Die Gemeinschaftswährung erleidet einen Schwächeanfall
Unterschiedliche Konjunkturentwicklungen in den Euroländern, die Debatte um einen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, die Erholung der US-Wirtschaft: Auf den Euro prasselt es derzeit von allen Seiten ein.
Unterschiedliche Konjunkturentwicklungen in den Euroländern, die Debatte um einen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, die Erholung der US-Wirtschaft: Auf den Euro prasselt es derzeit von allen Seiten ein.
Von Ulrich Glauber
Frankfurt. – Mario Draghi bemüht sich nach Kräften. Erst am Wochenende hatte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) in einem Zeitungsinterview den baldigen Ankauf von Staatsanleihen der Euromitgliedsländer in den Raum gestellt. Im Fachjargon der Notenbank heisst das Quantitative Easing. Der Kurs der europäischen Gemeinschaftswährung bewegte sich daraufhin in Richtung 1.20 Dollar. Doch das Strohfeuer währte nicht lange. Gestern wurde an den Devisenmärkten mit 1.1861 Dollar pro Euro zeitweise der tiefste Stand seit dem Jahr 2006 verzeichnet. Zur Erinnerung: Im vergangenen Mai hatte die europäische Gemeinschaftswährung noch fast 1.40 Dollar gekostet (siehe Grafik).
Zwei Schlüsseldaten
In der Masse von Hiobsbotschaften für die Hüter des gebeutelten Euro gewinnen zwei Daten zunehmend an Bedeutung, die nur wenige Tage auseinanderliegen. Am 22. Januar kommt in Frankfurt der EZB-Zentralrat zu seiner nächsten geldpolitischen Sitzung zusammen. Bevor dabei nicht zumindest über einen Zeitplan für ein Quantitative-Easing-Programm entschieden worden ist, wird der Euro wohl weiter schwächeln. Nur vier Tage später kommt es dann in Griechenland zu vorgezogenen Neuwahlen. Aus ihnen könnte die radikale Syriza als Siegerin hervorgehen, was aktuell zu Spekulationen über die Folgen eines griechischen Austritts aus der Eurozone führt (siehe Artikel «Rückkehr zur Drachme – Ausweg oder Sackgasse?»).
Seit dem 1. Januar umfasst die Eurozone mit dem Beitritt Litauens 19 Länder Europas mit 337 Millionen Einwohnern. Dass es nach der griechischen Wahlentscheidung wieder 18 Staaten sein werden, ist momentan nicht auszuschliessen. Über die Konsequenzen eines solchen Schritts, der in der ersten Griechenland-Krise vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen wäre, gibt es unterschiedliche Einschätzungen. So haben Regierungskreise in Berlin – möglicherweise als Wink mit dem Zaunpfahl für die griechische Wählerschaft – durchblicken lassen, dass Deutschland einem solchen «Grexit» nichts entgegensetzen werde. Ökonomen räumen ein, dass die Eurozone inzwischen für die finanziellen Folgen eines Austritts Griechenlands viel besser gewappnet ist, warnen aber vor dem politischen Schaden. «Grexit» könnte von Euro-feindlichen Tendenzen und Gegnern der strikten Sparpolitik im Währungsraum «als Blaupause verstanden werden», schreibt etwa die Bank Metzler in einer Analyse.
Streit um Anleihenkauf
Auch bei dem von Draghi angestrebten Ankauf von Staatsanleihen gehen die Meinungen weit auseinander. Zwar hat der Absturz der Ölpreise die Inflationsrate selbst in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 2014 auf den niedrigsten Stand seit 2009 gedrückt. Für Bundesbank-Präsident Jens Weidmann ist das aber kein Grund zum Aktionismus. Das Risiko einer Deflation hält er für «weiterhin gering». Seine Notenbank-Kollegen aus Südeuropa drängen dagegen auf eine noch grosszügigere Geldpolitik. Hinter diesen internen Problemen dürfen die globalen Ursachen für den schwachen Euro nicht übersehen werden. Die US-Wirtschaft ist dabei, den divergierenden Volkswirtschaften der Eurozone zu enteilen und wird für Anleger immer attraktiver. Das hat Vorteile für die Euroländer. Die Erleichterung von Exporten aus Europa wegen des niedrigen Eurokurses in Verbindung mit dem Absturz der Ölpreise ist einer Konjunkturspritze gleichzusetzen.
Grund zum Jubeln gibt es in Europa trotzdem nicht. Immer deutlicher wird, dass die Zugkraft der Konjunkturlokomotive China nachlässt. Und auch Befürchtungen, dass die russische Wirtschaft wegen der westlichen Sanktionen vor dem Kollaps stehen könnte, lassen die Aussichten für das beginnende Jahr in ganz Europa alles andere als rosig erscheinen.
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