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Das «System Arno Del Curto» funktioniert immer besser

Seit 1996 wirkt Arno Del Curto als Trainer beim HC Davos. Am Dienstagabend hat er mit dem Bündner NLA-Klub seinen fünften Meistertitel errungen. Del Curto ist kein Coach wie jeder andere.

Südostschweiz
14.04.11 - 02:00 Uhr

Von Klaus Zaugg

Eishockey. – Noch immer gilt das sowjetische Nationalteam der 1980er-Jahre unter Cheftrainer Viktor Tichonow als spielerisch beste Mannschaft der Eishockey-Weltgeschichte. Das Erfolgsgeheimnis war nicht eine schlaue oder neue oder revolutionäre Taktik. Sondern die Fähigkeit, in jeder Situation noch präziser und schneller zu spielen. Arno Del Curto ist in dieser Saison so nahe an Tichonows Perfektion herangekommen wie noch nie.

Suche nach dem perfekten Hockey

Das «System Arno Del Curto» ist die nie endende Suche nach dem totalen, dem perfekten Hockey: jeden Tag besser werden. Immer schneller laufen, passen und schiessen. Sein Erfinder kommt nie zur Ruhe. Er ist ein ewig Getriebener auf der Suche nach etwas, was er nie finden wird: das perfekte Hockey. Deshalb kommt Del Curto nie zur Ruhe, und deshalb ist er, anders als so viele seiner Berufskollegen, im Erfolg nicht genügsam oder grössenwahnsinnig oder nachlässig geworden.

Am Dienstag zeigt sich nach dem Titelgewinn in Kloten im Kabinengang eindrücklich das Wesen und Wirken des erfolgreichsten Schweizer Trainers in der Geschichte unseres Eishockeys. Er flippt nicht aus. Er inszeniert sich nicht. Er klopft keine Sprüche. Er raucht keine Meisterzigarre. Die Frage, ob er auf die Reaktion seiner Mannschaft nach der 3:4-Niederlage am Samstag stolz sei, beantwortet er mit der ihm eigenen, beschwörenden Leidenschaft, er sei nicht auf diese Reaktion stolz. Er sei immer stolz auf seine Mannschaft. Seit 1996. Und offenbarte so eines seiner Erfolgsgeheimnisse: seine bedingungslose Loyalität zu seinen Spielern. Del Curto verlangt mit ziemlicher Sicherheit mehr von seinen Spielern als jeder andere Trainer der Liga. Aber er stellt sich immer und in jeder Situation wie kaum ein anderer Trainer vor seine Schützlinge.

Leidenschaft und Charisma

Das «System Arno Del Curto» ist untrennbar mit dem Engagement, der Leidenschaft und dem Charisma des Chefs verbunden. Nur er hat Durchsetzungsvermögen und Glaubwürdigkeit, um über Jahre hinweg erwachsene Männer beim Spiel an die Leistungsgrenze zu treiben. Das System basiert also mehr auf der Persönlichkeit des Chefs, seiner Nähe zu den Spielern und nicht auf einer geheimnisvollen Taktik. Auf seiner Fähigkeit, das Innenleben der Mannschaft zu verstehen und aus dem, was er erkennt, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Trotz der päpstlichen Autorität des Chefs: Das «System Arno Del Curto» ist keine Diktatur. Der grosse Boss kommandiert nicht. Er reisst mit. Überzeugungskraft statt Zwang. Und er sorgt dafür, dass viel gelacht wird. Und der Chef kann auch über sich selbst lachen. Es passt in die Spass- und Leistungskultur dieses Systems, dass Musik eine wichtige Rolle spielt: Nirgendwo dröhnt die Rockmusik so laut wie in der HCD-Kabine. Der HCD-Trainer freut sich wie ein Kind an jenem technischen Spielzeug, auf das ihm ein Freund 25 000 Rocksongs runtergeladen hat. Mit Stolz trägt er einen Ledergürtel mit den eingeritzten Porträts von Rockgottheiten wie Jimmy Hendrix, Frank Zappa und Bob Marley.

Die Saison ist für Del Curto mit dem Sieg in Kloten noch nicht abgeschlossen. Ein feierlicher Akt steht noch aus: die Unterzeichnung der per Handschlag besiegelten Vertragsverlängerung für vier Jahre. HCD-Verwaltungsrat Gaudenz F. Domenig hat seinem Trainer sozusagen als «Signing Bonus» einen wunderschönen, mehr als 1000 Franken teuren Füllfederhalter geschenkt. Um ihn zu ermuntern, doch den Kontrakt endlich zu unterschreiben. Damit diese Formalität endlich erledigt ist. Möglicherweise muss der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt schon noch ein wenig warten. Denn nach Abschluss aller offiziellen Festivitäten wird der HCD-Trainer auf seine ganz besondere Art und Weise feiern: so richtig ausflippen. Dann verwandelt er sich in eine Mischung aus Rockstar, Komiker und Kompagniekalb. Früher tat er das im Zürcher Niederdorf. Aber inzwischen müsse er ins Ausland verreisen. Weil er in der Schweiz überall erkannt werde.

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