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Das Undenkbare zu Ende gedacht und sichtbar gemacht

Verdichtung, Konzentration, Potenziale: Professoren der HTW Chur haben mit ihren Studierenden die Schlagworte der Raumentwicklung radikal zu Ende gedacht. Das Resultat sind fünf äusserst provokative Szenarien.

Südostschweiz
13.02.11 - 01:00 Uhr

Von Olivier Berger

Chur. – Ein «Super Chur» mit einer Viertelmillion Einwohnern, geflutete Talschaften, Bauten nur noch entlang der A13: Was Stefan Kurath, Rolf Jenni und Daniel Walser, allesamt Dozenten an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Chur, gemeinsam mit ihren Studierenden erarbeitet haben, mutet auf den ersten Blick ungeheuerlich an. Die Irritation ist gewollt, wie Kurath bestätigt. «Wir wollen einen gesellschaftlichen Diskurs über die räumliche Zukunft Graubündens auslösen.»

Gezielte Provokationen

Entstanden sind die fünf provozierenden Szenarien im Rahmen des Wahlfachs «Graubünden denken» an der HTW. «Ausgangspunkt war die Feststellung, dass sich die Bündnerinnen und Bündner trotz der Problematisierung der alpinen Brache und potenzialarmer Räume – wenn überhaupt – nur sehr kurz mit der räumlichen Wirklichkeit Graubündens auseinandergesetzt haben», erklärt Kurath. «Die meisten waren einfach nur empört und haben sich – auch aus einem Anti-Unterländer-Reflex – der Diskussion nicht gestellt.» Mit der inzwischen erschienenen Broschüre «Graubünden denken» will Kurath die Diskussion neu in Gang bringen und Denkansätze liefern.Ausgangspunkt für die Arbeiten der Professoren und Studierenden waren unter anderem die Veröffentlichungen des ETH-Studios Basel, welches die Rolle weiter Teile des Berggebiets als alpine Brache definiert, und der Zürcher Denkfabrik Avenir Suisse, welche eine verstärkte Konzentration von Finanzen und Infrastruktur für die wirtschaftlichen Zentren des Mittellandes fordert. Weitere Bezugspunkte waren Berichte zur Raumentwicklung von Bund und Kanton. Die in den verschiedenen Studien vorgeschlagenen möglichen Stossrichtungen der künftigen Entwicklung hat das HTW-Team danach weitergedacht – bewusst «überspitzt», wie Kurath erklärt. Die Bilder seien so weiterentwickelt und optisch umgesetzt worden, «dass sie aus der Sicht des einen ein räumliches Ideal kommunizieren, aus der Sicht des anderen aber das Gegenteil davon sind».

Von der Grossstadt bis zur Flutung

Für die Broschüre «Graubünden denken» haben die HTW-Fachleute fünf mögliche Zukunftsszenarien detailliert ausgearbeitet und auch bildlich auf Fotomontagen und Karten dargestellt:• «Super Chur»: Die gesamte Bündner Bevölkerung wird im Churer Rheintal angesiedelt; mit zwischen 190 000 und 250 000 Einwohnern wäre «Super Chur» die zweitgrösste Stadt der Schweiz. Dadurch könnte Geld für teure Infrastrukturen ausserhalb des Rheintals gespart werden.• «Bandstadt A13»: Die Bevölkerung wird in einen schmalen Streifen entlang der A13 umgesiedelt. Steuergelder könnten dadurch konzentrierter, wirkungsvoller eingesetzt werden.• «Skiregion Graubünden»: Aus den verschiedenen Bündner Skiregionen wird ein zusammenhängendes Skigebiet; die heutigen Bahnanlagen werden untereinander vernetzt.• «Rehab Graubünden»: Die abgelegenen Regionen Graubündens werden zu Therapiestationen für Burn-out-Patienten aus der ganzen Welt. Die schlechte Erschliessung wird so zum Vorteil für diese Gebiete.• «Seenlandschaft Graubünden»: Graubünden baut bestehende Wasserkraftanlagen aus oder erstellt neue. Dadurch könnte erneuerbare Energie für 150 000 Haushalte gewonnen werden; Graubünden wäre ein wichtiger Partner auf dem internationalen Energiemarkt, und die heute potenzialarmen Räume würden aufgewertet.

Die Broschüre «Graubünden denken» kann direkt bei Stefan Kurath bezogen werden: www.urbanplus.ch.

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