Die Opfer bleiben unvergessen
Vor 50 Jahren riss auf der Lenzerheide ein Schneebrett eine Glarner Schulklasse mit. Zehn junge Menschen starben. Vier überlebten, der Rest der 19-köpfigen Gruppe konnte sich in Sicherheit bringen. Nichts war mehr wie zuvor.
Vor 50 Jahren riss auf der Lenzerheide ein Schneebrett eine Glarner Schulklasse mit. Zehn junge Menschen starben. Vier überlebten, der Rest der 19-köpfigen Gruppe konnte sich in Sicherheit bringen. Nichts war mehr wie zuvor.
Von Irène Hunold Straub
Lenzerheide/Glarus. – Noch heute wird jedem weh ums Herz, der sich an die stille Heimkehr erinnert. An die Särge, die in einem Gepäckwagen eines fahrplanmässigen Zuges transportiert wurden. Dem Trauerzug zur Kirche wohnten Tausende bei. Vor den Särgen schritten die überlebenden Schülerinnen und Schüler. Das Bild erschien schweizweit in den Medien – die Angehörigen haben die Seiten mit den erschütternden Fotos aufbewahrt. Jeden Jahrestag werden sie an den grossen Verlust vom 10. Februar 1961 erinnert und bei vielen anderen Gelegenheiten auch.Das Unglück hat das Leben der betroffenen Familien total verändert. Das Geschehene ist unterschwellig heute noch präsent. Das zeigen Gespräche mit fast 20 Angehörigen und Überlebenden.
«Das grösste Unglück, dass je passiert ist»
«Das Lawinenunglück vom 10. Februar 1961 im Gebiet der Lenzerheide ist das grösste, das einer Touristengruppe in unseren Alpen je zugestossen ist. Dass es sich dabei um ein organisiertes Schulskilager handelte, Kinder betraf, die wie Zehntausende ihresgleichen jährlich ihre Familie frohgemut verlassen, um in den winterlichen Bergen Freude und Erholung zu finden, liess dieses tragische Geschehen mehr denn jeder andere Fall ins ganze Volk eindringen.Jede Mutter, jeder Vater eines schulpflichtigen Kindes sah sich in die Möglichkeit versetzt, eines Tages unter ähnlichen Umständen um ein verunglücktes Kind trauern zu müssen.» (Winterbericht des Eidgenössischen Institutes für Schnee- und Lawinenforschung 1960/61)
Ein starker Sturm wütet in der Nacht
Seit Sonntag, 5. Februar 1961, befinden sich 13 Mädchen und 14 Knaben der Kantonsschule Glarus im Skihaus Raschianas oberhalb der Lenzerheide im Skilager. Geleitet wird das Lager von Erna Brandenberger, Inhaberin des Schweizer Skiinstruktoren-Brevets. Täglich unternehmen die Schüler kleinere Skitouren im zum Teil bewaldeten Gebiet gegen den Crap la Pala.
Keine Straf- untersuchung
Am Freitag, dem letzten Lagertag, wird dieselbe Route eingeschlagen wie am Tag zuvor. Über Nacht hat allerdings ein ausserordentlich starker Weststurm zu grossen Verwehungen und damit zu einer Verschärfung der Lawinensituation geführt.Diese Entwicklung sei von der Lagerleiterin nicht erkannt worden, heisst es im Winterbericht des erwähnten Lawinenforschungsinstituts.«Doch es bleiben noch viele ungelöste Probleme offen. Vor allem ist nie etwas in der Richtung getan worden, die häufig diskutierte Schuldfrage von massgebener Seite und offiziell zu beantworten. An dieser Frage schieden sich die Geister, oftmals in ein und derselben Familie. Jedermann erwartete eine richterliche Beurteilung des Geschehens und damit ein offenes Abwägen der vielfach extremen Ansichten.Doch die Staatsanwaltschaft des Kantons Graubünden sah im Verhalten der verantwortlichen Lagerleiterin kein Verschulden und lehnte daher die Eröffnung einer Strafuntersuchung ab. Dieser Entscheid war überraschend und er ist grundsätzlich zu bedauern. In Bezug auf die Voruntersuchung möchten wir lediglich die Tatsache festhalten, dass kein Fachmann als Lawinenexperte zugezogen wurde.»
Nach drei Stunden lebend geborgen
Auf der flachen Ostschulter werden die Felle weggenommen. Mit der ersten Gruppe, den besseren Fahrern, fährt der Hilfsleiter Hans Jenny in einer Linkstraverse in den ihm bekannten Porclas-Hang ein. Mit etwa hundert Meter Abstand folgt Erna Brandenberger mit der zweiten Gruppe. Was dann geschieht, hat der damalige Schüler Kurt Brunner festgehalten.Er selber entkommt der Katastrophe knapp und holt zusammen mit dem späteren Fussballstar Fritz Künzli Hilfe. Das Unglück ereignet sich um 12.15 Uhr.Mit primitivsten Mitteln, mit abgebrochenen Skispitzen und den Händen können zuerst Rosmarie Dürst und dann Ernst Nägeli gerettet werden. Der Vater der Leiterin, dessen Oberkörper frei geblieben ist, kann sich selber befreien.Urs Bachofen kann nach drei Stunden noch lebend geborgen werden – mit Hilfe eines Lawinenhundes, der ihn unter einer festgepressten Schneeschicht von eineinhalb Metern Mächtigkeit aufspürte.
Am Samstag wird letztes Mädchen tot geborgen
Vorerst ist das Ausmass der Katastrophe noch nicht zu erkennen. Drei Viertelstunden nach dem Niedergang der Lawine sind die ersten paar Skilehrer zur Stelle. Sie benützen den Skilift und nähern sich von oben her der Unglücksstätte. Dann folgen in kurzen Abständen 30 bis 40 Skilehrer und andere Helfer, unter ihnen Ärzte sowie Führer mit Lawinenhunden. Das Absuchen des Lawinenkegels wird systematisch an die Hand genommen.Sofort wird auch die Schweizerische Rettungsflugwacht angefordert. Mit Helikoptern und Piper-Flugzeugen wird wichtiges Rettungsmaterial am Unfallort abgesetzt. Die Rettungsmannschaften und beigezogene Militäreinheiten arbeiten die ganze Nacht im Scheinwerferlicht. Sie ziehen tiefe Gräben durch den Lawinenkegel und suchen mit Sondierstangen nach den Opfern.Am Samstag um zwölf Uhr wird auch noch das letzte vermisste Mädchen tot aufgefunden. Es wird ins Glarnerland transportiert und sein Sarg trifft gerade ein, als der Trauerzug die Kirche erreicht.
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