Dem Massenphänomen Schlager auf der Spur
Der deutschsprachige Schlager erlebt eine Renaissance und ist spätestens seit diesem Jahr ein schwer fassbares Massenphänomen. Der Schweizer Musikexperte H. Elias Fröhlich macht einen Erklärungsversuch.
Der deutschsprachige Schlager erlebt eine Renaissance und ist spätestens seit diesem Jahr ein schwer fassbares Massenphänomen. Der Schweizer Musikexperte H. Elias Fröhlich macht einen Erklärungsversuch.
Von Annina Hasler, sda
Es schien unvorstellbar, dass eine Schlagersängerin die massentaugliche Castingshow «Deutschland sucht den Superstar», die hauptsächlich Publikum im Teenageralter anzieht, gewinnen könnte. Doch die Schwyzerin Beatrice Egli lag mit ihrer zuckersüssen Musik und ihrer ebensolchen Art goldrichtig und gewann 2013 die Castingshow.
Ein Blick in die aktuellen Veranstaltungskalender zeigt: Schlagernächte und Schlagerkonzerte finden in jeder Schweizer Stadt, so klein sie auch sein mag, statt. Und Alben von Schlagersängern besetzen teilweise monatelang Spitzenplätze in den Hitparaden – von wegen atemlos. Die deutsche Sängerin Helene Fischer thront über allem: Ihr «Best of»-Album hält sich bereits mehr als 190 Wochen in den Top 100 der bestverkauften Alben in der Schweiz.
Was reizt das Publikum an «leicht eingängiger, meist anspruchsloser» Musik, wie das Nachschlagewerk Duden unter dem Begriff «Schlager» notiert, und mit deren stilistischer Einordnung sich Musikwissenschaftler schwer tun?
«Eine Frechheit»
Eine Renaissance erlebe der deutschsprachige Schlager tatsächlich nicht zuletzt dank Dieter Bohlens Castingshow und Beatrice Eglis Sieg, glaubt Musikexperte und Publizist H. Elias Fröhlich: «Die Aufmerksamkeit wirkte wie eine Triebfeder und sorgte dafür, dass plötzlich breit über Schlager berichtet wird.» Auch wenn Fischer und etwa Andrea Berg schon zuvor die Hallen gefüllt hätten, gerade jetzt sei ein richtiggehender Boom im Gange. Und ja, wahrscheinlich sei es auch die Sehnsucht der Masse nach «heiler, schöner Welt» in einer Zeit, die von Krisen, Kriegen und negativen Schlagzeilen geprägt sei.
Allerdings, gibt Fröhlich zu bedenken, sei Schlager heute längst nicht mehr nur «anspruchslose, seichte Musik». «Es gibt Musiker, die wirklich gute Texte schreiben, gerade Fischer hat einige intelligente Stücke herausgebracht.» Die restliche Musikszene tue gut daran, den Schlager ernster zu nehmen als bis anhin.
Dass sich die Swiss Music Awards im Februar 2014 weigerten, der Schlager-Sparte einen Preis einzuräumen, bezeichnet Fröhlich als «eine Frechheit». Die Preise gehen an die kommerziell erfolgreichsten Schweizer Musiker– Egli bootete mit ihren Plattenverkäufen praktisch alle aus. Immerhin erhielt sie in Deutschland, wo die Szene offenbar weniger Berührungsängste hat, einen Echo-Musikpreis als beste Newcomerin.
Das Mass aller Dinge
«Der Schlager» von heute ist schwer fassbar, denn die Genregrenzen verwischen zunehmend: Helene Fischer bedient sich munter im Poptopf, der Österreicher Andreas Gabalier bezeichnet sich als «Volks-Rock’n’Roller». «Der heute so erfolgreiche Schlager ist nicht mehr mit dem volkstümlichen Schlager etwa eines Hansi Hinterseer zu vergleichen», erklärt Fröhlich. Wer derzeit im Genre Erfolg haben will, muss sich mit der unbestrittenen Königin Fischer messen. Sie wird auf Händen getragen – und das wortwörtlich: In ihren Shows lässt sich die Sängerin mit Vorliebe von den Tänzern hochheben und herumtragen. Ein Fischer-Konzert stehe der Show einer Kylie Minogue heute in nichts nach: «Das sind bombastische, opulente Vorstellungen.» Ende Oktober füllte die Schlagersängerin und Tänzerin das Hallenstadion und präsentierte ein makellos inszeniertes Konzert mit Lichtshow, Tänzern, Background-Sängerinnen, Band und Orchester.
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