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Das Kloster Müstair inspiriert Rita Ernst zu neuen Arbeiten

Was «konstruktive Weite» ist, erfahren die Besucher der Sommerausstellung von Rita Ernst im Museum Chasa Jaura in Valchava. Ihre Bilder gehen über die Konstruktion hinaus, sie umfassen räumliche und zeitliche Weite.

Südostschweiz
Dienstag, 16. Juli 2013, 02:00 Uhr

Von Gisela Kuoni

Valchava. – Man mag sie auf den ersten Blick mit den Zürcher Konkreten und Konstruktivisten vergleichen, besonders mit Richard Paul Lohse oder Max Bill – doch den Arbeiten von Rita Ernst liegen weniger Zahlenreihen und -systeme zugrunde als vielmehr ihre eigene Gegenstandswelt. Ihre Inspiration rührt aus dem intensiven Studium historischer und moderner Bausubstanz auf ihren Reisen. Erinnerte Bilder werden so zu den unverwechselbaren Werken. Linien, Flächen, Formen und Farben sprechen die Sprache der Künstlerin.

Erstmals gingen ihre Blicke in die Höhe

Im Kloster Müstair waren es nicht die karolingischen Fresken und auch nicht die Formen des Grundrisses des Gotteshauses, welche Rita Ernst aufrüttelten, sondern die Entdeckung einer alten Deckenkonstruktion über dem Kreuzgang. «Ich habe den Boden gesucht und habe den Himmel gefunden» – so die Worte der Künstlerin zu ihren neuen Arbeiten im Museum Chasa Jaura in Valchava. Denn erstmals gingen ihre Blicke in die Höhe, und sie vertiefte sich in dieses neue Blickfeld. Ihrem Ansatz blieb sie dabei treu. Bauliche Gegebenheiten transferiert Rita Ernst in ihre Arbeiten, setzt sie um in Linien und Flächen, spiegelt diese, verdreht sie, vergrössert und verkleinert, öffnet Begrenzungen und schafft verwirrend vielschichtige Ansichten. Perspektivische Räume werden sichtbar, Gerüste aus unterschiedlichen Trägern, dazwischen entstehen Flächen, geben den Blick frei in eine Dreidimensionalität. Die Bildformate wechseln stark. Kleine intime Durchblicke wechseln mit monumentalen Konstruktionen, und in der Farbpalette tauchen zu den ruhigen Grau-, Schwarz-, Weiss- und Hellblautönen leuchtend die Farben der katholischen Liturgie auf – Gold, Silber, Violett, Rot. Hauptschauplatz ist der grosse Ausstellungssaal. Doch gekonnt ist das gesamte verwunschene Gebäude, das eigentliche Talmuseum, vom Keller bis zum Estrich bespielt.

Rita Ernst wechselt von ihrem Zürcher Domizil regelmässig nach Trapani auf Sizilien, wo sie sich in ihren Arbeiten der südlichen Baukultur, den Kathedralen und Palästen widmet. Es erstaunt, wie deutlich die Bilder sich unterscheiden, wie die vom Kloster Müstair inspirierten Werke eine ganz andere Konstruktion und Ausstrahlung aufweisen als solche, die von sizilianischen Kirchen oder Domen beseelt sind. Im Gegensatz zum Deckenaufbau im Kloster sind es hier die Fussbodenstrukturen, die Geometrie von Fliesen und Kacheln, aus denen die Künstlerin ihre Werke sorgfältig gestaltet. Farben verändern oftmals die Ausgangsformen, das Grundmuster bleibt jedoch sichtbar. Primärfarben Rot, Gelb, Blau und mitunter Grün, locker verteilt auf einem Raster aus Quadraten und Rechtecken, zaubern Frische und Helligkeit in die verwinkelten Räume. Das Formenvokabular ist bewusst knapp bemessen, die Verteilung auf dem hellen Bildgrund ist präzis und hat System. Mit wenigen Gestaltungselementen gelingen der Künstlerin überaus spannende Kompositionen.

Bunte Akzente in der schwarzen Küche

Die Auswahl und die Platzierung der Werke ist wohl durchdacht. Dunkle Ecken werden belebt durch lebhafte, oft brillante Farben, durch unerwartete Frische und Leuchtkraft. Keller und Estrich erhalten neues Leben, und in der schwarzen Küche vermag Rita Ernst mit einem dreidimensionalen Würfel-Werk einen bunten Akzent zu setzen.

Aus Reiseerinnerungen in Tunis resultieren die Collage-Arbeiten mit Spiegelsplittern, ornamentalen Bildern, die an maurische Wandverkleidungen und Mosaikböden erinnern.

«Rita Ernst – Konstruktive Weite». Bis 17. Oktober. Museum Chasa Jaura, Valchava.

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