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Die Geister von Vrin – oder Totgesagte leben länger

2005 schrieb «Der Spiegel» vom «Wunder von Vrin», 2013 die «Handelszeitung» von «Vrins Verschwinden». Nun öffnet das Gasthaus «Pez Terri» seine Tore wieder und steht allen Geschichtenerzählern offen.

Südostschweiz
05.06.14 - 02:00 Uhr

norbert Waser

Verschwunden ist die politische Gemeinde Vrin tatsächlich. Seit dem 1. Januar 2013 ist sie eine Fraktion der fusionierten Gemeinde Lumnezia. «Wir sind aber noch immer da», stellt Gion A. Caminada fest. Der Architekt, ETH-Professor und bekannteste Botschafter des Weilers zuhinterst im Lugnez ist eine Art Leuchtturm im Tal des Lichtes.

Vom «Wunder von Vrin» …

Architekt Gion A. Caminada und Peter Rieder, Professor für Agrarwirtschaft, standen 2005 im Mittelpunkt einer Geschichte des deutschen Magazins «Der Spiegel». «Im hintersten Winkel Graubündens wächst, aller Landflucht zum Trotz, ein kleines Dorf. Ein Architekt und ein Ökonom haben es zum Modellort für strukturschwache Bergregionen gemacht», schrieb damals die Journalistin Katja Thimm, die Rieder und Caminada für ihre Ideen als «Helden der Dorfgeschichte» abfeierte. Einer der Gründe für die euphorische Schlagzeile war eine wundersame Vermehrung, nahm doch die Einwohnerzahl damals um 20 Bewohner von 260 auf 280 zu.

… zu «Vrins Verschwinden»

Acht Jahre später verkündete die Schweizer «Handelszeitung» das Scheitern dieser Rettungsidee, illustriert mit einer Grafik, die den Bevölkerungsschwund von 1998 bis 2012 von 289 auf 242 Einwohner dokumentiert. Unter dem Titel «Vrins Verschwinden» schrieb der Journalist Marc Badertscher: «Dem Bündner Ort Vrin droht wegen Bevölkerungsschwund der schleichende Tod.» Fazit: Ein Kind pro Jahrgang reicht nicht aus, um das Überleben des Dorfes zu sichern.

Das «Pez Terri» öffnet wieder

In beiden Artikeln wurde das Restaurant «Pez Terri» erwähnt. Im «Spiegel»-Artikel wurde es als «der knorzige, alte Dorfgasthof» bezeichnet, in der «Handelszeitung» kam die scheidende Pächterin zu Wort. Gion A. Caminada nimmt diese Geschichten zur Kenntnis, so wie den kürzlich bekanntgegebenen Abgang des Parc-Adula-Direktors. «Vrin lächelt und rüstet sich für neue Geschichten; die Keimzellen sind offen», sagt er. Und er stellt Fragen: Wie finden sich die Vriner innerhalb der fusionierten Talgemeinde zu recht, um ihren Eigensinn zu leben? Bedeutet der geplante Nationalpark Adula die Schaffung eines anderen Stücks Schweiz? Oder verdrängt er eine selbstverständliche Beziehung zwischen Natur und Kultur? «Wunder und Untergang sind nahe beieinander», stellt Caminada fest. Jeder und jede sehe sie anders. «Eines ist gewiss: die Zukunft dieses Landes liegt in klug eingefädelten und gut gelebten Beziehungen zwischen Berg und Stadt. Dafür braucht es Räume, enge und weite, geschlossene und offene.»

Am Samstag, 7. Juni, öffnet, das Gasthaus «Pez Terri» seine Tore wieder. «Ab sofort steht es allen Geschichtenerzählern offen; den Wunderjublern und den Untergangsprophetinnen. Vrin selbst weiss auch viel zu erzählen; es gibt weder wahre noch unwahre Geschichten, aber solche, die uns Menschen begeistern», sagt Caminada und lädt alle ein, sich Gedanken über die Zukunft von Vrin zu machen.

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