen. Auch er entschuldigte sich in aller Form bei den Schülern und Eltern.
Aus Basler Schulbuch
Der Fehler des Lehrers besteht hauptsächlich darin, dass er die für sein Diktat verwendeten Zitate arg aus dem Zusammenhang gerissen hat. Die Sätze stammen aus einem im Kanton Basel-Stadt Anfang der Neunzigerjahre verwendeten Schulbuch; das entsprechende Kapitel handelt von den Schwierigkeiten türkischer Einwanderer aus ländlichen Gebieten sich in der modernen Schweiz zu integrieren. Der Titel des politisch ultra-korrekten Kapitels lautet: «Spur im Sand. Ging da ein Weisser, ein Schwarzer, ein Roter? Der Sand sagt: Ein Mensch.» Ohne Zweifel seien die im Diktat verwendeten Sätze für sich gesehen fremdenfeindlich, betont Trezzini. Doch das Kapitel als Ganzes sei so ziemlich das Gegenteil davon.
Damit war die Sache indessen noch keineswegs erledigt, im Gegenteil. Als die durch nichts zu beruhigenden Eltern erfuhren, dass die Zitate einem offiziellen kantonalen Lehrmittel entstammen, wandten sie sich an die türkische Botschaft – denn in ihren Augen handelte es sich nun nicht mehr bloss um den individuellen Fehler eines Lehrers, sondern um einen die Schweizer Behörden betreffenden Skandal. Auch die italienische Presse wurde informiert. Die Intervention der türkischen Vertretung liess nicht lange auf sich warten: In einer Note an den Schweizer Botschafter in Rom, Bernardino Regazzoni, wurde dieser aufgefordert, «jede mögliche Massnahme gegen die Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit zu ergreifen und dafür zu sorgen, dass sich derartige Vorfälle nicht wiederholen.»
Keine Reklamationen bisher
Die Antwort der Schweizer Botschaft in Rom ist noch in Vorbereitung. Botschafter Regazzoni mahnt indessen dazu, die Angelegenheit nicht grösser zu machen, als sie sei. Auch er betont, dass die fraglichen Zitate in ihrem Gesamtkontext bewertet werden müssten. Regazzoni weist darauf hin, dass im Kanton Basel-Stadt, der das Schulbuch verwendet hat, der Anteil der türkischen Einwanderer 15 Prozent der ausländischen Bevölkerung ausmache. «Es ist festzuhalten, dass die angeblich diskriminierenden Aspekte in Basel bisher noch niemandem aufgefallen sind.»
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