Die «Lavina nera» aus der Surselva ist längst Geschichte
In der Regierung ist sie nicht mehr vertreten: Jetzt droht der Surselva auch der Verlust der Sitze im Bundesparlament. Die Verantwortlichen bei der CVP sind zwar zuversichtlich, sehen aber auch Probleme.
In der Regierung ist sie nicht mehr vertreten: Jetzt droht der Surselva auch der Verlust der Sitze im Bundesparlament. Die Verantwortlichen bei der CVP sind zwar zuversichtlich, sehen aber auch Probleme.
Von Olivier Berger
Ilanz. – Nein, von einem drohenden Debakel will CVP-Nationalrat Sep Cathomas nichts wissen. «Wir sind zuversichtlich», sagt der Präsident der Regiun Surselva mit Blick auf die National- und Ständeratswahlen vom 23. Oktober. «Die Surselva hat viele gute Kandidaten und wird auch weiterhin in Bern vertreten sein.»Tatsächlich könnte aber ausgerechnet Regionenpräsident Cathomas mitverantwortlich dafür sein, dass die Surselva nach ihrem Ausscheiden aus der Bündner Regierung künftig auch im Bundesparlament nicht mehr vertreten ist: Cathomas kandidiert nicht für eine weitere Amtsperiode als Nationalrat. Weil gleichzeitig auch CVP-Ständerat Theo Maissen nicht mehr antritt, droht die Region nach den Wahlen mit leeren Händen dazustehen – erstmals überhaupt in der jüngeren Bündner Geschichte.So weit soll es nicht kommen. Jedenfalls nicht, wenn es nach dem Willen von Christian Capaul geht. Zwar ist sich auch der Präsident der CVP Surselva bewusst, dass seine Partei – und damit die traditionellerweise durch diese in Bern vertretene Region – schon bessere Zeiten gesehen hat. Die «Lavina nera» – die einst grosse Macht der CVP Surselva – sei «Geschichte», sagt Capaul. «Bei den Kreiswahlen im Juni 2010 haben wir drei Grossratsmandate verloren; das sagt schon einiges.»
Die Gefahr erkannt
Stillschweigend akzeptieren will die CVP den drohenden Niedergang allerdings nicht. Hatte sich die Regionalpartei bei den Regierungsratswahlen im vergangenen Jahr im Dienste der Parteiräson noch vornehm zurückgehalten, pocht sie jetzt auf ihre Rechte. «Wir fordern, dass eine bis zwei Personen aus unserer Region auf vordere Plätze der CVP-Wahlliste gesetzt werden«, sagt Capaul. An geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten «mit Bekanntheit über die Region hinaus» fehle es in der Surselva nämlich nicht. Auch wenn der Entscheid über die Wahllisten letztlich bei der kantonalen Delegiertenversammlung liege und die CVP Surselva diesen «in jedem Fall akzeptieren» werde: Die Regionalpartei habe sich den Erhalt mindestens eines der beiden CVP-Sitze in Bern zum Ziel für das Jahr gesetzt, so Capaul. «Wir haben unsere Mitglieder entsprechend informiert.»Der Anspruch der Surselva auf eine Vertretung in Bern steht auch für Dumeni Columberg «ausser Frage». Dass die Surselva nach dem 23. Oktober weder in der Regierung noch im National- oder Ständerat vertreten sein könnte, wäre nach Meinung des langjährigen CVP-Nationalrats und heutigen Gemeindepräsidenten von Disentis mehr als schade. «Es wäre aus staatspolitischer Sicht fatal, wenn eine Region mit so speziellen sprachlichen und kulturellen Gegebenheiten wie die Surselva in den entscheidenden Gremien gar nicht mehr dabei wäre.»Columberg hofft, dass sich die Region auf zugkräftige Kandidaten einigt, um bei den Wahlen geschlossen aufzutreten. Regionalparteipräsident Capaul ist diesbezüglich zuversichtlich. «Die Surselva hat sich in der Vergangenheit noch immer zusammengerauft», sagt er.
VIele Gründe für den Niedergang
Weniger zuversichtlich als die Politiker beurteilt Martin Cabalzar, Chefredaktor der romanischen Tageszeitung «La Quotidiana», die Ausgangslage für CVP und Region. «Beide Sitze zu verteidigen wird kaum möglich sein», glaubt er. «Die Gefahr ist gross, dass die Surselva künftig keine Vertretung mehr nach Bern schickt.» Obwohl Kandidaten aus der Region auf der CVP-Liste «gewisse Vorteile» hätten: «Bei den letzten beiden Wahlen ist es jeweils sehr knapp zugunsten der Surselva ausgegangen.»Die Gründe für den Niedergang der CVP Surselva und den schleichenden Verlust der Region an Einfluss sind laut Cabalzar vielfältig. Zum einen gebe es demografische Gründe – die Abwanderung beispielsweise. Es sei nicht gelungen, die christlichsoziale Bewegung in die CVP zu integrieren. Und schliesslich spielten auch gesellschaftliche Entwicklungen eine Rolle. «Früher waren Staat, Partei, Kirche und Medien in der Region eine Einheit», sagt Cabalzar. Das habe sich auch an der Stimmbeteiligung gezeigt. «Die Leute gingen zur Kirche und direkt weiter zur Urne. Das ist heute nicht mehr der Fall.»
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