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Das nonkonforme Leben des Orgelvirtuosen Hannes Meyer

Das nonkonforme Leben des Orgelvirtuosen Hannes Meyer

Mit Hannes Meyer ist vergangenen Mittwoch der wohl populärste Organist der Schweiz gestorben. Der gefeierte Musiker wurde 74 Jahre alt.

Südostschweiz
vor 8 Jahren in
Aus dem Leben
Organist Hannes Meyer
Organist Hannes Meyer posiert am 24.07.2012 fuer den Fotografen. Er macht am Sonntag einen Orgelspaziergang. Bild Olivia Item

Von Stephan Thomas

Chur. – Bekannt gemacht hat Hannes Meyer sein unermüdliches Bestreben, das Instrument Orgel aus dem Elfenbeinturm zu befreien, in dem es bisweilen gesehen wird. Die Basis seiner Karriere aber – und das wurde gerade unter Laien gerne übersehen – bildeten eine stupende Technik und ein phänomenales Gedächtnis. Noten standen bei ihm selten auf dem Pult. Meyer hat betont, dass er diese Tugenden allein harter Arbeit verdanke. Gelernt hat der 1939 in Auenstein Geborene unter anderem beim Zürcher Grossmünsterorganisten Hans Vollenweider (Orgel) und Rudolf Moser (Komposition). Organist ist auch sein Bruder Rudolf, der viele Jahre an der Winterthurer Stadtkirche gewirkt hat.

Die Orgel gehört allen

Seinem Motto folgend, wonach die Orgel allen gehöre, hat sich Hannes Meyer als Spieler und Kulturvermittler bevorzugt an orgelfernere Kreise gewandt. Mit Kindern hat er besonders gerne gearbeitet; sie durften bei ihm ohne Berührungsängste auf die Orgelbank kraxeln und dem ehrfurchtgebietenden Instrument Töne entlocken.

Auch das Repertoire der Orgelmusik, sonst vorwiegend aus Traditionsbeständen aus fünf Jahrhunderten bestehend, hat er bedeutend erweitert: Schlager, Jazz und Volkstümliches fanden einen prominenten Platz in seinen Konzerten. Dies so sehr, dass man gewohnte Programme von ihm gar nicht mehr hören wollte, was er zwischendurch doch auch ein wenig bedauert hat. Er liess es sich aber dennoch nicht nehmen, neben anderen Klassikern immer wieder sämtliche Triosonaten von J. S. Bach zu spielen. Diesen Gipfel der Orgelliteratur, der höchste Anforderungen an den Spieler stellt, beherrschte er in jeder Lebenslage souverän.

Mit Hannes Meyer in Verbindung gebracht wird aber vor allem sein Hochzeitsmarsch «Schanfigger Bauernhochzeit». Er schreibt dazu in seiner unverkennbaren Art: «Die ‘Schanfigger Bauernhochzeit’ ist im buchstäblichen Sinn ein ‘Cabinet’-Stück. Die Komposition ist dort entstanden, wo auch der Kaiser allein sein will: im ‘Cabinet’ des Hotels ‘Ländte’ in Oberhofen. Tonmeister Jakob Stämpfli meinte anlässlich einer Schallplattenaufnahme, es sei noch ein wenig Platz vorhanden! Dann und so soll die ‘Bauernhochzeit’ gespielt werden: Beiläufig, wenn im Programm, im Frühjahrs- oder Hochzeitsgottesdienst – irgend wann im Alltag – noch ein wenig Platz vorhanden ist: als klingendes Picknick!»

Dieses Zitat entnehmen wir seinem «Orgelspielbuch für Kirche, Schule und Haus». Erschienen ist es 1987 in einer auf 195 Exemplare limitierten bibliofilen Ausgabe, ein Faksimile, in dem es keinen Strich gibt, der nicht aus Meyers Hand stammt. Er konnte in souveräner Manier freihändig Notenlinien ziehen. Wenn sich die Gelegenheit ergab, hat er sich auch einmal mit einem Liedzitat auf der Wand eines Restaurants verewigt.

Der «Devotionswinkel von 60 Grad»

Hannes Meyer war auch im Leben ein Nonkonformist. Über längere Perioden lebte er als Dauergast in Hotels, etwa im Churer «Stern». Die Anekdoten über ihn sind legendär. Ein Dorn im Auge war ihm eine devote Kirchlichkeit, welche die Freiheit des Individuums ächtet. Eines seiner viel verwendeten Bilder war der «Devotionswinkel von 60 Grad» bei den Köpfen der Kirchgänger – gegen unten notabene!

Ihn selber erkannte man auf der Strasse schon von weitem – nicht nur an seinen weissen Hosen, sondern vor allem an seinem gegen oben gerichteten Blick. Ein «Lebensfreude- und Offenheitswinkel», ist man geneigt zu sagen.

All dies ist natürlich nicht nur auf Zustimmung gestossen. In einigen Kirchen wurde Hannes Meyer mit Orgelverboten belegt, was ihm aber keineswegs geschadet hat. Er war einer der ganz wenigen Organisten hierzulande, die es sich trotz gänzlicher Fokussierung auf das Instrument haben leisten können, auf eine kirchliche Organistenstelle zu verzichten; seit 1978 war er freischaffend tätig. Allerdings war er gut vernetzt und konnte auf manche prominente Unterstützung zählen. Seine Konzerthonorare bewegten sich auch im internationalen Vergleich im allerhöchsten Segment.

Capuns mit Haferflocken

Dem Kanton Graubünden war Hannes Meyer seit seiner Mittelschulzeit in Schiers auf mancherlei Weise verbunden. Von 1967 bis 1978 wirkte er als Organist der reformierten Kirche Arosa und des Bergkirchlis, dessen historische Orgel seiner Ästhetik entgegenkam. Ein Gleiches kann man vom Instrument in Soazza sagen; im Misox wohnte Meyer ebenfalls längere Zeit.

Sein Bündnertum äusserte sich vielfältig, bis hin zu dem Capuns-Rezept, das er zu Charly Bielers Capuns-Kochbuch beigetragen hat. Die Haferflocken in der Füllung sind ein weiterer Beleg für Hannes Meyers Unangepasstheit und scheiden die Geister derer, die sie nachgekocht haben. Es bleibt die Erinnerung an die legendären «Einerli Dôle», geistreiche Diskussionen und Konzerte, die trotz vieler Nachahmer eine Kategorie für sich geblieben sind.

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