Die Dschihadisten verlieren die Schlacht um Kobane
Seit September ist die syrische Grenzstadt Kobane ein Symbol des Widerstands gegen den Islamischen Staat (IS). Jetzt stehen die kurdischen Verteidiger vor dem Sieg. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit der Dschihadistenmiliz ist dahin.
Seit September ist die syrische Grenzstadt Kobane ein Symbol des Widerstands gegen den Islamischen Staat (IS). Jetzt stehen die kurdischen Verteidiger vor dem Sieg. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit der Dschihadistenmiliz ist dahin.
Von Michael Wrase
Damaskus. – Als die Terrormilizen des Islamischen Staats am 15.September Kobane angriffen, musste man fast täglich mit dem Fall der syrisch-kurdischen Grenzstadt rechnen. Aus drei Himmelrichtungen griffen die IS-Dschihadisten an. Fast 200 000 Menschen flohen in die nahe Türkei. Die dortige Regierung rechnete fest mit einer Niederlage der mit der verbotenen türkisch-kurdischen PKK verbündeten Kurden in Kobane und verkündete dies auch mit unverhohlener Genugtuung. Tatenlos sah die an der Grenze aufmarschierte türkische Armee zu, wie die IS-Kämpfer mit ihren schweren Geschützen vorrückten. Gleichzeitig verhinderte Ankaras Geheimdienst jegliche Militärhilfe für die Verteidiger von Kobane.
Einen Monat ohne Hilfe
Auch die USA liessen die sich verzweifelt wehrenden Kurden zunächst im Stich. Erst einen Monat nach dem Beginn der IS-Offensive bombardierte eine US-geführte Koalition die Stellungen des IS und leitete damit die Wende ein. Washington hatte erkannt, wie verwundbar die IS-Milizen in Kobane waren. In einer Kooperation mit den hervorragend kämpfenden syrischen Kurden könnte der Nimbus der Unbesiegbarkeit des Islamischen Staats, der seit Anfang des Jahres schon bedeutende Teile Syriens und des Irak eingenommen hatte, erstmals gebrochen werden, hofften die Amerikaner.
Der Plan ging auf. Mit massiver Luftunterstützung gingen die Kurden Anfang Dezember in die Offensive. Auch der IS realisierte, was für ihn in Kobane auf dem Spiel stand. Immer neue Kämpfer wurden in die Schlacht geschickt, die von Hunderten Reportern am Grenzzaun live verfolgt wurde. Über 1000 IS-Kämpfer kamen im US-Bombenhagel ums Leben oder wurden von den Kurdenmilizen im Häuserkampf aufgerieben. Am letzten Wochenende eroberten die Kurden auch das Sicherheitsviertel von Kobane, in dem das Polizeihauptquartier und Verwaltungsgebäude stehen.
Mehr als 80 Prozent der Grenzstadt sind nun wieder in kurdischer Hand. IS-«Kalif» Abu Bakr el Bagdadi steht vor der Frage, ob er weitere Kämpfer in die nun aussichtslose Schlacht schickt oder mit einem Rückzug aus Kobane seine Niederlage zugibt.
Überall in der Defensive
Die Zeit der Expansion scheint für den IS vorbei zu sein. An zu vielen Fronten müssen die Dschihadisten gegenwärtig kämpfen. Auch im irakischen Kurdistan wurden sie unlängst geschlagen. Selbst die nicht gerade für ihre Schlagkraft berühmte irakische Armee schafft es inzwischen, den IS in die Defensive zu drängen.
Niederlagen hat der Islamische Staat bislang nicht eingeräumt. Auf die Rückschläge im Irak reagierte er im Dezember mit der Exekution von angeblich feigen Kämpfern. In den vom IS kontrollierten Städten und Ortschaften versucht er mit öffentlichen Hinrichtungen und Auspeitschungen jene Stärke zu zeigen, die an der Front von Kobane inzwischen fehlt. Ob die Kurdenstadt schliesslich zum «Stalingrad» des Islamischen Staats wird, muss aber noch abgewartet werden.
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