Das verwunschene Burgfräulein
Bald steht Halloween vor der Tür. Begleiten Sie die «Südostschweiz» auf eine Reise in die Zwischenwelt. In einer fünfteiligen Serie ergründen wir Sagen aus der Region. Heute: «Das Burgfräulein» und «Das Schlossfräulein».
Bald steht Halloween vor der Tür. Begleiten Sie die «Südostschweiz» auf eine Reise in die Zwischenwelt. In einer fünfteiligen Serie ergründen wir Sagen aus der Region. Heute: «Das Burgfräulein» und «Das Schlossfräulein».
Von Marc Schwitter
Benken/Schmerikon. – In vielen Sagen sind es schreckliche Wesen oder böse Gespenster, welche die Menschen heimsuchen. Doch in Benken hat sich einst eine Geschichte zugetragen, in der ein armes Bauernmädchen um ein Haar von einem Geist reich beschenkt worden wäre.
Der Geist des verwunschenen Burgfräuleins Frederike von Wandelburg hatte dem «Finkentonibabeli» einen grossen Schatz versprochen. Es hätte nur rechtzeitig zum Läuten der Betglocke beim Felsen der Burg vorbeikommen müssen, dann wäre das Burgfräulein erlöst worden und dem Mädchen hätte ein grosser Schatz gehört. Doch das «Finkentonibabeli» war zu spät unterwegs und schaffte es nicht. Danach ist ihm der Geist nie mehr erschienen.
Folgt man einer weiteren Geschichte aus Jakob Kuonis Sammlung von St. Galler Sagen, soll sich auch in Schmerikon ein Schatz befinden. Dieser werde durch das Schlossfräulein von Rambach bewacht. Alle hundert Jahre erscheine das Fräulein in der Gestalt einer Schlange und trage ein goldenes Schlüsselchen im Maul.
Die Jungfrau könne nur erlöst werden, wenn jemand den Mut fände, der Schlange das Schlüsselchen zu entreissen. Der Held solle mit den grossen Schätzen des Schlosses belohnt werden. Doch bis heute sei es noch keinem gelungen, diese Tat zu vollbringen.
Historischer Hintergrund ist fraglich
Es heisst, jede Sage habe ihren wahren Kern. Doch Geschichtsexperte Alois Stadler hält fest: «Bei diesen beiden Sagen steht es im Argen mit historischen Quellen.» Bekannt sei lediglich eine Anna von Wandelburg, aber keine mit Vornamen Frederike.
Das Geschlecht Rambach hingegen sei historisch verbürgt. 1256 gab es einen Schultheiss in Rapperswil, der so hiess. «Es wäre möglich, dass sich dieses Geschlecht von Schmerikon her nach Rapperswil ausgeweitet hat», sagt Stadler.
Zweifel wirft aber die Frage mit dem Schloss auf. «Unter einem Schloss oder einer Burg versteht man nicht nur das, was man in der Schule lernt», erklärt Stadler. «Es kann sich bei dieser Bezeichnung ebenso um einen mittelalterlichen Gutsbetrieb handeln.»
Auch der Hintergrund mit dem sagenhaften Schatz liegt im Dunkeln. Die Rambachs waren Ministeriale von niederem Rang, die in den Diensten des Grafen von Rapperswil standen. Ihr einziges Vermögen war Land, und nicht Gold oder Silber.
«Verwunschene Jungfrauen und verborgene Schätze sind Urbilder von Sagen. Als solche sind sie kaum in einen historischen Zusammenhang zu bringen», sagt Stadler. Auch im Gasterholz in Kaltbrunn soll ein Goldschatz versteckt sein.
«Die Leute kamen auf diese Idee, weil man dort Überreste von alten Behausungen gefunden hat», erklärt Stadler. «Sobald früher irgendwo Ruinen auftauchten, vermutete das Volk sogleich, dass hier reiche Menschen gelebt hätten.»
Der Wandel vom Mädchen zur Frau
Der wahre Kern dieser beiden Sagen liegt eher in der psychologischen Deutung als in der historischen Faktenlage. «Erzählungen zeigen uns die Parallelen von Aussen- und Innenwelt auf», erklärt Antonietta Lorenz. «So können wir uns selber besser verstehen und finden vielleicht sogar Lösungen für unser eigenes Leben.» Lorenz kommt aus Schmerikon und arbeitet als psychologische Beraterin in Uznach. In ihrer Praxis spielen auch Träume eine Rolle: «Träume haben mit Sagen und Märchen vieles gemeinsam. Beide leben von der Kraft der Symbolfiguren.»
Die Gemeinsamkeiten der beiden Sagen sind für Lorenz offensichtlich: «Beide Jungfrauen verfügen mit ihren Reichtümern und Schätzen über grosse Stärken. Diese können sie jedoch erst durch die Unterstützung eines unschuldigen Mädchens oder eines mutigen Helden entfalten.»
Diese Konstellation stehe symbolisch für die Transformationen, die eine Frau im Verlaufe ihres Lebens mache: Vom Mädchen wird sie zur Frau, von der Frau zur Mutter, von der Mutter zur weisen Alten. «Alle diese Prozesse können mit Schmerzen und Ängsten verbunden sein, die es durch Mut, Zuversicht und Vertrauen zu überwinden gilt. Bis man in der Lage ist, die eigenen Stärken hervorzubringen», sagt Lorenz.
Was aus den Geistern des Burgfräuleins von Benken und des Schlossfräuleins von Rambach geworden ist, bleibt im Verborgenen. Dafür ist der Werdegang des «Finkentonibabeli» überliefert. Das arme Bauernmädchen habe sich zu einer lieblichen Maid entfaltet, «der schönsten weit und breit». Sie sei weit fortgezogen und am Ende «eines reichen Junkers schöne Frau geworden.» So scheint es, dass das Mädchen sein Glück auch ohne den Schatz vom Benkner Riet gefunden hat.
Uznach. – In Sagen spielen Geister eine zentrale Rolle. Beraterin Antonietta Lorenz sieht den Grund dafür im Bedürfnis des Menschen, nicht allein zu sein: «Dahinter steckt der Glaube, dass es ein Leben nach dem Tode gibt, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir im Stande sind wahrzunehmen. Unser spirituelles Bewusstsein sagt uns, dass wir nicht alleine sind, dass wir in unserem Leben begleitet und unterstützt werden.»
Nebst ihrer Tätigkeit als psychologische Beraterin ist Antonietta Lorenz auch in der Spiritualität zu Hause. In Sterbebegleitungen hat die Schmerknerin schon selbst Erfahrungen mit Engelwesen gemacht. Sie ist überzeugt: «Engelwesen, Geistführer oder Verstorbene zeigen sich uns. Jeder von uns spürt sie auf seine eigene Weise. Die Frage ist nicht, ob sie sich uns zeigen, sondern, ob wir sie wahrnehmen wollen.» (msc)
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