Die besinnliche Zeit mit Pauken und Trompeten beendet
«Zehn Jahre festliches Konzert zum Jahresausklang»: Am letzten Samstag gastierte die Opera Viva aus Obersaxen erstmals in Chur und begeisterte das Publikum im Titthof mit kraftvoll vorgetragenen Rosinen aus italienischen Opern.
«Zehn Jahre festliches Konzert zum Jahresausklang»: Am letzten Samstag gastierte die Opera Viva aus Obersaxen erstmals in Chur und begeisterte das Publikum im Titthof mit kraftvoll vorgetragenen Rosinen aus italienischen Opern.
Von Sebastian Kirsch
Chur.– Gestatten, mein Name ist Pietro, und ich bin eine arme Kirchenmaus. Seit Generationen lebt unsere Familie im Dachgebälk des Kirchgemeindehauses Titthof in Chur und wir sind stolz auf unsere italienischen Vorfahren, die vor langer Zeit den Weg in die Hauptstadt Graubündens gefunden haben. Warum ich das erzähle? Nun, am letzten Samstag ist etwas ganz Aussergewöhnliches passiert. Zunächst hatte nichts darauf hingewiesen, dass mir dieser Abend unvergesslich bleiben wird. Denn der grosse Saal ist am Abend ja oft vermietet. Aber schon bei den Vorbereitungen irritierten mich die Sprachenvielfalt, die verschiedenen Gerüche und die zahlreichen Instrumente, die zu sehen waren.
Musikalischer Marathon
Besonders die besinnlichen Weihnachtstage sind es, die unsere Grossfamilie gerne nutzt, um über alte Zeiten und das Neueste zu reden und die vielen Guetzli zu vernaschen. Doch an diesem Samstag war es kurz nach 20 Uhr vorbei mit der Besinnlichkeit. Mit geballter Kraft entfaltete sich im grossen Saal ein musikalischer Donnersturm, der während zweier Stunden anhalten sollte – nur kurz unterbrochen von neuen Aufstellungen.
Ich als Laie verstehe wenig von dem, was dort vor sich ging, aber die ersten lauten Töne haben mich und meinen Schwager Gioacchino neugierig gemacht und wir sind zu unserem Lüftungsschlitz gegangen, von wo aus wir einen ungehinderten Blick auf das Geschehen hatten. Wir hörten nicht nur italienischen Gesang, sondern auch eine Musik, die ganz tief in uns drinnen zu schlummern schien. Musik, wie sie süsser kaum sein konnte, obwohl das Orchester fast pausenlos im fortissimo spielte.
Opera italianata
Gioacchino, sonst eher ein geschwätziger Typ, wurde trotz lauter Töne ganz andächtig, er hörte zu und wusste recht bald, was da gespielt wurde: Opernmelodien waren ihm seit seiner Kindheit bekannt – seine Familie stammt übrigens aus einem naheliegenden Theater und kennt sich aus in der Oper. Behauptet er jedenfalls. So konnte er mir zahlreiche Namen aufzählen, von denen ich noch nie gehört hatte: Gioacchino Rossini, Vincenzo Bellini, Francesco Paolo Tosti, Giuseppe Verdi, Umberto Giordano, Gaetano Donizetti und Pietro Mascagni. Allerdings muss ich hinzufügen, dass auch mir die meisten Stücke irgendwie bekannt vorkamen. Ehrlich. Denn wenn unsere Putzkolonne im Haus aktiv ist, spielt aus einem Radio immer solche Musik, die einem sofort ins Blut geht und das Herz erfrischt.
Man konnte fast Angst bekommen
Die Namen der Komponisten nannte Gioacchino nicht einfach, sondern er zelebrierte sie. Das Orchestra Giuseppe Verdi aus Ungarn spiele wie ein Uhrwerk, so Gioacchino, und der Dirigent Gion Gieri Tuor sei bestimmt fest entschlossen, dem Orchester und seinem Chor die grösste je gemessene Lautstärke in diesem Saal zu entlocken. Allerdings mache er sich ein wenig Sorgen um den Maestro, weil er sich so dermassen ins Zeug werfe, dass man fast Angst um ihn bekommen könne. Der Chor wirke nicht nur gut aufgestellt, sondern habe sich tapfer geschlagen. Aus vollen Kehlen hätten sie alle gesungen, so Gioacchino. Harmonisch, kraftvoll, vielstimmig. So wie auch die zwei Solistinnen und die zwei Solisten; diese hatten aber laut Gioacchino eher eine Statistenrolle.
Ich war jedenfalls überwältigt von dem Anlass. Endlich war es vorbei mit der besinnlichen Zeit und den halblauten Klängen. Es war schön meine Muttersprache zu hören und zu sehen, dass die vielen Menschen, die trotz des Wintereinbruchs gekommen waren, sich so begeistern konnten. Stehende Ovationen, Zugaben und ein nicht enden wollender Applaus ist das Beste, was uns armen Kirchenmäusen passieren kann. Denn dann gehen die Menschen glücklich nach Hause und wir können uns in aller Ruhe um die Reste kümmern, die von der letzten Weihnachtsfeier übrig geblieben sind.
Weitere Konzerte: 29. Dezember, 20 Uhr, Sedrun, Baselgia Parochiala; Dienstag, 30. Dezember, 20 Uhr, Obersaxen Meierhof, Kirche St. Peter und Paul. www.operaviva.ch
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