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Die Landung ist Ammanns Achillesferse

Ski nordisch Mit der Bauchlandung in Oberstdorf vergab Simon Ammann seine Chancen auf den Gesamtsieg an der Vierschanzentournee gleich im ersten Sprung. Das schwächste Glied der Kette riss.

Südostschweiz
31.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

si. Der vierfache Olympiasieger ist ein begnadeter Flieger. Diese Eigenschaft verlor er auch nach seinem ersten Doppel-Olympiasieg in Salt Lake City nicht, als die FIS den Body-Mass-Index einführte und die Leichtgewichte zurückband. Viele weitere Faktoren machen Ammann zum Ausnahmekönner, doch zu den Spezialisten der Telemark-Landung zählte der Toggenburger nie. Der «Churfirsten-Adler» vergibt immer wieder wertvolle Punkte – er hätte weit mehr als 23 Weltcup-Siege einfliegen können.

Das Problem mit dem Touchdown akzentuierte sich in den letzten Jahren. Wegen der geringeren Tragfläche der Anzüge wird mit höheren Tempi aufgesetzt, die Landung in der Schrittstellung wird schwieriger. Und bei weiten Flügen in den Grenzbereich, wo der Aufsprunghang abflacht, zieht der Toggenburger immer eine «Häfeli»-Landung vor, während einige Konkurrenten noch den Telemark in den Schnee zaubern. Die Landung ist Ammanns verwundbare Stelle, seine Achillesferse.

Ein Déjà-vu

Erschwerend kam in Oberstdorf der Neuschnee hinzu. Solche Verhältnisse sind sich die Springer nicht mehr gewohnt, sie landen gewöhnlich auf kompaktem Kunstschnee. Zum Schwachpunkt und den widrigen Umständen gesellte sich am Montagabend noch das Pech. Der Schweizer Trainer Martin Künzle bestätigte nach der Video-Konsultation, dass Ammann den Flug zwar ausgereizt, die Landung aber korrekt in den Schnee gesetzt hätte. «Dann blieb der rechte Ski leider hängen.»

Nur Pech? Bereits Ammanns letzte Stürze waren nach identischem Muster verlaufen. Vor einem Jahr in Lillehammer konnte er sowohl in der Qualifikation wie auch im ersten Durchgang jeweils Sprünge auf 129,5 m nicht stehen. Er landete mit zu viel Vorlage, die Ski verkanteten im weichen Schnee, und er klappte nach vorne weg. Doch abgesehen von einer Schramme am Kinn kam der Toggenburger bereits damals ohne Verletzung davon. «Er wird sich drei, vier Tage nicht rasieren müssen», sagte Nationaltrainer Martin Künzle in Lillehammer schelmisch. Gestern war er nachdenklicher. Künzle verwies auf die erhebliche Verletzungsgefahr bei solchen Zwischenfällen. Auch wenn er es nicht aussprach: Ein gebrochenes Schlüsselbein, eine ausgerenkte Schulter oder eine Bänderverletzung im Knie oder am Fuss liegt da immer drin. Mit ein paar blauen Flecken war Ammann gut bedient.

Möglicherweise ging Ammann ein zu hohes Risiko ein, weil er bei der Landung auf keinen Fall Punkte verschenken wollte. Vielleicht hätte er sich bei diesen Verhältnissen etwas zurücknehmen müssen – so wie andere Springer auch. Immerhin endeten 79 andere Versuche ohne Sturz.

Einst Profiteur eines Sturzes

Am Montagabend verlor der Schweizer die Option auf den Gesamtsieg. Der 33-Jährige hat in seiner Karriere aber auch schon von Bruchlandungen der Konkurrenz profitiert. So kam er 2009 an den Weltmeisterschaften in Liberec auf der Normalschanze unverhofft zu Bronze. Nach dem ersten Durchgang an sechster Stelle liegend, legte er als erster der ganz grossen Namen vor und übernahm mit 99,5 Metern die Spitze. «Das reicht nicht für eine Medaille», schoss es Ammann durch den Kopf. Oben standen noch Österreichs Schwergewichte mit Olympiasieger Thomas Morgenstern, Gregor Schlierenzauer und dem damaligen Tournee-Sieger Wolfgang Loitzl, der wieder erstarkte Anders Jacobsen (No) sowie der Halbzeit-Leader Harri Olli (Fi). Alles deutete auf Rang 4 hin, bis Morgenstern auf 101,5 m segelte und wegen eines Verschneiders zu Boden ging. Nachträglich stellte sich heraus, dass er mit seinem Flug Silber und somit einen Dreifach-Triumph der Österreicher vergeben hatte.

Ammann muss sich nun wieder fangen. «Ich brauche jetzt etwas Zeit, um den Frust zu verarbeiten», sagte er. «Wenn ich wieder am Start stehe, wird sich der Blick automatisch nach vorne richten.» Ein erster Sieg auf österreichischem Boden wäre doch ein lohnendes Ziel? «Das wäre nur ein schwacher Trost», meinte Ammann in seiner ersten Enttäuschung.

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