Die Leidenschaft ist geblieben
Mit 19 Jahren hat Elvira Knecht 1992 den Engadin Skimarathon gewonnen und an den Olympischen Winterspielen teilgenommen. Noch vor ihrem 22. Geburtstag erklärte die talentierte Langläuferin aber bereits ihren Rücktritt.
Mit 19 Jahren hat Elvira Knecht 1992 den Engadin Skimarathon gewonnen und an den Olympischen Winterspielen teilgenommen. Noch vor ihrem 22. Geburtstag erklärte die talentierte Langläuferin aber bereits ihren Rücktritt.
Nach einer kurzen Zeit als Spitzensportlerin geht Elvira Knecht jetzt im Bankenwesen ihren Weg
Von Hansruedi Camenisch
Nein, die Zeit als Langläuferin möchte sie nicht missen, sagt Elvira Knecht rückblickend und beschreibt ihre Leidenschaft: «Es fühlte sich sehr gut an. Ich tat damals, was ich tun wollte. So einfach ist das. Ich hatte Spass daran. Und ich hatte nie das Gefühl, etwas zu verpassen oder auf etwas verzichten zu müssen. Langlauf stand im Mittelpunkt meines Lebens.» Der Langlauf sei für sie wie ein Zirkus oder eine internationale Zirkusfamilie gewesen. «Wir zogen von Ort zu Ort und befanden uns in unserer kleinen eigenen Welt, in der sich alles um den Langlauf drehte.»
<strong>Knecht entpuppte sich früh</strong> als grosses Talent für den Ausdauersport auf schmalen Latten. Von 1989 bis 1994 gehörte sie den Kadern des Schweizerischen Skiverbandes an. Als 17-Jährige startete die Churerin 1990 erstmals am Engadin Skimarathon. Sie wurde über die 42 Kilometer auf Anhieb Zweite hinter der Italienerin Guidina Dal Sasso – obwohl sie zuvor noch nie ein so langes Rennen absolviert hatte. Zwei Jahre später stellte Knecht bei ihrem Sieg am «Engadiner» in 1:25:27 Stunden einen neuen Streckenrekord bei den Frauen auf. Sie habe die Skating-Technik gemocht und von ihren extrem guten Gleitfähigkeiten profitiert, sagt Knecht.
<strong>Diese Qualitäten zahlten sich</strong> auch auf internationaler Ebene aus. An den Juniorinnen-Weltmeisterschaften 1991 verblüffte Knecht in Les Saisies (Frankreich) als Fünfte im 15-km-Einzelrennen. Und mit der Schweizer Staffel gewann sie gar WM-Bronze. Als Höhepunkte bei den Aktiven startete die Churerin an den Weltmeisterschaften 1991 in der Val di Fiemme (Italien) und zwei Jahre später in Falun (Schweden) sowie an den Olympischen Spielen 1992 in Albertville (Frankreich). Exploits gelangen ihr keine. Der Frauen-Langlauf wurde damals von den Russinnen geprägt. «Es war die Hochblütezeit des Dopings», meint Knecht rückblickend. «Wir Schweizerinnen hatten von Doping keine Ahnung, aber auch die zulässige medizinische Betreuung war damals im Vergleich zu heute noch handgestrickt.»
<strong>Auf den Olympia-Strecken</strong> von Les Saisies erzielte Knecht als 26. über 30 Kilometer ihr bestes Ergebnis. Auch wenn sie resultatmässig hohe Erwartungen nicht erfüllte, blieben ihr die Olympischen Spiele mit allem Drumherum als einmaliges Erlebnis in Erinnerung. Die Schweizer Staffel, die damals auf Rang 9 lief, bildeten übrigens neben der erfahrenen Sylvia Honegger mit Brigitte Albrecht, Natascia Leonardi und Knecht drei junge, vielversprechende Athletinnen. Albrecht und Leonardi gehörten zehn Jahre später in Salt Lake City (USA) jenem Schweizer Quartett an, das sich sensationell Olympia-Bronze erkämpfte. Knecht verfolgte diesen historischen Moment des Schweizer Langlaufs 2002 zu Hause am Fernseher. Sie hatte bereits 1994 als nicht einmal 22-Jährige ihren Rücktritt vom Spitzensport erklärt.
<strong>Gian Gilli habe zu Beginn</strong> der Achtzigerjahre als Trainer der Schweizer Langläuferinnen zwar einen Super-Job gemacht, doch man habe von den jungen Athletinnen zu viel zu schnell gewollt, sagt Knecht. Und nach dem tödlichen Unfall eines Physiotherapeuten habe im Führungsteam jemand gefehlt, der sich um die menschliche Seite der jungen Athletinnen gekümmert hätte. Knechts ungewöhnlich frühen Rücktrittsentscheid beschleunigten Verletzungen. Ihr letzter Wettkampfwinter, 1993/94, sei brutal hart gewesen. «Ich bewegte mich in einem Teufelskreis», erinnert sich Knecht. «Wegen Knochenhautentzündungen und anderen Verletzungen war ich trainingsmässig im Rückstand und kam nie richtig in Form. Die mentale Kraft war deshalb jeweils schon am Start aufgebraucht.»
<strong>Nach der enttäuschenden</strong> letzten Saison fiel Knecht nach ihrem Rücktritt in ein tiefes Loch. Sie vermisste, was sie jahrelang am liebsten gemacht hatte – inklusive des grossen und harten Trainingsaufwands – und musste zuerst wieder eine neue Aufgabe finden, die genauso viel Herausforderung bot und Spass machte. Bei Davos Tourismus fand die Churerin eine Arbeitsstelle, «wo ich den Einstieg ins Berufsleben fand. Mit lässigen Leuten und im Bereich Sport und Veranstaltungen konnte ich wertvolle Erfahrungen sammeln», so Knecht. Sie spürte, dass ihr diese Tätigkeit passte, und nebenbei liess sie sich auch noch zur Schneesportlehrerin ausbilden. Noch heute erteilt die exzellente Skaterin punktuell Langlaufunterricht.
<strong>(Gesundheits-)Sport betreibt</strong> Knecht nach wie vor regelmässig. Ihr neunjähriger Sohn Mauro versucht ihr allerdings das Langlaufen abzugewöhnen. Er zieht es vor, wenn ihn die Mama zum Skifahren begleitet.Sie brauche körperliche Betätigung, findet Knecht, aber sie müsse auch im Kopf gefordert werden – oder wie sie es wörtlich sagt: «Ich brauche auch Nahrung fürs Hirn.» Als Jugendliche hatte sie die Handelsschule in Chur und den Leistungssport problemlos unter einen Hut gebracht. Nach ihrem Rücktritt absolvierte sie zunächst ein Studium in Betriebswirtschaft. Später erlangte die frühere Spitzenlangläuferin den Masters of Advanced Studies in Bankmanagement. Bereits seit Jahren bildet statt des Schnees die Bankenwelt ihre berufliche Plattform. Knecht jongliert allerdings nicht mit Zahlen. Sie unterstützt die Mitarbeitenden auf verschiedenen Ebenen; sie ermittelt, stärkt und fördert ihre Kompetenzen. Lange hatte sie diese Aufgabe für die Graubündner Kantonalbank inne. Jetzt ist Knecht bei der LGT im Fürstentum Liechtenstein für die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden zuständig. Sie tut es mit derselben Freude und Leidenschaft, wie sie früher dem Langlauf frönte.
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