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Die Marke von 1,95 Metern bedeutet noch immer Rekord

In den Neunzigerjahren hat Sieglinde Gemperli-Cadusch zur erweiterten Weltelite im Hochsprung gehört. Die mittlerweile 43-jährige Churerin hält mit 1,95 Metern noch immer den Schweizer Rekord, den sie 1995 sprang.

Südostschweiz
05.06.11 - 02:00 Uhr

Von Hansruedi Camenisch

Leichtathletik. – An den 1. September 1995 erinnert sich Sieglinde Gemperli-Cadusch noch so genau, als ob er gestern gewesen wäre. Sie weilte damals in Amerika, um in Atlanta die Anlagen für die Olympischen Spiele 1996 zu rekognoszieren. Beim Hochsprung-Meeting in Marietta spielte sie ihre Hochform optimal aus. Die Konkurrenz hatte die Segel bereits gestrichen, Siegi Cadusch verblieb allein im Wettkampf. Sie habe sich wie in einem erkämpften Final gefühlt, erinnert sie sich an die Momente, als die Sprunglatte auf 1,95 Metern liegen blieb. Für die Bündnerin war es eine Entschädigung für die kurz zuvor erlebte Enttäuschung an der Weltmeisterschaft. Im schwedischen Göteborg hatte sie den Final der besten zwölf als 13. trotz übersprungener Qualifikationshöhe von 1,93 Metern wegen zu vieler Fehlversuche hauchdünn verpasst.

«Der Schweizer Rekord macht mich stolz»

Seit jenem Rekordtag sind bald 16 Jahre verflossen, doch der Name Sieglinde Cadusch taucht in der Schweizer Hochsprung-Bestenliste noch immer an erster Stelle auf. Sie habe schon damals gewusst, dass die 1,95 Meter nicht so schnell von einer Landsfrau überboten würden, sagt die Churerin. Erstens sei die Höhe sehr gut, und zweitens würden weniger Leichtathletinnen auf Hochsprung setzen als etwa auf die Laufdisziplinen. Dass sie nach wie vor den Schweizer Rekord halte, mache sie stolz, bemerkt sie mit einem Strahlen im Gesicht. «Es zeigt mir, dass ich etwas geleistet habe, was nicht jede kann.» Es sei der Lohn für ihren Fleiss gewesen. Auf die Frage, wie lange sie noch Rekordhalterin bleiben werde, meint sie: «Es darf schon noch eine Weile dauern.» Am nächsten tastete sich letztes Jahr die Tessinerin Beatrice Lundmark mit 1,92 Metern heran.

Sieglinde Cadusch blickt gerne auf ihre Zeit als Spitzensportlerin zurück. Inzwischen ist sie verheiratet mit Stefan Gemperli und stolze Mutter des siebenjährigen Luca. Im grossen Wohnzimmer der Familie erinnert nichts an ihre Leichtathletik-Karriere. Medaillen, Pokale, Bilder und Ordner, welche ihre Sprünge dokumentieren, sind im Keller versorgt. Einige Pokale hätten Beulen erhalten, als Luca damit spielte, sagt die Churerin lächelnd. Die Nagelschuhe trug sie seit ihrem Rücktritt 1998 nie mehr, und sie begab sich seither auch nicht mehr in ein grosses Stadion. Das Geschehen verfolgt sie noch in der Zeitung oder ab und zu im Fernsehen. «Die Leichtathletik war mein Leben. Mit dem Rücktritt endete ein Lebensabschnitt, danach begann für mich ein neuer», sagt Sieglinde Gemperli-Cadusch. Sie wurde im Fitness-Bereich als Instruktorin tätig. Heute leitet sie die Wellness-Abteilung im Hotel «Schweizerhof» auf der Lenzerheide.

Könnte sie das Rad der Zeit zurückdrehen, würde sie nochmals denselben Weg einschlagen, sagt die schlanke, 1,80 Meter grosse Bündnerin, die zu ihren Wettkampfzeiten gerade mal 58 Kilogramm auf die Waage brachte. «Auf jeden Fall!», betont Sieglinde Gemperli-Cadusch. «Ich erlebte eine lässige, spannende Zeit, die mir auch für das spätere Leben viel brachte.» Früh sei sie ihre eigene Meisterin gewesen. «Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen und erhielt dafür erst noch Geld, das zum Leben genügte.» Als 1,90-Meter-Springerin hatte sie international ihren Marktwert; sie erhielt regelmässig Einladungen zu Meetings im Ausland inklusive Reisespesen sowie je nach Rang und Sprunghöhe Prämien. Unterstützt wurde sie durch Sponsoren, den TV Unterstrass Zürich, den Schweizer Leichtathletik-Verband und das nationale Olympische Komitee. Zu den Karriere-Höhepunkten der siebenfachen Schweizer Meisterin zählte die Teilnahme an den Sommerspielen 1992 in Barcelona und vier Jahre später in Atlanta; beide Male verpasste sie den Finaleinzug. Als persönliche Highlights nennt Sieglinde Gemperli-Cadusch ihre Starts am «Letzi-Meeting» in Zürich «wegen der grossartigen Stimmung und weil dort die Zuschauer so nahe an den Wettkampfanlagen waren.» Olympia hingegen sei wegen der weiten Wege und vieler Personenkontrollen für sie schon fast zu gross gewesen.

«Der Aufwand hat sich gelohnt»

Siegi Cadusch tingelte oft als Einzelkämpferin durch die Welt. Einsam habe sie sich dennoch nie gefühlt, und der Aufwand als Spitzensportlerin mit teilweise mehreren täglichen Trainings habe sich gelohnt, «wenn ich sehe, was ich jetzt bin», sagt sie rückblickend. «Ich lernte, mich durchzusetzen, durchzubeissen und konsequent auf ein Ziel hinzuarbeiten.» Im Training habe sie manchmal eine zusätzliche Einheit eingeschaltet, wenn es nicht rund lief, statt auch mal den Mut zur Ruhe zu haben. Das hat sich geändert. Jetzt joggt Sieglinde Gemperli-Cadusch ausschliesslich zum Spass durch den Churer Fürstenwald.

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