×

Den Namen des SC Goldingen in die Welt hinausgetragen

Marlies Glaus-Oberholzer ist die erfolgreichste Fahrerin, die der Skiclub Goldingen in seiner 75-jährigen Geschichte hervor- gebracht hat. Als 17-Jährige gewann sie 1976 Weltcup-Silber und wurde an den Olympischen Spielen in Innsbruck Achte.

Südostschweiz
12.06.11 - 02:00 Uhr

Von Pascal Büsser

Ski alpin. – Der Sturz aus dem Starthaus kostete sie einige Überwindung. Noch keine 18 Jahre alt, stand Marlies Oberholzer am 12. Februar 1976 am Start der Olympiaabfahrt von Innsbruck. Sie spürte den Erwartungsdruck. Erstmals ging sie mit der tiefen Startnummer drei aus der vordersten Gruppe ins Rennen. Der Respekt vor der eisigen Piste war gross.

Knapp am Diplom vorbei

Doch die junge Athletin bewältigte die schwierige Prüfung in der Axamer Lizum mit Bravour und landete am Ende als zweitbeste Schweizerin sechs Hundertstel hinter der routinierten Walliserin Bernadette Zurbriggen auf Rang 8. Auf den sechsten Rang, der ein Olympisches Diplom bedeutet hätte, fehlten lediglich zehn Hundertstelsekunden. Den mitgereisten Fanclub vom SC Goldingen hielt dies nicht davon ab, voller Stolz das Transparent für die eigene Athletin in die Höhe zu strecken.

Gewonnen wurde das Rennen von der westdeutschen Saison-Dominatorin Rosi Mittermaier, die auch im Slalom triumphierte und im Riesenslalom Silber gewann. In der Abfahrt der Männern verdrängte Franz Klammer (Ö) mit einer wilden Fahrt, die in die Sport-Annalen einging, Bernhard Russi am Patscherkofel vom Goldplatz.

Olympia als Highlight

Im Schweizer Frauenteam grassierte während Olympia eine Grippewelle. Nachdem das heisseste Schweizer Eisen, Marie-Theres Nadig, dadurch die Abfahrt verpasste, erwischte es kurz darauf auch Oberholzer. Trotz Krankheit und dezimierter Kräfte wollte sie den Riesenslalom fünf Tage nach der Abfahrt auf keinen Fall verpassen. «Mein Kopf hätte das nicht zugelassen.» Es reichte für Platz 26.

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen blieb Marlies Glaus-Oberholzer, wie sie seit ihrer Heirat 1984 heisst, als Karriere-Highlight in Erinnerung. Der Medienrummel war riesig. Die Sicherheitsvorkehrungen im Olympischen Dorf ebenfalls; nach dem tödlichen Anschlag auf israelische Athleten an der Sommer-Olympiade in München vier Jahre zuvor.

Ein Rennen, das Schlagzeilen macht

Mindestens im Umgang mit wissbegierigen Journalisten hatte die Goldingerin bereits einiges dazu gelernt. «Am Anfang wusste ich jeweils kaum, was ich auf all die Fragen sagen soll», erinnert sich Glaus. Mit einem sensationellen zweiten Platz im Weltcup-Rennen in Bad Gastein (Ö) hatte sie sich im Januar 1976 schlagartig ins mediale Rampenlicht katapultiert. Allerdings wurde ihre Freude über die Silbermedaille von den Klagen der arrivierten Fahrerinnen getrübt, die sich über irreguläre Bedingungen echauffierten. Aufgrund von zehn Zentimeter Neuschnee waren die zuerst gestarteten Top-Fahrerinnen praktisch zum Schneepflug mutiert.

Der zweite Weltcup-Rang war der vorläufige Höhepunkt eines steilen Aufstiegs. Schon früh war das Talent von Marlies Oberholzer aufgefallen. Praktisch neben den Bergbahnen am Atzmännig aufgewachsen – ihr Vater war gut 30 Jahre Betriebsleiter – lag das Skifahren nah. Der Eintritt in die JO Goldingen war für sie und ihre drei Geschwister fast selbstverständlich.

Grosse Unterstützung von zu Hause

Der nationale «Durchbruch» folgte 1973 an den JO-Meisterschaften in Bulle mit Silber im Slalom und Bronze im Riesenslalom. Bald folgten erste Europacup-Einsätze und die Aufnahme ins Nationalteam. Im Januar 1975 fuhr Oberholzer bereits zum ersten Mal im Weltcup. «Ich wurde ins kalte Wasser geworfen», erinnert sie sich. Nationale Bekanntheit erlangte Oberholzer mit Rang 3 in der Abfahrt der Schweizer Meisterschaften in Les Diablerets am 15. Februar 1975. Bis zur Aufnahme in der Trainingsgruppe III des Schweizer Skiverbands war die Betreuung auschliesslich durch den SC Goldingen erfolgt. «Ohne die engagierten Leute im Verein, wie JO-Leiter Hans Rüegg oder Toni Wäger, und die bedingungslose Unterstützung der Eltern sowie meines Bruders Kari hätte ich es nie soweit gebracht», sagt sie im Rückblick.

Die schwierige Bestätigung

Nach dem rasanten Aufstieg in ihrer zweiten Weltcup-Saison 1975/76 fiel die Bestätigung schwer. Der Erwartungsdruck von Seiten der Medien war gestiegen. Zwar fuhr Oberholzer regelmässig unter die besten 15. Insgesamt resultierten in ihrer Karriere fünf Top-Ten-Plätze. Ganz nach vorne reichte es im Weltcup aber nie. Zudem fuhr in der Abfahrt die Angst im Hinterkopf nach einem schlimmen Trainingssturz und einem Knochenriss ganz früh in ihrer Karriere ständig mit. «Im Rennen konnte ich das zwar aufgrund meines Ehrgeizes immer verdrängen. Aber wahrscheinlich wäre der Super G, den es damals noch nicht gab, meine ideale Disziplin gewesen.»

Nach zwei durchzogenen Saisons hatte Oberholzer im Frühjahr 1978 genug vom Spitzensport. Missen möchte sie die Erfahrung nicht. Der Skisport war ihr nicht nur eine Lebensschule. Er ermöglichte auch Reisen in halb Europa und nach Übersee, auch wenn Ausflüge abseits der Piste selten drin lagen.

Das Skifahren blieb ein Hobby. Besonders mit den heute erwachsenen Kindern Michèle und André und Mann Kari war sie früher häufig auf den Brettern. Ihrem Verein, dem SC Goldingen, blieb sie ebenfalls verbunden, auch wenn sie nun bereits seit mehr als zwanzig Jahren in Wagen wohnt. Zwar fährt sie wegen Rückenproblemen schon lange keine Rennen mehr. Doch bei verschiedenen Vereinsanlässen ist sie noch immer mit Freude dabei.

Goldingen. – Dieses Jahr feiert der Skiclub Goldingen sein 75-Jahr- Jubiläum. Nachdem man bereits seit März letzten Jahres an jedem achten des Monats einen speziellen «Höck» abhielt oder etwa am 8. Januar dieses Jahres das Weltcup-Rennen in Adelboden besuchte, steigt am nächsten Samstag die grosse Jubiläumsfeier mit Musik, Tanz und Barbetrieb. (pb)

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu MEHR