×

Die Mythen im Volksglauben

Sagenhafte Erscheinungen, Drachen, Erdbeben, Wetterunbill und die reale Angst vor dem Absturz des Wiss Nollen: Dies alles spiegelt sich seit Jahrhunderten in alten Überlieferungen und im Volksglauben rund um den Schwyzer Hausberg. «Mythen»-Geschichten, die nach wie vor überraschen und faszinieren.

Südostschweiz
05.09.13 - 02:00 Uhr

Von Hans Steinegger

Schwyz. – Jubiläen haben es in sich, dass rund um die gefeierte Person oder Institution deren Geschichte(n) aufgearbeitet und Ereignisse in Erinnerung gerufen werden. Da macht selbst ein berühmter Berg keine Ausnahme, auch wenn es hier nicht der «Geburtstag» sein kann, schon eher seine Erstbesteigung – oder aber dessen Erschliessung durch einen Bergweg wie damals vor 150 Jahren auf die Grosse Mythen. Und tatsächlich hat dieses Jubiläum in freien Gesprächen nicht nur Fakten wie Jahrzahlen, Personen, Finanzen oder Unglücksfälle aufleben lassen, sondern vielmehr etliche alte Geschichten und Überlieferungen wachgerufen. Und es sind nicht wenige, die teils sogar Jahrhunderte zurückreichen – von drohenden Gefahren über sagenhafte Erscheinungen bis zu teuflischen Wettermachern.

Wetterleuchten, Hagel sieben …

Da war doch schon vor genau 140 Jahren im «Einsiedler Kalender 1873» zu lesen: «Meine Grossmutter, Gott hab sie selig, erzählte in langen Winterabenden gerne allerlei Märchen und Sagen. Stundenlang hörte ich ihr zu, wenn ich dann ausgestreckt auf dem warmen Ofen droben lag. So erzählte sie auch einmal, wie der Teufel einst beschlossen hätte, ein arges Unwetter anzuheben. Dazu habe er all seine dienstbaren Luftgeister auf den hohen Mythen hinaufbeordert und jedem Anleitung gegeben, wie er’s dabei anzustellen habe. Der Michel musste wetterleuchten, der Hansel den Hagel sieben, der Franzel das Regenfass und die Spritzen hinaufwälzen, der Christofel mit seinen Gesellen die Blasebälge in Bewegung setzen und durch die Wetterlöcher hinauswinden; kurz: Jeder hatte seinen Auftrag bekommen; und dann sei’s losgebrochen mit Blitz und Donner, Regen und Hagel, Wind und Wirbel, dass es dem Teufel selber grauste, und es hätte nicht viel gefehlt, so wären die beiden Mythenköpfe hinuntergeflogen über den schönen Flecken Schwyz, wie einst der Rossberg über das anmutige Goldau.»

Wunderbare Erscheinungen

Doch schon Jahrzehnte früher hat der berühmte Schwyzer Pfarrer und Historiker Joseph Thomas Fassbind (1755–1824) in seiner «Schwyzer Geschichte» etliche «Wunderbare Phänomene oder Ereignisse am Himmel» festgehalten. So seien beispielsweise 1765 und 1770 neben der Grossen Mythen – damals noch «Mita» geheissen – Kometen von wunderlicher Form und langen Schweifen erschienen. 1797 sei «an der Mita» erneut ein Komet aufgetaucht, diesmal jedoch ohne Schweif, aber grösser und glänzender als die anderen Sterne, dafür umgeben von einem kreisförmigen Nebel. Und nur drei Jahre später seien am Heiligen Abend viele Feuerstreifen am Himmel erschienen: die einen wie Balken, andere wie Kugeln – «alles unter starkem Knallen gleich einem Donner oder losgebrannten Kanonen».

Und weiter berichtet Pfarrer Fassbind von geradezu brachialen «Erderschütterungen», vor allem im Jahre 1774. Da habe ein Erdstoss im ganzen Land weit und breit alles erzittern lassen. «Nach einer lang anhaltend schwülstigen Witterung und bei Nebelwolken erfolgte die Erschütterung auf einmal, die Berge wankten, die Mita soll sich entzwei gespalten und gählings wieder geschlossen haben …». Ein drittes und viertes Beben sei in der Nacht derart stark gewesen, dass die Leute im Dorf nicht mehr in ihren Häusern übernachten wollten.

Feurige Drachen unterwegs

Ende des 18. Jahrhunderts soll nach Pfarrer Fassbind nicht nur mehrfach ein Komet Feuerstreifen in den Himmel gezeichnet haben, sondern 1797 soll zwischen dem Antonius- und Sebastianstag (17./20. Januar) morgens um fünf Uhr «eine brennende Materie in der Luft» aufgetaucht sein, «die schnell vorwärts fuhr und Feuerstrahlen auf die Erde fallen liess». Während die Erscheinung in Luzern über dem Pilatus die Form einer brennenden Tanne gehabt habe, sei es in Schwyz eine Art «brennender Drachen» gewesen, «vom Rossberg herkommend, gegen Ingenbohl zu». Und ein «anderes solches Phänomen von der Mita her gegen Seewen, nicht hoch von der Erde erhoben wie eine Strohwelle. Zu Gersau sah man feurige Kugeln», notierte der Schwyzer Pfarrer.

Fantasie und Volksglaube? – Schon 450 Jahre früher will der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat (1545–1614) von vielen Personen selbst gehört haben, wie vor allem zur Sommerszeit «feurige Würmer» vom Pilatus aus von einem Berg zum andern unterwegs gewesen seien. Einen «gleichartigen» Wurm, sprich einen Drachen, habe der Schwyzer Ratsherr Johannes Degen um 1550 auf der Spitze des Berges oberhalb des Fleckens Schwyz gefunden. Er begegnete dem Ungeheuer unvermittelt auf der Jagd, griff es aus Notwehr an, doch der Schuss aus der «Handbüchse» hatte nicht tödlich getroffen. Darauf kämpfte der Schwyzer mit dem Gewehr in der Hand so lange, bis er das Untier «erledigt und umgebracht» hatte, und «zwar nicht ohne grosse Mühe, Arbeit und Gefahr …»

Wenn der Wiss Nollen kommt …

Wundersame Himmelszeichen, gewaltige Erdstösse, verheerende Unwetter und feurige Drachen – bis in kleine Einzelheiten sind sie in alten Schriften festgehalten. Diesen vermeintlich fantasiereichen Vorstellungen steht seit Jahrhunderten die reale Furcht gegenüber, der Wiss Nollen in der Südwestwand der Grossen Mythen könnte sich eines Tages lösen und ins Tal donnern. Nicht nur Pfarrer Thomas Fassbind hat zu seiner Zeit diese bange Frage aufgegriffen, sondern früher bereits der Brunner Lokalhistoriker Felix Donat Kyd (1793–1869). Er notierte dazu in seinen handschriftlichen Aufzeichnungen unter dem Stichwort «Myte»: «Der Mythenstock ist besonders auf der Südwestseite sehr schroff und verwittert. Ein ungeheurer Felsenblock hängt daran, der früher oder später hinab zu stürzen droht, und grosses Unglück verursachen muss. Vielleicht könnte mit einigen Pfunden Pulver dem Unglück vorgebogen werden.»

… und König Hakon hält Wache

Tatsächlich hat vor einigen Jahrzehnten der Verein der Mythenfreunde einen Ingenieur mit der Analyse des Gefahrenpotenzials beauftragt. Das ist in den Protokollbüchern nachzulesen mit dem Befund, dass sich keine Vorkehrungen aufdrängten. – Was liegt auch da näher als der Volksglaube, König Hakon und seine Gemahlin würden schon dafür sorgen, dass kein Unheil passiere. Das Königspaar aus dem hohen Norden ruht nämlich seit der Gründung von Schwyz gleich gegenüber, und zwar unterhalb der Mythenmatt versteinert im Felsen des Wiss Wändli. Je nach Sonnenstand und vor allem bei Sonnenuntergang ist das gekrönte Paar in plastischen Umrissen gut erkennbar. Nach der Sage soll es sich seinerzeit auf die Grosse Mythen zurückgezogen haben – grämend und traurig darüber, dass ihre wegen Hungersnot und unter Anführung von Suit und Swen ausgewanderten Untertanen von ihrem Besuch alles andere als angetan waren, ja von ihnen nichts mehr wissen wollten. Seither ruhen beide im steilen Mythenfels. Nur König Hakon soll sich noch gelegentlich bei Unwettern als böser und drohender Geist in Gestalt von Donner und Blitz erheben …

Quellen: Renward Cysat, Collectanea; Angela Dettling/Joseph Thomas Fassbind, Schwyzer Geschichte; Felix Donat Kyd, Nachlass im Staatsarchiv; Neuer Einsiedler Kalender 1873; Hans Steinegger, Schwyzer Sagen (I).

Zu den wohl ältesten «Wetterpropheten» im Lande Schwyz zählt heute noch die Grosse Mythen. Mit Nebelschwaden signalisiert sie jeweils in drei Varianten, was an Sonne oder Regen zu erwarten ist. Der Volksmund hat die «mythischen» Wetterregeln sogar in Reime gefasst. So heissen die drei Regeln:

Hat die Grosse Mythen einen Hut, wird das Wetter gut! Haben die beiden Mythen einen Kragen, darfst du ruhig etwas wagen! Hat die Grosse Mythen einen Degen (längliche Wolke an der östlichen Südflanke), gibt es sicher wieder Regen! – Zwar gelten diese Voraussagen nicht exklusiv für Schwyz, gibt es doch ähnliche oder sogar die gleichen Reime mehrfach auch anderswo, nur mit ausgetauschtem Bergnamen.

Eigenständiger ist hingegen der jahrhundertealte Brauch mit der jährlichen Wetterregel an Christi Himmelfahrt: Am Vormittag des Auffahrtstags bringen Kinder Blumensträusse zum Gottesdienst in die Schwyzer Pfarrkirche, um sie segnen zu lassen. Die Gebinde werden anschliessend zusammen mit einer Christusstatue durch die grosse Kuppel in den Dachstock, die «Himmleze», hinaufgezogen. Bis heute hat sich der Volksglaube gehalten, dass die bevorstehenden Sommergewitter jeweils aus jener Richtung kommen werden, in welche die Christusfigur beim Verschwinden in der Deckenöffnung blickt. Wehe, wenn sie zu den Mythen schaut, gelten doch die Unwetter von der Grossen Mythen her als die schlimmsten. (hs)

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu MEHR