Die sind doch alle ein bisschen Caspar
«Ach, in der Surselva, da gibts eh nur CVPler.» Stimmt. Fast. Es gibt noch ein paar andere Politiker. Freilich, nicht viele. Nur schon die Delegiertenreihen im Grossen Rat zeigen:
«Ach, in der Surselva, da gibts eh nur CVPler.» Stimmt. Fast. Es gibt noch ein paar andere Politiker. Freilich, nicht viele. Nur schon die Delegiertenreihen im Grossen Rat zeigen:
Von 15 Abgeordneten aus der Surselva sind elf in der CVP, einer parteilos, einer in der SP und zwei in der BDP. Es sind also wirklich immer noch fast alle Oberländer Politiker in der CVP. Ausnahmen ausgenommen: Genannt sei beispielsweise der renommierte alt Nationalrat der SP und jüngste Kulturpreisträger Martin Bundi aus Sagogn.
Aber – und jetzt obacht alle, aus deren Mündern der erste Satz des Artikels stammen könnte – die CVP Surselva ist eine Ansammlung aus allen möglichen politischen Gesinnungen. Und es wird in der Surselva übrigens auch niemand als Ketzer verbrannt, der nicht wie die Masse denkt. (Sollte dies mein letzter Artikel sein, danke, dass Sie das BT abonniert und ihn gelesen haben.) Wer in der Surselva politisieren und von den Vorteilen einer Parteizugehörigkeit profitieren möchte, der geht (oder muss) halt in die CVP – von rechts bis links. Ein offenes Geheimnis.
Es folgt jetzt kein Loblied auf die CVP Surselva, sondern der Versuch einer parteilosen, Fahrrad fahrenden, christlich erzogenen, Blasmusik machenden, tätowierten Zimmermannstochter und Nicht-Politologin mit Hang zur Gutmenschlichkeit, zu erklären, warum ein paar klitzekleine Reste der totgeglaubten «lavina nera» mit letzter Kraft gen Chur und gen Bern zu rollen scheinen. Das lassen jedenfalls die Ergebnisse der letzten Nationalratswahlen vermuten, als die Surselva «ihren» Martin in die Hauptstadt schickte. Zwar gibt es keine wirkliche Antwort auf diese Frage, aber der Artikel versucht mit ein paar möglichen Thesen Denkanstösse zu liefern.
These Nummer 1: Die Sursilvaner sind einfach gerne in gewohnter Gesellschaft. These Nummer 2: Sie sind zu bequem, um was Neues auf die Beine zu stellen. Wobei hier eingeschoben werden muss, dass in den letzten Jahren durchaus etwas passiert ist: die Gründung der gut funktionierenden und erfolgreichen jungen CVP. Nein, das ist nicht ironisch gemeint. Nicht jede Jungpartei kann sich mit einem so starken regionalen Ableger brüsten. Andere neue Gruppierungen wie die Pro Idioms sind um Themen und Aktualitäten herum entstanden, sind also vergänglich. Was direkt zu These Nummer 3 führt: Die CVP als grösste Partei der Surselva ist einfach so «normal» geworden wie etwa die Rhätische Bahn. Sie ist einfach da. Ist der Lehrmittelstreit einmal vorbei, sind auch die Tage der Pro Idioms gezählt. Die RhB wird dann aber immer noch das Tal rauf- und runterfahren.
These Nummer 4 für die manchmal bewundernswerte, manchmal beängs-tigende Gruppendynamik der Surselva: Die Forderung, sich als Minderheit Gehör in der Bündner Regierung oder in Bundesbern zu verschaffen, ist immer noch stärker als die Parteizugehörigkeit. Egal, ob Sozialdemokrat oder Bürgerlicher: Die Surselva will mitreden. Alle für einen, einer für alle.
Oder – als letzter Anstoss – These Nummer 5: Caspar Decurtins säte den katholisch-konservativen Samen der Parteidisziplin so tief, dass er einfach immer noch präsent ist. Vielleicht ist die Surselva immer noch ein bisschen wie Caspar.
Betrachtet man die Vita von Decurtins, wird deutlich, dass er mit manchen seiner Ansichten als Vorkämpfer der Soziallehre durchgehen könnte. So setzte er sich mit dem Fabrikgesetz beispielsweise erfolgreich für den Schutz der wirtschaftlich Schwachen ein: freier Samstagnachmittag, Sonntagsruhe, Kranken- und Unfallversicherung. Und sein Schnauzer hatte auch was von dem Nietzsches (das wiederum ist ironisch gemeint). Mit anderen Worten: Schon die universelle Persönlichkeit Decurtins’ war nicht nur ein sturer Politiker der schwarzen Partei. Wie es die Surselva heute auch nicht ist.
sabrina bundi aus Surrein ist Regionalredaktorin. Die Germanistin schreibt zu den Schwerpunkten romanische Sprache und Kultur sowie Bildungspolitik. sabundi@buendnertagblatt.ch
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