×

Des Journalisten Freud im Wahljahr

Parlamentarier haben es schön. Sie werden mit «Herr Nationalrat» oder «Frau Ständerätin» angesprochen, kassieren Sitzungsgelder und Spesen, dürfen Gesetze ändern, sich von Unternehmen und Verbänden bei üppigen Nachtessen hofieren lassen und ihre Meinung über die Medien hunderttausendfach weiterverbreiten.

Südostschweiz
04.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von lorenz honegger

Wem würde das nicht gefallen?

Doch es gibt auch Schattenseiten. Zum Beispiel in diesem Jahr, wenn Parlamentarier von links bis rechts um ihre Wiederwahl bangen müssen.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich am Wahltag vor vier Jahren im Zürcher Fernsehstudio neben einer Nationalrätin stand, die während Stunden unentwegt auf einen Computerbildschirm starrte. Die Resultate kamen nur langsam rein und verhiessen nichts Gutes. Am Ende reichte es ihr hauchdünn für die Wiederwahl. Andere hatten weniger Glück. Der grüne Nationalrat Jo Lang etwa, bis dahin ein national bekannter Politiker, wurde von den Zuger Wählern von dannen geschickt – ohne Kündigungsfrist, ohne Erklärung.

Nicht weiter erstaunlich also, dass Parlamentarierinnen und Parlamentarier für uns Bundeshausjournalisten selten besser verfügbar sind, als wenn sie sich vor der Abwahl fürchten. Parteipräsidenten, die im Normalfall mürrisch die Auskunft verweigern, äussern sich zurzeit bereitwillig zu jedem Thema. National- und Ständeräte bieten einem unaufgefordert ihre Vorstösse an und geben nebenher zig Tausende Franken für Wahlwerbung aus. Im Wahljahr ist des Politikers Leid des Journalisten Freud.

Lorenz Honegger ist Bundeshausredaktor der «Aargauer Zeitung» und der «Südostschweiz».

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu Zeitung MEHR