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Die beliebteste Polizei der Welt feiert den 200. Geburtstag

In Italien wird eine nationale Institution 200 Jahre alt: die Carabinieri. Die 100 000 Mann starke Truppe liegt in Umfragen zum Vertrauen der Italiener in ihre Staatsorgane seit Jahren konkurrenzlos an der Spitze.

Südostschweiz
06.06.14 - 02:00 Uhr

Von Dominik Straub

Rom. – Diese dunklen Uniformen mit den roten Seitenstreifen an den Hosen und den Auszeichnungen auf der Brust! Dieses gelassene, souveräne Auftreten! Und diese rassigen Autos: Welche Polizei der Welt geht in dunkelblauen Alfa Romeos auf Gangsterjagd? Schon allein mit ihrem Erscheinungsbild verkörpern die Carabinieri italienische Bellezza und Grandezza – zusammen mit dem in Italien ebenfalls nie fehlenden Hauch von Theatralik. «Von den Bürgern in Uniform hat sich niemand so tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben wie die Carabinieri», sagt der Autor und Literaturprofessor Claudio Magris aus Triest.

Halb Soldat, halb Polizist

Die «Arma dei Carabinieri» war von König Vittorio Emanuele I. von Sardinien im Sommer 1814 als Truppengattung des Heeres gegründet worden. Schon damals hatten die Carabinieri militärische wie polizeiliche Aufgaben – und das ist bis heute so. Sie blieben dem Verteidigungsministerium unterstellt und unterhalten als vierte Teilstreitkraft neben Heer, Marine und Luftwaffe auch eigene Kampftruppen. Die Carabinieri nehmen auch an friedenssichernden Auslandeinsätzen der UNO und der Nato teil. Ihr Sollbestand beträgt rund 120 000 Mann; Stellenstopp und Sparmassnahmen haben die tatsächliche Mannschaftsstärke in den letzten Jahren auf etwas mehr als 100 000 sinken lassen.

Die ganz spezielle Mischung aus Polizist und Soldat macht wohl die grosse Beliebtheit aus, die der Carabiniere geniesst. Als Ordnungshüter und Auge des Gesetzes ist er gefürchtet – als Verteidiger des Landes und der demokratischen Institutionen wird er geachtet und geliebt. Als im November 2003 im Irak 19 Carabinieri bei einem Selbstmordanschlag getötet wurden, stand das Land unter Schock. An der Piazza Venezia in Rom, wo die Toten aufgebahrt waren, bildete sich eine kilometerlange Schlange von Bürgern, die den Gefallenen die letzte Ehre erweisen wollten.

Die Guten unter den Uniformierten

In der Wahrnehmung der Italiener sind die Carabinieri die Guten – im Gegensatz zur Polizia di Stato des Innenministeriums und der Guardia di Finanza. In unzähligen Büchern und Filmen sind sie als mutige und liebenswürdige Helden – und nicht selten auch als gutaussehende Liebhaber – verklärt worden; echte Helden wie der 1982 von der Cosa Nostra erschossene Carabinieri-General Carlo Alberto Dalla Chiesa bestätigten diese Idealisierung in der Realität. Die Zuneigung schlägt aber mitunter auch in Respektlosigkeit um: Die Carabinieri sind eine Zielscheibe von Witzen nach dem Ostfriesen-Muster. Ein Beispiel: Zwei Carabinieri patrouillieren durch Neapel. Sagt der erste: Schau, eine tote Möwe! Schaut der andere zum Himmel und fragt: Wo?

Der Spott ist ungerecht, denn aufgrund ihrer Erfahrung und der hohen Aufklärungsrate bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität geniessen die Carabinieri international einen exzellenten Ruf. Vertreter der Spezialeinheit zur Bekämpfung des Terrorismus und der Mafia werden von ausländischen Korps zu Fortbildungskursen eingeladen. Einen hohen Spezialisierungsgrad weisen auch andere Kommandos auf: Es gibt Carabinieri-Abteilungen für Verbraucher- und für Kulturgüterschutz sowie zur Überwachung des Gesundheitswesens. Daneben spüren Spezialeinheiten Umweltsündern und Lebensmittelfälschern nach und überwachen die Einhaltung von Sicherheitsbestimmungen am Arbeitsplatz.

Populärer noch als der Präsident

«In den 200 Jahren ihres Bestehens hat sich zwischen Carabinieri und Volk eine spezielle Beziehung von Vertrauen und Freundschaft herausgebildet; in allen Teilen des Landes ist die ‘Arma’ zu einem unerschütterlichen Bollwerk der Freiheit und des friedlichen Zusammenlebens geworden», betonte Staatspräsident Giorgio Napolitano gestern Abend bei den Feierlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen der Truppe. Tatsächlich belegen die Carabinieri in Umfragen, in denen es um das Vertrauen in die staatlichen Institutionen geht, seit Jahren mit grossem Abstand Rang 1, weit vor dem – ebenfalls beliebten – Präsidenten. Das ist nicht schlecht für eine Truppe, die im Alltag letztlich doch in erster Linie als Polizei wahrgenommen wird.

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