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Die grösste aller Sogwirkungen entwickelt die Sehnsucht

Der Bündner Regisseur Marco Luca Castelli bringt im Theater Klibühni in Chur das Stück «Endstation Sehnsucht» auf die Bühne. Für Castelli ist dies der Abschluss einer künstlerischen Schaffensphase.

Südostschweiz
Samstag, 04. September 2010, 02:00 Uhr

Von Valerio Gerstlauer

Chur. – Er habe sich lange davor gescheut, dieses Stück zu inszenieren, gestand Regisseur Marco Luca Castelli gestern an einer Medienorientierung im Theater Klibühni in Chur. Zu viel Respekt flösste ihm das Melodram «Endstation Sehnsucht» ein. Doch die ungeheure Sogwirkung, die er dem vom amerikanischen Schriftsteller Tennessee Williams (1911-1983) verfassten Theaterstück bescheinigt, hat den Bündner nie mehr losgelassen. Und so kommt es, dass «Endstation Sehnsucht» ab dem 11. September im Innenhof der Klibühni zu sehen sein wird.Eine Grundbedingung für die Aufführung sei für ihn allerdings gewesen, die Rollen mit herausragenden Schauspielern besetzen zu können, sagte Castelli. Die hohen Ansprüche erfüllen offensichtlich unter anderen Rebecca Indermaur, Manuel Löwensberg, Caroline Betz, Christoph Gantert und Peter Neutzling. Besonders freut sich Castelli über die Mitarbeit von Indermaur, welche während der ersten sieben Jahre ihres Lebens im Klibühni-Gebäude aufwuchs und nun quasi zu ihren Wurzeln zurückkehrt.Seinen Einstand auf der Bühne feiert Reto Bernetta. Der Geschäftsleiter des Theaters Klibühni wird in einer Nebenrolle auftreten – als Irrenarzt.

Ist das Leben vorherbestimmt?

«Das Stück ist voller Poesie, Vitali- tät, Sinnlichkeit und Sexualität», schwärmte Castelli. Die zentrale Frage von «Endstation Sehnsucht» sei jedoch, ob der Mensch überhaupt eine Chance habe, ein anderes Leben zu führen, oder ob alles vorherbestimmt sei. Trotz des im Stück aussichtslosen Kampfes um Selbstbestimmung will Castelli einen Hauch von Hoffnung einfliessen lassen. Sonst allerdings hält sich der Regisseur bis auf einige Kürzungen stark an die Vorlage von Williams. Denn er empfinde es als Ehre, sich diesem grossen Bühnenautor und Schöpfer grandioser Rollenporträts anzunähern, sagte Castelli.Williams erzählt in seiner Geschichte von Stella und Blanche DuBois, zwei Töchtern einer französischstämmigen Hugenotten-Familie, die im Süden der USA mit einem Gutshof und der Sklavenhaltung ein Vermögen anhäufte. Doch der Niedergang des Betriebs ist unabwendbar, und so entschliesst sich Blanche nach der Versteigerung des Familienbesitzes, ihrer jüngeren Schwester zu folgen, die bereits vor Jahren in die Grossstadt New Orleans übergesiedelt ist. Die schwangere Stella lebt dort zusammen mit ihrem Mann, dem polnischen Einwanderer Stanley Kowalski, in einem Arbeiter- und Künstlerviertel. Als Blanche ihre Schwester aufsucht und erfolgreich um Asyl bittet, taucht sie in eine Gegenwelt ein – eine Welt voller Jazz und Freizügigkeit. Doch die beengten Wohnverhältnisse und die unterschiedlichen Wertvorstellungen führen zwischen Blanche und Stanley zu Konflikten. Zudem entbrennt zwischen den beiden ein erbitterter Kampf um Stella.Laut Castelli wusste Williams bis kurz vor Fertigstellung des Stücks im Jahr 1946 nicht, wie er es nennen sollte. Da kam ihm die «Desire Line» in den Sinn, eine Strassenbahnlinie in New Orleans, deren Endstation sich «Desire» (Sehnsucht) nannte. Der Titel war gefunden. Nachdem das Stück 1947 in New York uraufgeführt worden war, erhielt Williams dafür den Pulitzer-Preis. 1951 wurde «Endstation Sehnsucht» mit Marlon Brando und Vivien Leigh in den Hauptrollen verfilmt.

Das Ende einer Trilogie

Mit «Endstation Sehnsucht» schliesst Castelli laut eigenen Aussagen seine Sehnsuchts-Trilogie ab, die mit «Vier Tänze» 2007 begann und mit «Maria Stuart» im vergangenen Jahr seine Fortsetzung fand. Das nächste Thema, dem sich Castelli widmen möchte, ist der Tod. Doch auch im kommenden Jahr wird sich der Regisseur noch einmal mit der Sehnsucht auseinandersetzen müssen. Im Herbst 2011 wird seine Inszenierung von «Endstation Sehnsucht» im Theater Ansbach in Bayern aufgeführt.

«Endstation Sehnsucht». Premiere: Samstag, 11. September, 20.30 Uhr. Weitere Aufführungen: 14., 15., 16., 17., 18., 21., 22., 23., 24. und 25 September, jeweils um 20.30 Uhr, Theater Klibühni, Chur.

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