Die Zähmung der Plessur: ein Fluss im Wandel der Zeit
Die Plessur führte in der Vergangenheit immer wieder zu verheerenden Überschwemmungen in Chur. Die hohen Mauern links und rechts des Flusses haben die Hochwassergefahr massiv gesenkt.
Die Plessur führte in der Vergangenheit immer wieder zu verheerenden Überschwemmungen in Chur. Die hohen Mauern links und rechts des Flusses haben die Hochwassergefahr massiv gesenkt.
Viviane Michel
In den letzten Tagen dürfte die schäumende Plessur bei vielen Churern mulmige Gefühle ausgelöst haben. Der Wasserpegel ist nach mehreren Tagen häufigen Regens zeitweise merklich gestiegen. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass die Plessur in der Stadt Chur bereits mehrmals für grosse Verwüstungen gesorgt hat.
Doch wie gross ist die Gefahr einer Überschwemmung in der heutigen Zeit? «Im Gebiet der Stadt Chur ist die Plessur verbaut und kanalisiert. Diese Massnahmen reichen aus für die Unwetter, die man hier erwarten kann», sagt Magnus Rageth vom Amt für Wald und Naturgefahren. Wichtig sei, dass das Bachbett genügend Kapazität habe, um auch grosse Wassermassen in den Rhein zu führen. «Das ist im Stadtgebiet der Fall», sagt der Spezialist für Naturgefahren der Region Schanfigg und Rheintal.
Wenig Berührungspunkte
Die hohen Mauern und Böschungen links und rechts der Plessur sind wohl auch ein Grund dafür, dass es mit dem Wasser wenig BerührungsMöglichkeiten gibt. «Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Fuss in die Plessur gehalten zu haben», meint Stadtpräsident Urs Marti. Dies sei in anderen Städten wie in Zürich oder Bern anders, wo man im See oder im Fluss baden gehe. Trotzdem sei der Fluss in Chur allgegenwärtig und identitätsstiftend.
Die Churer hätten keine Angst vor Überschwemmungen der Plessur, ist Marti überzeugt. «Die hohen Verbauungen des Flusses zeigen, dass dies nicht immer so war und es früher viele Überschwemmungen gab», sagt er. Tatsächlich hat die Plessur die Churer Bevökerung in der Vergangenheit oft in Angst und Schrecken versetzt.
Verheerende Überschwemmung
Besonders schwerwiegende Schäden richtete die Überschwemmung des Flusses im Juni 1762 an. Nach mehreren Tagen mit starken Regengüssen durchbrach die Plessur ihr Flussbett und schwemmte vom Sand-Quartier bis zur Mündung in den Rhein Häuser, Ställe, Brücken und drei Gärten am heutigen Plessurquai fort. Die Ziegelhütte, zwei Gerbereien, das Zollhaus, die Obertorer Brücke, das Haus zum «Engel», das Wirtshaus zum «Steinbock» mitsamt ihren Ställen wurden zerstört. Auch die Metzgerbrücke fiel dem reissenden Fluss zum Opfer und wurde fortgerissen. Dabei kamen zwei Männer ums Leben, die sich zu diesem Zeitpunkt auf der Brücke befanden
Da der Fluss die Geschiebemassen nicht bis in den Rhein tragen konnte, lief das Wasser in Gemüsegärten und Wiesen. Links und rechts des Plessurbettes lagerten sich grosse Mengen Sand und Gestein ab, wie im Churer Stadtbuch zu lesen ist.
Nachdem die Stadtobrigkeit das Ausmass der Zerstörung begutachtet hatte, wurde 1763 beschlossen, dass die Plessur zu ihrem Auslauf hin begradigt werden soll. Wie die meisten öffentlichen Arbeiten wurde auch diese Begradigung grösstenteils im Gemeinwerk durch die Bürgerschaft ausgeführt. Arbeiter aus den benachbarten Gemeinden halfen beim Bau, der am 1. April 1765 beendet wurde. Noch heute sind wenige Trockenmauerreste der ersten Korrektur der Seitenwuhren in der Böschung sichtbar.
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