Das Restaurant «Lagrev» – ein echtes Kleinod am Silsersee
Ausnahmsweise nicht auf einem Berg, aber nicht minder aussichtsreich liegt das Ausflugsrestaurant «Lagrev». In Isola, einem Weiler am Silsersee, der zu Recht als romantischster Platz im Oberengadin gilt.
Ausnahmsweise nicht auf einem Berg, aber nicht minder aussichtsreich liegt das Ausflugsrestaurant «Lagrev». In Isola, einem Weiler am Silsersee, der zu Recht als romantischster Platz im Oberengadin gilt.
Von Andrea Hilber Thelen (Text und Bilder)
Isola. – Es gibt doch einen Schatz. Allerdings liegt der nicht im, sondern am See, genau genommen am Silsersee. Auf einer smaragdgrün schimmernden Halbinsel ruht der malerische Weiler Isola. Kaum besiedelt und autofrei war er unter Wanderern und Feinschmeckern lange Zeit ein Geheimtipp.
Früher dienten die Satten grünen Wiesen des Deltas den Bergeller Bauern als Alp, auf der sie im Sommer ihr Vieh weiden liessen. Noch immer bewirtschaften die Bauern die Wiesen und neben Kühen freuen sich heute vor allem Bündner Strahlziegen, Esel und Pferde über das Weideparadies am See.
Namensgeberin des «Lagrev» ist eine Geröllhalde
Es brauchte Mut, damals vor 50 Jahren an einem so abgelegenen Ort ein Restaurant zu eröffnen. Ins Engadin ging man in erster Linie zum Skifahren: «Wandern war gar nicht angesagt», erinnert sich die heute 76-jährige Wirtin Anna Ottilia Giovanoli. Zusammen mit ihrem Mann eröffnete sie in den frühen Sechzigerjahren das «Lagrev», das zu Beginn nur während der Wintermonate betrieben wurde, und nannten es «Lagrev», auf romanisch heisst das «Geröllhalde». Heute schmunzelt sie, wenn sie daran denkt: «Wir wussten einfach keinen Namen, da ‘Bellavista’ oder ‘Da Lej’ schon vergeben waren. Eines Tages schauten wir auf den gegenüberliegenden Piz Lagrev. Das ist der Berg mit dem markanten Geröllhang, und so ist der Name ‘Lagrev’ entstanden.»
Mit dem «Lagrev» konnte die sechsköpfige Familie ihre Existenz sichern. In den Wintermonaten lebten sie in Tschlin im Unterengadin, wo der Vater als Lehrer arbeitete, und während der langen Sommerferien betrieben sie das Restaurant im touristisch aufstrebenden Oberengandin.
Seither hat sich im «Lagrev» wenig verändert. Und das schätzen die Gäste, die von nahe und fern immer wieder kommen. «Wir kochen, wie in unserer Familie schon immer gekocht wurde», erklärt Giovanoli. Klassiker auf der Karte sind die traditionelle Maispolenta mit Lamm, Käse von den umliegenden Alpen und frischer Fisch aus dem Silsersee. Die typische Gerstensuppe und feinste hausgemachte Kuchen runden das Angebot ab. «Einmal versuchten wir, die Karte etwas zu erneuern. Aber prompt reklamierten unsere Gäste. Da haben wir bemerkt, dass man Gutes nicht ändern soll», sagt die gebürtige die Bergellerin.
Den Frieden seit 50 Jahren geniessen
Während sich das Oberengadin durch bauliche Massnahmen laufend verändert, bleibt in Isola die Zeit stehen. Eine imaginäre Grenze umschliesst diese wildromantische Halbinsel. Ein blau bemaltes Fischerboot dümpelt am flachen Ufer, Kinder lassen ihre Drachen im Malojawind steigen und Gäste sitzen bei ofenwarmem Beerenkuchen an den grosszügig verteilten roten Gartentischen. Es ist dieser Friede, der Besucher sommers wie winters ins «Lagrev» lockt. Den empfindet Giovanoli seit 50 Jahren immer wieder aufs Neue hier: «Egal, von wo ich komme und was ich gemacht habe, wenn ich hier bin, beruhige ich mich augenblicklich.»
Viele Wege führen zum «Lagrev»
Mittlerweile ist das schlichte Restaurant kein Geheimtipp mehr. Und trotzdem hat man als Gast bei jedem neuen Besuch das Gefühl, gerade wieder einen Schatz gefunden zu haben. Möglicherweise ist es eben dieses Gefühl, das auch prominente internationale Gäste immer wieder hierher zieht. An der Wand in der Gaststube hängt ein handgeschriebener Dankesbrief von Max Frisch. «Er kam sehr gerne hierher», sagt Giovanoli über den 1991 verstorbenen Schriftsteller. «Und erst kürzlich war Mario Monti, der italienische Ministerpräsident, hier», erzählt die Wirtin nicht ohne Stolz. Viele Gäste bleiben bis weit in den Abend hinein. «Das Abendlicht zusammen mit der Ruhe ist wunderschön», schwärmt Luca Giovanoli, Enkel von Anna Ottilia Giovanoli. Der 21-Jährige, steht der mittlerweile 76-Jährigen tatkräftig zur Seite. Um eine Nachfolgeregelung braucht sich die Gastgeberin keine Sorgen zu machen. Die dritte Generation Giovanoli steht in den Startlöchern.
Das «Lagrev» ist Sommer wie Winter auf vielfältige Weise zu erreichen. Hotelgäste können natürlich mit dem Auto zur Pension und zum Restaurant fahren. Der schönste Weg ist im Sommer jedoch mit dem Ruder- oder dem Linienboot. Die höchstgelegene Kursschifflinie Europas gibt es schon über 100 Jahre und verbindet die Orte Sils Maria, Plaun da Lej, Isola und Maloja. Zu den Klassikern aber gehört der Weg zu Fuss oder mit dem Bike. Und zum gemütlichen Abendessen darf sich der Gast ohne Reue ein Glas Wein gönnen. Zurück gehts ja im Mondschein zu Fuss und schlimmstenfalls kann das Bike gestossen werden. Ab Mitte Januar ist das «Lagrev» zu Fuss und mit den Langlaufskies direkt über den zugefrorenen Silsersee erreichbar.
Die «Südostschweiz»-Macher schnüren sich diesen Sommer und Herbst die Wanderschuhe und machen sich auf in wilde Täler und in die Berge auf der Suche nach den schönsten Bergbeizen im Kanton Graubünden. Bereits erschienen: «Startgels», Laax; «Parsiras», Heinzenberg; «Überuf», Kunkelspass; «Plandadein», Fanas; «erika», schlappin; «Chamanna Segantini», Pontresina; «Älpibahn», Malans; «Garfiun», Serneus.
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