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Der Freisinn tut sich schwer mit der Olympiakandidatur

Eine Defizitgarantie für Olympische Spiele 2022 in Graubünden stösst bei den Parteien auf Kritik. Skeptisch äussert sich auch die FDP. Was nicht bei allen Bündner Freisinnigen auf Verständnis stösst.

Südostschweiz
Dienstag, 30. Oktober 2012, 01:00 Uhr

Von Milena Caderas

Bern/Chur. – «Ich habe bis jetzt nur den Entwurf der Antwort gesehen. Wenn die FDP in dieser Vorphase negativ Stellung bezieht, ist das bestimmt nicht glücklich», gibt Tarzisius Caviezel, ehemaliger FDP-Nationalrat und Vorstand im Verein «Graubünden 2022», zu bedenken. Trotz seiner persönlichen Begeisterung hält es Caviezel aber für nachvollziehbar, dass die Parteien noch Fragen haben.

Gestern konnten sich die Parteien an einer Anhörung zur Olympia-Botschaft des Bundes äussern, über welche die eidgenössischen Räte nächsten Sommer entscheiden sollen. In erster Linie zu reden gab die Defizitgarantie des Bundes (siehe Kasten). Für die FDP sind zu viele Fragen offen.

Es gibt viel zu tun

Dennoch, bei der Bündner FDP ist man bemüht, den Ball flach zu halten. So betont Ruedi Kunz, Präsident der FDP-Fraktion im Bünder Kantonsparlament, die grosse Überzeugungsarbeit, welche noch zu leisten sei. «Im Gespräch spüre ich noch viel Skepsis. Und zwar in der ganzen Bevölkerung.» Gelingt es, die Menschen von der Nachhaltigkeit des Projekts zu überzeugen, ändert sich das, ist Kunz überzeugt. «Das Konzept von Gian Gilli will keinen Gigantismus wie in Sotschi.»

Wenn für die FDP Schweiz noch viele Fragen offen seien, müsse man das lediglich als Anreiz verstehen, diese zu klären. In diesem Sinne hofft Kunz auch auf ein Treffen zwischen den Planern der Bündner Olympiakandidatur und der FDP Schweiz. Offenbar habe man in Bern den Nutzen einer Kandidatur noch nicht gesehen. Wer sich aber – wie die Bündner FDP-Fraktion – Gian Gillis Konzept zeigen lasse, sei von dessen Nachhaltigkeit in Sachen Finanzen und Bauten überzeugt.

Von vorne oder hinten?

«Natürlich hat man den Wind lieber im Rücken als Gegenwind», bringt es der abtretende Davoser Landammann und FDP-Politiker Hans-Peter Michel auf den Punkt. Bis zum Ende seiner Amtszeit will er sich auf alle Fälle mit ganzer Kraft für die Bündner Olympiakandidatur einsetzen. Mit einer solch kritischen Haltung der Mutterpartei habe er tatsächlich nicht gerechnet.

Offiziell hat sich die FDP Graubünden noch nicht zu Olympia geäussert. «Die Bündner FDP ist unabhängig. Das gilt es zu respektieren», stellt Michel aber schon mal klar. Der Bündner Ständerat Martin Schmid, der sich im überparteilichen Komitee «Ja zu Graubünden 2022» engagiert, hält fest, dass es sich nicht um eine abgestützte Meinung der ganzen Partei, sondern ein Papier eines Ausschusses handelt.

Eigentlich «bestechend»

Bei der FDP Schweiz bemüht man sich um eine einvernehmliche Kommunikation. FDP-Generalsekretär Stefan Brupbacher findet die Vorstellung weisser Olympischer Spiele ohne Gigantismus «bestechend». «Letzten Endes geht es aber um einen knallharten unternehmerischen Entscheid», hält er fest. «Wir schätzen das grosse Engagement unserer Bündner Kolleginnen und Kollegen und verstehen deren Enttäuschung», betont Brupbacher. «In der Botschaft ist es dem Bundesrat nicht gelungen darzulegen, dass der Alpintourismus in der ganzen Schweiz von Olympischen Spielen profitiert und diese kein Finanzloch hinterlassen.» Brupbacher zieht ein ernüchterndes Fazit. «Die Botschaft befriedigt nicht. De facto blieben uns vier Tage, eine Antwort zu einem solchen Projekt zu schreiben. Das ist ein Affront.»

Die FDP steht nicht allein da. Auch in der SP sucht man noch nach einer gemeinsamen Position. So kämpft die Bündner Nationalrätin Silva Semadeni als Präsidentin des Komitees «Olympiakritisches Graubünden» an vorderster Front gegen die Kandidatur. «Die Bevölkerung ist zu wenig informiert. Die Spiele werden gigantisch», meint Semadeni und ist damit noch kritischer als ihre Partei.

Bern. – Im September hatte der Bundesrat grünes Licht für die Olympiakandidatur 2022 der Bündner Orte St. Moritz und Davos gegeben. Er beauftragte das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) mit der Ausarbeitung einer Botschaft. Deren Kern ist die finanzielle Beteiligung des Bundes von einer Milliarde Franken.

Gestern konnten sich die Parteien an einer Anhörung zu dieser Botschaft äussern. Ihre Voten waren mehrheitlich kritisch. Die FDP bemängelte etwa, es bleibe unklar, ob der Nutzen den Mitteleinsatz samt Verzicht auf andere Ausgaben rechtfertige. Kritik gab es auch am Entscheidungsprozess: Wegen des Zeitdrucks führte der Bundesrat die Vernehmlassung «konferenziell» durch und verzichtete auf ein schriftliches Verfahren. Damit verkürzt sich die Frist auf zehn Tage. Daher hat die SVP das Verfahren boykottiert. Dies sei aber nicht als Ablehnung der Olympiapläne zu verstehen, schrieb die Partei.

Auf grundsätzliche Ablehnung stösst die Vorlage bei den linken Parteien. Sportgrossveranstaltungen in den Alpen führten zwangsläufig zu einer hohen Belastung für Umwelt und Gesellschaft, schrieben die Grünen. Die SP findet die hohe Summe von einer Milliarde Franken angesichts zahlreicher Sparvorhaben in wichtigen Bereichen wie der Bildung als problematisch. Ins gleiche Horn stiess die CVP. Mit «Herzblut» steht dagegen – als einzige Partei – die BDP hinter der Kandidatur. Die Spiele würden hervorragende Chancen und Perspektiven für Tourismus und Infrastruktur bieten. (sda)

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