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Das Waldsterben blieb Befürchtung

In den Achtzigerjahren löste die Angst vor dem Waldsterben eine wahre Hysterie aus. Zwar sind die Schweizer Wälder nicht gestorben, bewährt haben sich die Massnahmen gegen «sauren Regen» und andere Gefahren für die Umwelt aber allemal.

Südostschweiz
23.05.14 - 02:00 Uhr

Von Jonas Schmid

Bern. – Frischer Sauerstoff, grünes Blätterdach und Vogelgezwitscher: Im Wald fühlen sich Herr und Frau Schweizer wohl. Laut einer Umfrage der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft von 2010 gehen 87 Prozent der Bevölkerung im Sommer mindestens einmal pro Monat zur Erholung in den Wald. Die Befragten geben an, dass sie sich nach dem Waldspaziergang entspannter fühlen. Den Zustand der Wälder beurteilen sie optimistisch.

Bruno Röösli, stellvertretender Leiter Abteilung Wald im Bundesamt für Umwelt (Bafu), bestätigt: «Der Schweizer Wald ist heute vergleichsweise gesund.» Zwar wirkten sich Klimawandel und übermässige Stickstoff-Belastung negativ auf den Wald aus, doch blieben die Schadensereignisse punktuell. Vom Absterben ganzer Wälder könne nicht die Rede sein.

«Kaum eine Tanne, die nicht betroffen ist»

Vor 30 Jahren war die öffentliche Wahrnehmung noch eine ganz andere. Damals stand die Sorge um die hiesigen Wälder zuoberst auf der politischen Agenda. Als alarmierende Medienberichte über kranke Bäume und sterbende Wälder aus Deutschland die Schweiz erreichten, stieg die mediale Fieberkurve sprunghaft an. Das Schreckgespenst des Waldsterbens machte die Runde und bewegte die Schweizer Öffentlichkeit in einem für Umweltthemen bis dahin nicht gekannten Ausmass. Eine Protestbewegung entstand, die im Mai 1984 in einer Grossdemo auf dem Bundesplatz in Bern gipfelte. 30 000 Menschen forderten von Bundesrat und Parlament resolute Massnahmen für eine bessere Luft. Nur so liesse sich der sichere Waldtod noch abwenden, so der einhellige Tenor. Die Kabarettisten Joachim Rittmeyer und Franz Hohler traten auf, die Demonstranten hielten Plakate hoch mit Sprüchen wie «Mein Freund der Baum ist tot» und «Spiel mir das Lied vom Wald».

Das Thema Waldsterben hatte seine öffentliche Karriere mit einer Titelgeschichte des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» vom 16. November 1981 gestartet. Darin kamen unter der Überschrift «Der Wald stirbt» mehrere Forstwissenschaftler zu Wort. Sie berichteten von neuartigen Waldschäden. Einer sagte: In den Wäldern «tickt eine Zeitbombe». Ein anderer behauptete: «Kaum eine Tanne, die nicht betroffen ist.» Und schliesslich stand da das Zitat des Göttinger Bodenkundlers Bernhard Ulrich, das sich in das kollektive Gedächtnis einbrannte: «Die ersten grossen Wälder sterben in den nächsten fünf Jahren.» Verantwortlich für das Waldsterben sei das Schwefeldioxid aus Industrie, Kraftwerken und Verkehr. Dieses vergifte als «saurer Regen» Bäume und Wälder.

Ein beispielloser Medien-Hype

Tatsächlich hatten Bilder von toten Wäldern in Osteuropa gezeigt, wie verheerend sich die bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen freigesetzten Schwefeloxide auswirken. Der saure Regen hinterliess in Tschechien und Polen grosse Flächen mit abgestorbenen Bäumen.

Was auf den «Spiegel»-Bericht folgte, war ein beispielloser Medien-Hype. Innert Kürze nahmen sämtliche Medien das Thema auf. Horrorszenarien wurden an die Wand gemalt. Von kahlen Stadtparks, entwaldeten Landschaften und Baumskeletten war die Rede. Die öffentliche Besorgnis rief Politiker auf den Plan. Bundesrat Alphons Egli warnte im August 1983: «Das Waldsterben hat ein Ausmass angenommen, wie wir es bisher gar nicht realisiert haben.» Die Politik reagierte auf den öffentlichen Druck, führte das Bleifreibenzin ein, schrieb für Autos Katalysatoren vor und verabschiedete strengere Gesetze zur Luftreinhaltung. Insgesamt senkten diese Massnahmen die Schadstoffkonzentrationen in der Luft deutlich.

Tatsächlich aber stellten sich die vermeintlichen Symptome des Waldsterbens später als Fehldeutungen heraus. «Damals wurde ausschliesslich auf das äussere Erscheinungsbild geschaut, etwa auf die Baumkronen», erklärt Bruno Röösli vom Bafu. «Wenn diese zu lichten begannen, wurde der Baum als krank eingestuft. Heute wissen wir, dass verschiedene Ursachen zu einer solchen Kronenlichtung führen können. Und: Ein Baum kann sich auch wieder erholen.» Die wichtigsten Faktoren für die Gesundheit eines Baums seien die Wasser- und Nährstoffversorgung – und die sind von aussen nicht sichtbar.

«Keine Zustände wie in Tokio oder Peking»

Die alarmistische Debatte über das Waldsterben blieb nicht ohne Wirkung: Sie sensibilisierte eine breite Öffentlichkeit für ökologische Anliegen. Im Gegensatz zur Atomkraft, die in der Bevölkerung stets umstritten war, herrschte beim Thema Waldsterben nahezu geschlossener Konsens. Davon profitiert hat die Umweltbewegung, namentlich die grünen Parteien, die bei den Parlamentswahlen 1987 insgesamt 13 Sitze errangen. Geschadet hat die Waldsterbedebatte hingegen der Wissenschaft, deren Glaubwürdigkeit durch die übertriebenen Aussagen einzelner Forscher untergraben wurde. Auch deswegen begegnen heute viele Leute den Voraussagen zum Klimawandel mit einer gehörigen Portion Skepsis.

Unmittelbar aber hat die Diskussion vor allem dazu geführt, dass die Luft dank strengerer Vorschriften wesentlich sauberer geworden ist. Laut Waldexperte Röösli hätten die Gesetze ohne den öffentlichen Druck nicht durchgesetzt werden können. Profitieren würden wir alle davon: «Dank ihnen ist die Schweizer Luft sauber und wir kennen keine Zustände wie Tokio oder Peking.» Die gute Luft sei sogar zu einem Argument im Tourismus geworden. Ursprünglich als «Medizin» für die Wälder gedacht, kämen die Bemühungen gegen das Waldsterben heute primär unserer Gesundheit zugute.

Der Schweizer Wald soll besser vor Schädlingen geschützt und an das veränderte Klima angepasst werden. Gleichzeitig soll die vermehrte Nutzung des nachwachsenden Rohstoffs Holz den Klimawandel bremsen. Der Bundesrat hat dem Parlament am Mittwoch Änderungen des Waldgesetzes vorgelegt. 2011 hatte der Bundesrat beschlossen, die Herausforderungen des Klimawandels in seine Waldpolitik aufzunehmen. Daneben sind die bessere Bewirtschaftung des Waldes sowie dessen Schutz vor biotischen Gefahren die wichtigsten Ziele der Gesetzesrevision.

In der Botschaft ans Parlament stellt der Bundesrat fest, dass die Regelungen zur Abwehr etwa von eingeschleppten Schädlingen wie dem Asiatischen Laubholzbockkäfer oder der Kastaniengallwespe ungenügend und lückenhaft sind. Beispielsweise fehlt im geltenden Recht eine Vorschrift, dass neu auftretende Schädlinge rechtzeitig bekämpft werden müssen. Auch ist nicht klar, welche Organisationen zuständig sind. Dies will der Bundesrat mit der Revision des Waldgesetzes ändern. Damit soll auch eine Grundlage für die Finanzierung von Massnahmen gegen Waldschäden ausserhalb von Schutzwäldern geschaffen werden.

Nicht nur Käfer, Pilze und andere Schädlinge, sondern auch der Klimawandel bedroht den Wald. Laut Bundesrat sind mehr Extremereignisse wie Stürme und Hitzeperioden zuerwarten. Weil dies die natürlichen Anpassungsprozesse im Wald zu überfordern droht, sind Massnahmen wie eine gezielte Pflege des Jungwaldes oder die vorzeitige Verjüngung instabiler Bestände notwendig.

Eine weiteres Ziel des Waldgesetzes ist die vermehrte Nutzung des Rohstoffs Holz. Dies ist laut Bundesrat sowohl energie- wie auch klimapolitisch sinnvoll und für eine nachhaltige Waldbewirtschaftung auch notwendig. Mit einer neuen Bestimmung sollen daher die Rahmenbedingung für die Holzverwertung verbessert werden. Abgelehnt hat der Bundesrat jedoch die Forderung der Waldeigentümer, Leistungen des Schweizer Waldes zur Minderung des Klimawandels zu entschädigen.

Die vorgeschlagene Revision ist mit Kosten verbunden: 21 Millionen Franken pro Jahr veranschlagt der Bundesrat für Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel ausserhalb des Schutzwaldes. Das sind zehn Millionen Franken mehr als heute. Damit sollen zusätzliche Waldverjüngungen finanziert werden. Noch einmal der gleiche Betrag ist für Massnahmen innerhalb des Schutzwaldes nötig. (sda)

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