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Die «Kenianerin» aus Nidwalden

Trotz marginalem Bezug zum Kanton hat Genoveva Eichenmann einen Fixplatz im Bündner Sport. Ihr Marathon- Rekord von 2:36,41 Stunden bleibt in naher Zukunft wohl unangetastet. Für die 57-Jährige ist dies Nebensache.

Südostschweiz
29.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Johannes Kaufmann

Leichtathletik. – Der Weg zur Bündner Rekordhalterin im Marathon braucht Zeit. Er führt via Zürich und Bern ins Berner Seeland. Genoveva Eichenmann lebt im beschaulichen Vinelz, zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer Katze. Die vier Söhne sind derweil allesamt auf dem Sprung, um auf eigenen Füssen zu stehen. Viel erinnert in der eher schlicht eingerichteten Wohnung nicht an eine sportliche Laufbahn. «Die Pokale lagern auf dem Dachboden, die mussten gleich nach dem Karrierenende weg», sagt die Hausherrin. Immerhin ein stämmiges Souvenir ist geblieben. Der massive Holztisch plus die dazugehörenden Stühle waren ein Preis beim Engadiner Sommerlauf. Hier feierte Eichenmann in den Achtzigerjahren einen von zahlreichen Siegen an kleineren Läufen. Das Engadin ist auch der Grund, weshalb sich die gebür- tige Nidwaldnerin seit 1986 Bündner Rekordhalterin im Marathon nennen darf. Von 1981 bis 1986 lebte und arbeitete Eichenmann zusammen mit Ehemann Hans Eichenmann in Samedan. Im örtlichen Regionalspital war die ausgebildete Krankenschwester unter anderem als Ausbildnerin fürs Pflegepersonal tätig. «Mein Mann orientierte sich beruflich neu und eröffnete in Erlach eine eigene Physiotherapie-Praxis», sagt Genoveva Eichenmann zum Wegzug aus dem Engadin nach Vinelz. Beruflich ist Eichenmann seither mit einem 40-Prozent-Job als Bürokraft in der Praxis ihres Ehemanns tätig. Immerhin eine gewisse Affinität zu Graubünden blieb. Oft verbrachten die Eichenmanns Fami-lienferien im Engadin.

Ihre sportliche Laufbahn bedeutet Eichenmann wenig. Irgendwie tut sie sich auch schwer, sich überhaupt als Leistungssportlerin zu bezeichnen. Eichenmanns Marathonkarriere war denn auch alles andere als geplant. Sie war in ihrer Jugend sportlich nicht überaus aktiv, von einem geregelten Training ganz zu schweigen. Und trotzdem wurde früh eine einmalige Basis für den Ausdauersport gelegt. «Ich hatte in Buochs einen sehr langen Schulweg», erinnert sie sich. Rund eine halbe Stunde dauerte die Bewältigung der auch topografisch anspruchsvollen Strecke vom Elternhaus in die Schule, die sie viermal täglich absolvierte. «Oft habe ich den Weg dann auch etwas schneller bewältigt», sagt Eichenmann. Es waren definitiv nicht die schlechtesten Vor-aussetzungen für den Ausdauersport. Exakt derlei Geschichten von einem langen Weg in die Schule werden oft genannt, wenn es um Ursachenforschung für die Überlegenheit der kenianischen Läufer geht. Eichenmann war auch ein Naturtalent, eine «Kenianerin» aus Nidwalden.

Rekordhalterin am Bieler 100-km-Lauf

Zur Startrampe für den Marathon mutierte der legendäre 100-Kilometer-Lauf rund um Biel. Aus heutiger Optik betrachtet mag die Distanz nicht mehr schockieren, mittlerweile gibt es Zehnfach-Triathlons oder mehrtägige Ultraläufe durch die Sahara. «Damals war dieser Lauf der ultimative Härtetest im Langstreckenbereich», erläutert Eichenmann. Sie schwärmt vom einmaligen Ambiente. «Mir gefiel das Laufen in der Nacht – und in jedem Dorf herrschte ein Volksfest», sagt sie. Die besonderen Umstände beflügelten die Nidwaldnerin an ihrem neuen Wohnort. Mehrfach triumphierte sie am Bieler Klassiker, ihre Rekordmarke von 8:05 Stunden bei der Austragung 1984 blieb während Jahren unangetastet.

Der «Bieler» stand am Beginn ei-ner vermeintlich hoffnungslos spät lancierten Marathon-Karriere. 1983, im Alter von 26 Jahren, debütierte Eichenmann über die klassischen 42,195 Kilometer. Die Einsteigerzeit von 3:07 Stunden war ganz passabel, die Initialzündung für internationale Meriten erfolgte ein Jahr später. Mit 2:48 Stunden lief sie in Zürich eine Zeit, mit der sie in der Schweiz bereits zur erweiterten Spitze zählte. «Vor allem mein Mann stellte sich nun ernsthaft die Frage, was da noch drinliegt», erläutert Eichenmann mit einem Lachen im Gesicht. Hans Eichenmann hatte die Laufkarriere seiner Ehe- frau seit jeher hautnah begleitet und schliesslich matchentscheidend angeschoben. Die Eichenmanns liefen oft gemeinsam im Training und Wettkampf.

1984 wurden die Weichen für einen Versuch als Spitzenläuferin gestellt. Und das professionelle Lauftraining wirkte sich sogleich positiv aus. Schweren Herzens musste Eichenmann zwar auf zukünftige Aktivitäten am lieb gewonnenen «Bieler» verzichten. Diesen Preis zahlte die Läuferinnen indes gerne. Sie gibt zu, dass sie nun auch selbst ein Interesse daran hatte, wie schnell es möglich ist den Marathon zurückzulegen. Als Angestellte in der Physiotherapie-Praxis ihres Ehemanns durfte sie die Arbeitszeiten flexibel nach den Bedürfnissen des Leistungssports gestalten. Es folgten Jahr für Jahr Bestzeiten. Den nach wie vor unangetasteten Bündner Rekord von 2:36,41 Stunden realisierte sie 1986 erneut in Zürich, wobei ihr diese Marke nun wirklich nicht viel bedeutet. «Das wusste ich nicht, dass ich diesen Rekord besitze», sagt sie erstaunt.

Als Höhepunkt ihrer Laufbahn nennt Eichenmann die Teilnahme am IAAF-Marathon-Weltcup 1987 im südkoreanischen Seoul, den sie inmitten eines Klassefeldes in der Zeit von 2:35,40 auf Rang 10 beendete. «Das war mein wertvollstes Resultat», bilanziert Eichenmann. 1987 lief sie an den Weltmeisterschaften in Rom auf Rang 18 ein. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Seoul schien der Fahrplan für den ultimativen sportlichen Höhepunkt optimal zu passen. Auf dem Weg nach Seoul resultierte im April in Zürich abermals eine persönliche Bestmarke (2:34,43). Zur Einordnung der Leistung: Mit dieser Zeit wäre sie in der Schweiz 2014 die Nummer 2 hinter Maja Neu- enschwander. Und in der ewigen Schweizer Bestenliste belegt Eichenmann Rang 11. «Doch dann wollte ich wohl eine Spur zu viel», blickt sie zurück auf 1988. Sie erlitt einen Ermüdungsbruch. Der Olympia-Fahrplan war nicht mehr einzuhalten.

Chancenlos in Seoul

Zwar entschied sie sich trotzdem für den Abstecher nach Seoul. Mit Trainingsrückstand resultierte lediglich Rang 47 mit einer Zeit zehn Minuten über ihrer Bestmarke. Schwamm drüber. 26 Jahre später herrscht keinerlei Frust über die verpatzte, einmalige Chance auf Olympia-Meriten. «Ich wäre vielleicht besser nicht gestartet», sinniert Eichenmann, «aber es war halt der Olympia-Marathon.» Trotz des geglückten Testlaufs ein Jahr zuvor hätte sie wohl ohnehin keine Rolle gespielt in diesem Rennen, mutmasst Eichenmann. Der IAAF-Weltcup habe zu einer anderen Jahreszeit stattgefunden, Olympia jedoch im Hochsommer. «In der Hitze lief ich nie gut», sagt sie.

Seoul 1988 wurde zum Karriere-Abschluss. Sie überliess das Schicksal darüber auch der Natur – und wurde sogleich schwanger. Neun Monate später war Genoveva Eichenmann glückliche Mutter. Drei weitere Söhne folgten innert kürzester Zeit, ein Wiedereinstieg in den Leistungssport wurde nie zum Thema. Mit der Frage, was denn noch möglich gewesen wäre, hat sie sich gar nicht erst beschäftigt. Nach bloss vier Jahren gezieltem Training war sie im besten Marathon-Alter von erst 31 Jahren vom Spitzensport zurückgetreten.

Ab und an werde sie noch auf den Sport angesprochen. Vor Olympia 2012 war Eichenmann ein Thema in der Regionalpresse, und während der EM im August erschrak sie nahezu zu Hause auf dem Sofa, als der TV-Reporter Neunenschwanders neunten Rang als beste Schweizer EM-Platzierung seit Eichenmann 1986 in Stuttgart (Rang 12) einordnete. «Ich war doch damals alles andere als gut gelaufen», sagt sie und lacht. Sportlich blieb sie aktiv, die Wettkämpfe indes vermisst sie überhaupt nicht. «Die Prioritäten im Leben haben sich eben komplett verschoben», sagt Genoveva Eichenmann und strahlt erneut.

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