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Der Dorffotograf von Zernez entrinnt dem Vergessenwerden

Die Zuozer Galerie Manuela Gadient zeigt in ihrer Winterausstellung Fotoarbeiten des 1982 verstorbenen Rudolf Grass aus Zernez. Nur eine Schau hat sich bislang dessen Werk gewidmet, im Januar erscheint ein Buch über ihn.

Südostschweiz
03.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Marina U. Fuchs

Zuoz/Zernez. – Die Galerie Manuela Gadient in Zuoz besteht seit zwei Jahren. Sie stellt Fotografie und Malerei zeitgenössischer Bündner Künstler aus und zeigt neben anderem auch anspruchsvolle Glaskunst. Ihre Winterausstellung ist Fotografien von Robert Bösch, Glasobjekten des Nouvel Studio Mexico City und dem Werk des Zernezer Fotografen Rudolf Grass gewidmet.

Die kleinformatigen, ausdrucksstarken Arbeiten von Rudolf Grass (1906–1982) sind eine Entdeckung. Der Dorffotograf von Zernez, der viel mehr war als nur dies, hinterliess Glasplatten und über 1000 flexible Negative. 2006 wurde alles digitalisiert, und heute kümmert sich die Enkelin Regula Minsch um den Nachlass.

Nur einmal wurden bislang Arbeiten von Grass ausgestellt, 2007 im Pfarrsaal seiner Heimatgemeinde Zernez. Ein Gespräch der Radiotelevisiun Svizra Rumantscha unter dem Titel «Cuntrasts» mit Zeitzeugen und Nachfahren aus dem gleichen Jahr macht mit Grass und seiner Welt bekannt. Für die Galeristin Manuela Gadient schliesst sich mit der Ausstellung ein Kreis. Ihre Mutter stammt aus Zernez, sie selbst wurde dort getauft, hat oft Ferien im Dorf verbracht und erinnert sich noch gut an Grass. Im Januar wird der Limmat-Verlag ein Buch über ihn herausgeben und ihn damit wohl endgültig vor dem Vergessen bewahren.

Ein Leben für die Fotografie

Grass wurde 1906 geboren. Das Fotografieren lernte er von seiner Tante Annina, die es als Hobby betrieb – erstaunlich für die damalige Zeit. Sein Vater war Jäger und starb früh bei einem Unfall. Von ihm erbte er die Leidenschaft für die Jagd. Bei Andreas Pedrett in St. Moritz machte Grass eine Fotografenlehre und eröffnete mit 20 Jahren ein eigenes Geschäft mit Labor in Zernez. Neben Fotoapparaten und Zubehör verkaufte er auch Feldstecher. 1931 heiratete er und bekam zwei Kinder. 1941 starb seine Frau mit erst 34 Jahren. Das Geld war knapp bei der kleinen Familie. Ein landwirtschaftlicher Betrieb, den die Frau und später die Mutter führten, lieferte Naturalien.

Auf Anfrage hielt Ruedi Grass, wie er im Dorf genannt wurde, Lichtbilder-Vorträge in Gasthäusern und Schulen. Er gestaltete zahlreiche Ansichtskarten für Gasthöfe im Münstertal, Engadin und Südtirol und fotografierte immer ohne Stativ. 1962 nahm er das Amt des Jagd- und Fischereiaufsehers an. Im Dorf wurde er offenbar nicht ganz ernst genommen und galt als faul, berichtet seine Schwester im romanischen Interview. «Fotografieren war damals keine Arbeit.»

Schulklassen und Kesselflicker als Motive

Fachgerecht wurden zahlreiche Abzüge von den von Grass hinterlassenen Glasplatten und Negativen direkt auf Baryt-Papier gemacht. Die Titel stammen von der Enkelin. Da ist zunächst der Chronist Rudolf Grass, der Schulklassen ebenso fotografiert hat wie Kesselflicker auf dem Dorfplatz. Ihm ist es zu verdanken, dass der Betrachter das Dorf kennenlernt, wie es einmal war und von Unglücken und Ereignissen erfährt, die sonst längst vergessen wären.

Vom Piz Linard fasziniert

Natürlich war die Jagd ein wichtiges Thema. Ein Foto zeigt eine ganze Strecke von Fuchsfellen, die Grass nach langen Verhandlungen nach Italien verkaufte und so Schulden bezahlen konnte. Der begeisterte Bergsteiger war vom Piz Linard fasziniert und fotografierte ihn immer wieder. Gerade bei der Landschaftsfotografie zeigt sich die künstlerische Begabung von Grass. Es sind eindrucksvoll komponierte Aufnahmen, die nichts Zufälliges an sich haben. Die Ausstellung macht Vergnügen und präsentiert ein Werk, das die Entdeckung lohnt.

«Rudolf Grass – Fotograf». Bis 4. April 2015. Galerie Manuela Gadient, San Bastiaun 17, Zuoz.

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