Das Wetterleuchten am Flüela
Ein Manöver am Flüelapass im September 1913 warf in der Schweiz und auch im Ausland hohe Wellen. Der eigentliche Auslöser war ein Artikel des späteren Generals Ulrich Wille, in dem er die Bündner Truppen verspottete und ihre Kriegstauglichkeit in Abrede stellte.
Ein Manöver am Flüelapass im September 1913 warf in der Schweiz und auch im Ausland hohe Wellen. Der eigentliche Auslöser war ein Artikel des späteren Generals Ulrich Wille, in dem er die Bündner Truppen verspottete und ihre Kriegstauglichkeit in Abrede stellte.
Edy Walser
Am 10. September 1913 führte die Gebirgsbrigade 18 unter dem Kommando von Oberstbrigadier Otto Bridler am Flüelapass ein Manöver durch. Beteiligt an diesem Manöver waren das Bündner Gebirgsinfanterieregiment 36, das sich aus den Bataillonen 91, 92 und 93 zusammensetzte, und das St. Galler Gebirgsinfanterieregiment 35. Kommandant des Bündner Regiments war Oberstleutnant Modest Cahannes. Die Bündner hatten den Auftrag, aus dem Bereitschaftsraum Guarda-Lavin den auf der Passhöhe stationierten Gegner anzugreifen. Nach einem einstündigen Marsch setzte Regen ein, der oberhalb der Waldgrenze in Schnee überging.
«Abmarsch – vorwärts – partenza»
Wie der Militärhistoriker Hans Rudolf Fuhrer in seinem Artikel «Die Meuterei an der Flüela und ihr Einfluss auf die Generalswahl» schildert, herrschte dichter Nebel und die Angrifftruppe, die den Auftrag hatte, den Gegner auf der Passhöhe zu umfassen, musste ihren Aufstieg wegen des Neuschnees im felsigen Gelände einstellen. Als sich die Bündner der Passhöhe näherten, befahl Bridler einen Übungsunterbruch, währenddem im Passhotel «Flüela-Hospiz» eine Offiziersbesprechung stattfand. Cahannes hatte aufgrund der Wetterlage vergeblich einen sofortigen Abmarsch der Truppen nach Davos vorgeschlagen. Die Mannschaft verhielt sich anfänglich ruhig.
Als dann wieder heftiger Schneefall einsetzte und bereits über eine halbe Stunde des Wartens in Nässe und eisiger Kälte vorbei war, ertönte von allen Seiten der Ruf: «Abmarsch – vorwärts – partenza». Jetzt marschierte das Regiment 36 ab. Ob aufgrund eines Abmarschbefehls oder auf Drängen der Truppe, konnte nie geklärt werden. Um 18 Uhr marschierten die St. Galler und um 18.30 Uhr die Bündner in Davos «in tadelloser Marschkolonne» an Oberstdivisionär Schiessle, dem Manöverinspektor, vorbei. Da das Wetter weiterhin schlecht war, wurde auf eine Weiterführung des Manövers verzichtet.
«Wetterharte Gebirgssöhne»
Der Vorfall am Flüela sorgte nicht nur im Kanton Graubünden, sondern in der ganzen Schweiz und später auch im Ausland für Aufsehen. Während die Bündner Presse die Übungsleitung scharf verurteilte, fragte sich der «Bund», wie es möglich gewesen sei, dass es in den als zuverlässig bekannten Bündner Bataillonen zu einem solch eigenmächtigen Abmarsch gekommen sei. Dann kam es zum Eklat. Auslöser war Oberstkorpskommandant Ulrich Wille, der sich in einem Schreiben an den Bundesrat mit dem Titel «Revolte Geb. Reg. 36 am 10. September» über die «gänzliche Unerzogenheit dieser nach Naturverlangung prächtigen, ihr Vaterland und das Wehrwesen liebenden Menschen» beklagte. Doch Wille liess es nicht dabei bewenden: Am 23. September erschien in der «Neuen Zürcher Zeitung» der Artikel «Die Meuterei an der Flüela». Und dieser brachte das Fass zum Überlaufen, machte sich Wille mit an Sarkasmus und Spott nicht zu überbietenden Sprüchen über die Bündner lustig. Daraus ein Satz: «Schon die Durchführung der Manöver in dem unbehaglichen Wetter hatte den Neigungen der wetterharten Gebirgssöhne nicht entsprochen, das Signal zum Gefechtsabbruch wurde dann auch mit etwas lautem Beifall von Seiten der Bürger im Wehrkleid belohnt.» Die Soldaten seien in einem Wetter davongelaufen, «das Touristinnen aus dem Flachland nicht daran hinderte, den Flüela zu überschreiten». Peter Metz, der in seiner Geschichte des Kantons Graubünden (Band II) den Vorfall als «Wetterleuchten am Flüelapass» bezeichnet, weist darauf hin, dass eine dieser Touristinnen Willes eigene Tochter gewesen sei ... «die freilich in der Geborgenheit eines geschlossenen Reisewagens dem Flüelamanöver gefolgt war».
«Nur teilweise befriedigt»
Jetzt forderte der Kleine Rat (Regierung) das Schweizerische Militärdepartment auf, Wille für die «Beleidigungen des Bündner Regiments und hiermit des ganzen Volkes des Kantons Graubünden zur Rechenschaft zu ziehen». Am 7. Oktober wird dann eine entsprechende Interpellation, die von allen Bündner Nationalräten und acht weiteren Parlamentariern eingereicht worden war, im Nationalrat behandelt.
Der Bundesrat missbilligte zwar Willes Artikel in der NZZ, das Vertrauen entzog sie ihm aber nicht. Kein Wunder, dass die Bündner mit der Stellungnahme nur «teilweise befriedigt» waren, und es Wille bei der Generalswahl am 3. August 1914 heimzahlten. Sie gehörten zu den 63 Parlamentariern, die bis zum bitteren Ende dieser Sitzung für Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg gestimmt hatten – und das, obwohl dieser kurz vor der entscheidenden Sitzung seinen Verzicht auf eine Wahl bekannt gegeben hatte. Gewählt wurde mit 122 von 185 gültigen Stimmen Ulrich Wille.
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