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Das traurige Jubiläum eines Bades

Vor 100 Jahren hat Linthal seinen Glitzer und Glamour verloren. Die Herrschaften sind am 1. August 1914 abgereist – wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Nur wenig erinnert heute noch an das berühmte Bad Stachelberg.

Südostschweiz
Samstag, 02. August 2014, 02:00 Uhr

Von Martin Meier

Linthal. – Im altehrwürdigen Hotel «Bahnhof» in Linthal hängen über dem Stammtisch noch die Pläne des legendären Bades Stachelberg – samt Zimmerpreisen. Der einstige Glanz lässt sich nur erahnen, von dem auch die ganze Talschaft etwas abbekommen hat – auch das 1903 eröffnete Gasthaus: So logierte im «Bahnhof» nebst anderen Persönlichkeiten auch die Königin Wilhelmine von Holland, die sich später, im Ersten Weltkrieg, energisch und erfolgreich für die Neutralität der Niederlande eingesetzt hat.

Prominenz aus der ganzen Welt

Die Prominenz tummelte sich jedoch vor allem im nahegelegenen Bad Stachelberg. Napoleon III, der Kaiser der Franzosen, liess sich vom stinkenden Schwefelwasser ebenso gesundbaden wie der deutsche General Moltke, der einen wesentlichen Anteil an den Siegen in den drei Einigungskriegen gehabt hat.

Ins Gästebuch eingeschrieben haben sich ausserdem die als geistvolle und liebenswürdig geschätzte Herzogin von Orléans, wie auch der deutsche Komponist, Dramatiker, Dichter, Schriftsteller, Theaterregisseur und Dirigent Richard Wagner. Um 1900 verkehrte gar einmal pro Woche ein direkter Eisenbahnwaggon von Paris nach Linthal.

Luxus-Anlage mit 150 Zimmern

Die heute versiegte Schwefelquelle, die in 930 Metern Höhe unterhalb der Terrasse von Braunwald dem Flysch entspringt, wurde erstmals 1714 erwähnt. Auf Initiative des lokalen Arztes Doktor Johann Marti entstand eine erste Fassung. Durch hölzerne Teuchel wurde ab 1812 das Heilwasser in einen Kuhstall geleitet, in dem fünf Badewannen standen. Die ersten Kurgäste trafen ein – damals noch mit der Postkutsche – und stiegen mitten im Dorf im Seckenhaus ab. Einheimische trugen das Wasser in Milchkannen über die Linth.

1830 entstand oberhalb des Parkhauses der heutigen Braunwaldbahn-Talstation das erste Kurhaus, ein strenger klassizistischer Bau mit ei-ner Badeanstalt, 24 Gästezimmern, einem geräumigen Speisesaal sowie einem Billardzimmer.

Park, Tennisplatz, Springbrunnen

1860 wurde ein weiteres Hauptgebäude eröffnet, das dem Andrang der Gäste wiederum nicht standhalten konnte. Mit der am 1. Juni 1879 von der Schweizerischen Nordostbahn in Betrieb genommenen Linie Glarus– Linthal wurde das dritte Gebäude, mit einem grossen Speisesaal und einer Dependance, der Villa Secken, eröffnet. Mit dem 1902 eröffneten Neubau fand der Ausbau des Stachelberges, einer Hotel-Anlage mit vier Häusern, 150 Zimmern, Tennisplätzen und einem Park mit Springbrunnen, dann seinen Abschluss.

«Austern, Schildkrötensuppe, Rheinsalm, Gänseleberschnitten, Rehkoteletten, gefüllte Wachteln, Pouletfilet – aus solchen Hochgenüssen bestand eine Festtagstafel für eine Hochzeitsgesellschaft, die sich 1898 im Bad Stachelberg in Linthal ergötzte», weiss der ehemalige Glarner Landrat Stefan Paradowski, ein Kenner der Kunst- und Regionalgeschichte.

19-gängige Diners

«Diner und Souper umfassten sagenhafte 19 Gänge. Acht Weine erweckten die Gaumenfreuden der Feinschmecker. Natürlich war die Menükarte in der Sprache der Kulinarik, in Französisch, geschrieben und auf die Anwesenheit der Noblesse aus dem In- und Ausland zugeschnitten», so Paradowski weiter.

Viele Gäste dislozierten nach der Kur im Stachelberg ins sagenhaft abgelegene Hotel «Tödi», «ans Ende der Welt», wie der geografische Schriftsteller Johann Gottfried Ebel das nahegelegene Tierfehd umschrieb.

In jenem Hotel «Tödi» war es, wo der österreichische Schriftsteller Karl Kraus den Epilog zu seinem monumentalen Werk «Die letzten Tage der Menschheit» verfasste und sich, auch nach dem Ausbruch des Weltkriegs, jahrelang im Geheimen mit der ungarischen Gräfin Sidonie Nadherny von Borutin traf.

Vor 100 Jahren kam das Aus

Zurück zur heutigen Braunwaldbahn-Talstation: «Von der einstmaligen Pracht des berühmten Stachelbergbades mit vier grossen Gasthäusern und Parkanlagen steht nur noch dieses klassizistische erste Haus aus dem Jahre 1830», erinnert am Gebäude eine Steintafel. Und: «Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 bedeutete zugleich das Ende des Bades, dem die Liquidation folgte.»

Am 1. August 1914 sind alle Gäste Hals über Kopf abgereist. Heute auf den Tag genau vor 100 Jahren stand das Bad Stachelberg also für immer still. Noch immer zeugt eine von Platanen gesäumte Linth-Promenade von der damaligen Vorliebe der Künstler, Adligen und Staatsmänner am Lustwandeln. Und im Wald entdeckt man noch «Liebesgrotten».

Eine Initiative, das Hotel nach 100 Jahren wieder zu neuem Leben zu erwecken, ist im Sand verlaufen.

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