×

Der berühmteste Hüttenwart des SAC

Seit 50 Jahren bewirtschaftet Max Zangerl die Seetal-Hütte oberhalb Klosters. Er ist der amtsälteste SAC-Hüttenwart. Doch das ist nicht sein einziges Jubiläum. Seetal-Max feiert auch noch den 80. Geburtstag – und geht in Pension.

Südostschweiz
07.10.11 - 02:00 Uhr

Von Pierina Hassler

Klosters. – Wie ein junges Geissli steigt der 80-jährige Max Zangerl von der Alp Sardasca zur Seetal-Hütte hoch. Es ist heiss, der Weg ist steil, steinig und heute auch noch glitschig, weil es die ganze Nacht geregnet hat. Kein Problem für Max – auch nicht mit dem schweren Rucksack voll mit Lebensmitteln. Aber Einkaufen war nicht der Grund, warum Max mal eben schnell nach Klosters runterlief und einige Stunden später wieder auf 2065 Meter über Meer hochkletterte. «Meine Frau hat Geburtstag, und das Satellitentelefon funktioniert nicht», erklärt er. «Ich bin morgens um sechs los, weil ich ihr unbedingt gratulieren wollte.»

Kurz vor zwölf steht Max schon wieder vor seiner Hütte. Ihn erwartet eine zwölfköpfige Wandergruppe. Die Männer und Frauen aus Holland und Belgien haben es sich auf dem knappen Platz vor der Seetal-Hütte bequem gemacht. Ihre Rucksäcke stehen kreuz und quer. Die durchgeschwitzten T-Shirts, Mützen und Socken hängen über Tischen, Stühlen und der Holzbeige. Der Eingang zur Hütte wird für den Hüttenwart zum Hindernislauf. Aber Max verzieht keine Miene. Nach einem kurzen «Unglaublich, was die alles mitschleppen» klettert er über Gepäck, Menschen und Walkingstöcke. Trotzdem begrüsst er die Gäste mit einem freundlichen, aber berglerisch knappen «Grüeziwohl» und verzieht sich in die Hütte.

«Ich habe alles ausser Bier»

Im kleinen «Entree» hinter einem Vorhang hat sich Max eine winzige Privatsphäre geschaffen. Hier liegen fein säuberlich gestapelt seine Kleider. Er zieht ein frisches T-Shirt an. In einem Papiersack am Boden findet er einen Gurt. «Am Morgen habe ich im ‘Ghetz’ den Gurt vergessen, deshalb rutschten mir während der ganzen Wanderung die Hosen runter.» Max erzählt die kleine Geschichte mit einem grossen Lachen – übrigens, Max ist ein grossartiger Geschichtenerzähler. Wenn er von seinen früheren Trekkingtouren im Tibet, Nepal oder den USA erzählt, erlebt der Gast die Tour fast selber. Wenn er sich an die tibetische Lodge mit den käferbefallenen getrockneten Geissen an den Wänden erinnert, riecht man diese fast.

Nach einer kurzen Pause ist Max bereit für seine Gäste. «Von wo seid ihr?» fragt er. Dann offeriert er ihnen etwas zu trinken. «Ich habe alles ausser Bier.» Und sofort fällt ihm zum Stichwort «Bier» eine Geschichte ein. «Ein deutscher Gast stellte in der Hütte seinen Rucksack auf den Tisch und sagte: ‘Ich will ein Bier.’ Mein Lieber, entgegnete ich ihm, da müssen Sie jetzt wieder runterlaufen, etwa drei Stunden, dann sind sie in Monbiel. Dort hat es ein Restaurant mit einer grossen Bierauswahl. Der Deutsche trank dann den ganzen Abend Tee.» Und dann gesteht Seetal-Max, dass er es durchaus lustig findet, wenn Gäste zuerst grossspurig auftreten, mit der Zeit aber immer kleinlauter werden. «Hier herrscht die Natur, hier muss sich der Mensch anpassen und nicht umgekehrt.»

50-Jahr-Jubiläum als Hüttenwart

Max Zangerl ist schweizweit der amtsälteste SAC-Hüttenwart. Und das in der urchigsten Hütte des SAC. Dieses Jahr feiert er sein 50-Jahr-Jubiläum als Hüttenwart, seinen 80. Geburtstag und seine Pensionierung. «Ich habe die Seetal-Hütte 1962 komplett verlottert übernommen», erzählt er. «Wolldecken und Matratzen waren noch von den polnischen Internierten aus dem 2. Weltkrieg und verfault.» Und so suchte sich Max das Inventar aus Restbeständen zusammen. «Die Sektion St. Gallen besitzt sieben Hütten, immer wenn sie eine renoviert haben, nahm ich etwas mit.» Zusätzlich darf der ehemalige Ingenieur den Betriebsüberschuss für Renovationen brauchen.

Die holländisch-belgische Wandergruppe ist nach einem kurzen Halt weiter zur Silvrettahütte aufgebrochen. Gegen Abend erwartet Max vier Berggänger, die in der Hütte übernachten wollen. Jetzt sitzt er draussen am langen Holztisch und zieht genüsslich an seiner Pfeife. Er freue sich auf die Pension, sagt er. Aber so ganz nimmt man ihm die Vorfreude nicht ab. Zu engagiert scheint er noch. Zu begeistert von seiner Arbeit, der herrlichen Bergwelt und seinen Besuchern. Und die haben es gut bei ihm. Auch wenn er manchmal als «kurlig» beschrieben wird oder seinen Gästen das Bier verweigert. Denn Max ist so, wie er ist – ehrlich und geradeaus.

Tagwacht um 4.30 Uhr

Max steht jeden Tag um halb fünf auf. Küche und die 15 Schlafplätze sind in der Seetal-Hütte in einem Raum. «Ich muss sehr leise sein», sagt er. «Sonst werden die Touristen wach, und ich habe keinen Platz mehr zum Kochen.» Der Hüttenwart bereitet täglich Birchermüesli zu, backt Brot und Apfelkuchen und kocht Kaffee. Für Kuchen und Brot hat Max auf dem Tiba-Holzherd ein ausgeklügeltes «Back-System» entwickelt. «Im Backofen wird wegen der fehlenden Hitze der Boden nie knusprig», sagt er. Und so stellt er eine Eisenform auf die Herdplatte und giesst den Teig hinein, der Boden wird bei genügender Hitze vorgebacken. «In der Zwischenzeit ist der Backofen genug warm, und ich kann das Brot oder den Kuchen dort fertig backen.»

Die Gäste bekommen bei Max nicht nur ein Frühstück. «Am Mittag serviere ich etwas Kleines wie Rösti oder eine Käseschnitte.» Den Apfelkuchen kriegen die Gäste am Abend zum Dessert. «Zum Znacht gibt es ein Menu bestehend aus Suppe, Salat, Fleisch, Gemüse, Teigwaren oder Reis.» Schaut man im Hüttenbuch nach, sind die Leute von Max Kochkünsten begeistert. «The best Apple-Pie ever», schreibt ein Mann aus Kalifornien, und ein französisches Ehepaar fragt sich, wie Max in der bescheidenen Hütte überhaupt ein 3-Gang-Menü zustande bringt. Der Gelobte schmunzelt und sagt: «Ich koche eben sehr gerne.» Aber etwas ärgert ihn masslos. Früher lagerte er das vakuumverpackte Fleisch im nahen Bach. «Jetzt haben die blöden Ämter mit ihren blöden Verordnungen das verboten.» Max musste einen Kühlschrank anschaffen.

Abschied von der Seetal-Hütte

Max ist verheiratet, hat zwei Kinder und acht Enkelkinder. Von Ende Juni bis Oktober ist er oben in der Hütte. Seine Frau lebt in Herisau. «Sie war nie Gastronomin», sagt er. «Als die Kinder klein waren, kam die Familie aber immer für eine oder zwei Wochen auf Besuch.» Später half ihm ein Enkel in den Schulferien. «Er verdiente sich so sein Sackgeld. Aber jetzt kommt er nicht mehr so oft.» Bald nimmt Max Abschied von der Seetal-Hütte. Gäste, Murmeltiere, Gämsen und Steinböcke werden einen ganz speziellen Menschen vermissen.

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu MEHR