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«Der Boden brannte, als wir zum Rettungsboot gingen»

Bei einem Brand auf einer Fähre im Mittelmeer ist gestern mindestens ein Mensch ums Leben gekommen. Hunderte sassen auf der brennenden Fähre fest. Sechs von zehn Schweizer wurden bis zum späten Nachmittag gerettet.

Südostschweiz
29.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Rom. – Sturmböen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern und hoher Wellengang behinderten gestern die Rettung von 478 Menschen an Bord einer brennenden Autofähre auf dem Weg von Griechenland nach Italien. Unter den Passagieren der «Norman Atlantic» befanden sich zehn Schweizer Staatsangehörige. Sechs von ihnen konnten sich laut dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bis zum späteren Nachmittag auf ein Rettungsschiff in Sicherheit bringen. Man sei in Kontakt mit den griechischen und den italienischen Behörden, teilte das EDA mit.

An Bord der fast ausgebuchten Fähre waren 422 Passagiere und 56 Besatzungsmitglieder. Das Schiff der griechischen Anek Lines fährt unter italienischer Flagge und war auf dem Weg von Patras in Griechenland nach Ancona in Italien. Nachdem es die Insel Korfu passiert hatte, funkte die Crew gegen 3 Uhr morgens S.O.S., da auf einem der Autodecks ein Feuer ausgebrochen war.

Widersprüchliche Angaben

Die Retter kamen bei stürmischem Wind und hohen Wellen kaum voran und konnten zunächst nicht an Bord. Bis zum Nachmittag wurden laut der griechischen Küstenwache mehr als 130 Menschen gerettet, darunter eine Schwangere und mehrere Kinder. Andere Quellen sprachen von 150 Geretteten. Die Angaben blieben gestern widersprüchlich. Die italienische Küstenwache teilte am Abend mit, es sei ein Toter geborgen worden. Der Mann sei vermutlich beim Sprung von Bord umgekommen.

Am Nachmittag hatte eine Rettungsaktion aus der Luft begonnen. Helikopter holten Passagiere paarweise von der «Norman Atlantic» und flogen sie auf ein in der Nähe kreuzendes Schiff. Die Teams arbeiteten unter Hochdruck, um noch vor Einbruch der Dunkelheit möglichst viele Menschen in Sicherheit zu bringen. Laut einem italienischen Marinesprecher waren vier Helikopter im Einsatz. Das manövrierunfähige Schiff treibe in Richtung der albanischen Küste, erklärte er. Die Wetterbedingungen seien «so schlecht, dass wir aussergewöhnlich viele Rettungskräfte brauchen».

Dramatische Szenen

Die Brandursache blieb zunächst unklar. Italienische Medien berichteten von brennenden Tanklastwagen mit griechischem Olivenöl. Das Feuer breitete sich schnell aus. Gerettete schilderten griechischen Medien die Hitze und die Verzweiflung an Bord. «Der Boden brannte, als wir zum Rettungsboot gingen», sagte eine Frau dem Radiosender Skai. Passagiere auf der Fähre beschrieben per Telefon dramatische Szenen. «Wir sind auf der Brücke, wir sind nass und frieren und husten wegen des Rauchs», sagte ein Mann dem TV-Sender Mega.

Zwei Frauen und drei Kinder kamen in ein italienisches Spital. Die Kinder seien halb nackt im Wasser gewesen und litten an Unterkühlung, es gehe ihnen aber den Umständen entsprechend gut, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. (sda)

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