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Der König ist nackt

Graubünden und Uri sind die Vorreiter was nachhaltigen Informatikunterricht anbelangt. Diese Feststellung macht der ETH-Professor Juraj Hromkovic im nachfolgenden Beitrag.

Südostschweiz
01.02.12 - 01:00 Uhr

Von Juraj Hromkovic*

Die Märchen beinhalten viele Weisheiten. Ein König läuft nackt herum, weil er glaubt, dass er die schönsten Kleider trägt und nur dumme Leute seine Kleider nicht sehen können. Aus dem gleichen Grund wagt niemand ihm zu sagen, dass er nichts anhat. Im Unterschied zum Märchen ruft jetzt nicht ein Kind, sondern der englische Bildungsminister: «Der König ist nackt!» Minister Gove nennt den ICT-Unterricht, der auf dem Erlernen des Umgangs mit Softwaresystemen wie Word und Excel beruht, einen Mist, der sowohl für die Lehrpersonen als auch für die Klassen langweilig ist, und verbannt diesen aus der Schule. Statt dessen sollen wissenschaftliche Grundkonzepte der Informatik und das Programmieren unterrichtet werden, und das schon ab nächstem September. Gove spricht zusätzlich über einen grossen wirtschaftlichen Schaden als Folge von diesem minderwertigen ICT-Unterricht. Wie grosse Umfragen zeigen, finden nur zwei Prozent der Jugendlichen ICT- Unterricht «nützlich», «spannend» findet ihn gar niemand, keine Rede von intellektuellen Herausforderungen. Ein Grund, dass Informatik und benachbarte technische Disziplinen als uninteressant eingestuft und für ein Hochschulstudium nicht in Betracht gezogen werden.

Technologie der Zukunft

Die Fachleute wissen es schon lange, dass ein Kurswechsel unvermeidbar ist. Informatik spielt in der kommenden Wissensgesellschaft eine ähnliche Rolle wie die Mathematik während der technischen Revolution. Sie nicht zu unterrichten bedeutet, auf eine wichtige Dimension in der Entwicklung der konstruktiven mathematisch-technischen Denkweise der neuen Generation zu verzichten. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass Informatikunterricht ab acht Jahren sehr fruchtbar ist. Programmieren im engeren Sinn bietet nicht nur das Ziel an, Technik steuern zu lernen, sondern schult auch eine generell erwünschte Fähigkeit, nämlich menschliche Ideen strukturiert zu fassen und sie den Maschinen eindeutig und prägnant mitzuteilen – Programmieren fördert somit auch allgemein wichtige Kommunikationskompetenzen. Im breiteren Zusammenhang fördert das Erstellen von Programmen die konstruktive Lösungssuche bezogen auf eine grosse Vielfalt an Problemen und führt die grundlegenden Konzepte der technischen Wissenschaften ein, wie modularer Entwurf, Testen und Verifikation ein. In den Maturitätsschulen trägt Informatikunterricht wesentlich zum Verständnis unserer Welt und insofern zur Hochschulreife bei. Ein Problem der Informationsverabeitung zu lösen bedeutet im ganz allgemeinen Sinn, aus gebenen Daten das gewünschte Wissen (Information) zu extrahieren.

Die meisten Kantone in der Schweiz und auch Verantwortliche des künftigen Lehrplans 21 legen das Schwergewicht noch immer auf den höchst unbefriedigenden Computerführerschein, der keinen nachhaltigen Wissenstransfer, keine Tiefe und keine nennenswerten Beiträge zur allgemeinen Bildung leistet. Es stellt sich nun die Frage, wie viele Bildungspolitikerinnen und -politiker in der Schweiz diese Fehlentwicklung in der Informatikausbildung weiterhin stolz als einen Beitrag zur Bildung verkaufen wollen und ob sie, wie bisher im künftigen Lehrplan 21, weiterhin auf diesem von Herrn Gove genannten «Mist» aufbauen wollen.

Kanton Zürich bremst

Der grösste Gegensatz ist im Kanton Zürich zu beobachten. Einerseits will die Stadt ein zweites Silicon Valley werden, andererseits verweigert die kantonale Bildungsdirektion die Verankerung elementarer Informatikgrundlagen in den Lehrplänen und schwärmt von Konzepten, die immer mehr Länder als Irrtum der Geschichte bezeichnen.

Graubünden und Uri Vorreiter

Nicht in allen Kantonen herrscht das Unwissen im Bezug auf ICT-Unterricht.Vorreiter sind jetzt die Bergkantone Graubünden und Uri, die sich schon vor einiger Zeit auf Programmierunterricht in Primarschulen experimentell eingelassen haben. In Graubünden wird Programmieren in zwei Primarschulen in Domat/Ems und in Saas in den regulären Unterricht integriert, und weitere vier Schulen in Davos bereiten sich bereits vor.

Der Spitzenreiter in der Schweiz ist Domat/Ems, wo man gerade die dritte Runde des gemeinsamen Projektes mit der ETH Zürich und der Pädagogischen Hochschule Graubünden abgeschlossen hat. Die Leistungen der Kinder in Domat/Ems und Saas übertreffen die Erwartungen aller Experten. Dank hoch engagierter Lehrkräfte und mitwirkender Kollegen und Kolleginnen von der Pädagogischen Hochschule Graubünden beherrschen die Kinder am Ende der Unterrichtssquenzen mehrere grundlegende Konzepte der Rechnersteuerung . Die Erfolge der Kinder im abschliessenden Programmierwettbewerb bezeugen, wie stark der Programmierunterricht im Sinn einer Lösungssuche und ihrer entsprechenden Implementierung zu der Entwicklung der Kinder beitragen kann. Es gibt kein Gender-Problem, das Erlernen ist so vorbereitet, dass es auch der Vorgehensweise der Mädchen entspricht. Sehr erfreulich ist, dass es nicht nur bei den ursprünglichen Zielsetzungen des Projektes der ETH Zürich bleibt. Pascal Lütscher vom Schulhaus Caguils in Domat/Ems und Bernhard Mattern mit Forschungsteams an der Pädagogischen Hochschule Graubünden bauen und testen selbstständig weitere Unterrichtssequenzen, durch welche die Geometrie mittels Programmieren unterrichtet wird. Es gibt keine pädagogische Hochschule in der Schweiz, die vergleichbare Komptenzen und Bereitschaft für Informatikunterricht aufzeigt wie die Pädagogische Hochschule Graubünden. Die Zusammenarbeit der Schulen in Domat/Ems und Saas und bald auch Davos mit der Pädagogischen Hochschule Graubünden entwickelt sich zum einzigartigen Vorbild für die ganze Schweiz. Die Schulen im Kanton Graubünden zeigen, dass man nicht auf die Aussage von Herrn Gove warten musste.

ETH Zuerich ist bereit

Die ETH Zürich ist für einen Wechsel zu einem vernünftigen Informatikunterricht gut vorbereitet. Im Ausbildungs- und Beratungszentrum für Informatikunterricht (www.abz.inf.ethz.ch) werden seit Jahren altersgerechte Unterrichtsmaterialien und Lehrbücher entwickelt. Sie wurden in mehr als 30 Primarschulen und Gymnasien ausprobiert. Es ist nicht schwierig, die Schulen dafür zu gewinnen, die Klassen haben Spass am Unterricht. Der Wissenstransfer und erreichte Kompetenzen überschreiten sogar die Erwartungen von Experten. Erforderlich ist bloss eine grundlegende Änderung in der schweizerischen Bildungspolitik.

* Professor Juraj Hromkovic hat an der ETH die Professur für «Informationstechnologie und Ausbildung» inne.

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