Dänen lancieren das neue Rennen zum Nordpol
Dänemark will sich den Nordpol einverleiben. Ein Vorstoss, der die Spannungen mit Russland verstärken dürfte. Aber auch Kanada wird provoziert – der Kampf um die Arktis und ihre Bodenschätze wird neu lanciert.
Dänemark will sich den Nordpol einverleiben. Ein Vorstoss, der die Spannungen mit Russland verstärken dürfte. Aber auch Kanada wird provoziert – der Kampf um die Arktis und ihre Bodenschätze wird neu lanciert.
Von Niels Anner
Kopenhagen. – Es geht wieder darum, wer zuerst am Nordpol ist. Es ist nicht mehr wie im letzten Jahrhundert ein Rennen mit Hunden und Schlitten, sondern mit Eisbrechern, wissenschaftlichen Messungen und kistenweise Papier. Dänemark hat Mitte Monat bei der UNO einen Antrag deponiert, mit dem es fast 900 000 Quadratkilometer Meeresboden gewinnen will. Es geht dabei um das Gebiet zwischen Grönland, der halbautonomen vormaligen Kolonie, und dem Nordpol – letztlich um die Vorherrschaft in der Arktis. Es ist der erste vollständige derartige Antrag: eine Datensammlung, die in zwölf Jahren Forschung in und unter meterdickem Eis zusammengetragen wurde. Sie soll beweisen, dass es zwischen Grönland und dem Nordpol über 4000 Meter unter dem Meeresspiegel eine Landverbindung gibt.
Es geht um sehr viel
Allerdings erheben Kanada und Russland ähnliche Ansprüche. Dabei geht es um viel mehr als Prestige. In der Arktis sollen sich fast ein Viertel der weltweit unerschlossenen Öl- und Gasvorkommen befinden. Mit dem immer stärker schmelzenden Polareis böte eine Ausweitung ihres Gebiets gegen Norden den Ländern Zugang zu den Schätzen im Meeresboden, aber auch die Kontrolle über neue, kürzere Schifffahrtswege nach Asien. «Das ist für die Ewigkeit», sagte der dänischen Aussenminister Martin Lidegaard, «wir haben einmal in der Geschichte die Möglichkeit, diese Grenzziehung zu beeinflussen.»
Russland hatte die Welt bereits 2007 in Aufregung versetzt, als ein ferngesteuertes U-Boot im Meeresgrund unter dem Nordpol eine russische Flagge setzte. Der kanadische Aussenminister spottete damals, die Zeit der Kolonialisierung sei vorbei. Doch auch die Russen untermauerten ihre symbolische Handlung mit wissenschaftlichen Daten und stellten einen noch provisorischen Antrag an die UNO. Dasselbe tat dann Kanada Ende 2013. Premierminister Stephen Harper, der seit Langem Kanada als Grossmacht der Arktis propagiert, fordert seither von einem Wissenschafterteam umfangreichere und bessere Daten, um ebenfalls einen vollständigen Antrag einreichen zu können. Die in New York tagende «UNO-Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels» wird schliesslich über die verschiedenen Ansprüche entscheiden. Dies kann aber noch ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen.
Dänische «Provokation»
Russland, Kanada und Dänemark vertreten die Ansicht, dass der Lomonossow-Rücken, ein 1800 Kilometer langes Gebirge am Meeresgrund, eine Verlängerung ihres Festlands darstellt. Damit hätten sie eine Landverbindung zum Nordpol, die Voraussetzung für einen Gebietsanspruch. Bisher gilt eine Grenze bei 200 Seemeilen Entfernung zum Festland.
Mit seinem nun eingereichten Antrag fordert Dänemark erstmals den gesamten Nordpol plus das Gebiet darum für sich. Die Konkurrenten hatten bisher bloss Ansprüche bis hin zum Nordpol gestellt, was auch eine Dreiteilung des Gebiets ermöglichen würde. Der führende kanadische Arktis-Experte Michael Byers bezeichnete Dänemarks Vorgehen deshalb in der dänischen Zeitung «Politiken» als «Provokation».
Dies auch, weil das Verhältnis zu Russland seit der Ukraine-Krise bereits getrübt ist: Geltende internationale Regeln scheinen infrage gestellt. Die Arktis-Anrainerstaaten wollen denn auch keineswegs nur auf die Schlichtung der Uno warten, sondern rüsten auf. Kanada macht seine Marineboote für das Eismeer tauglich, Norwegen hat ein topmodernes Aufklärungsschiff in Betrieb genommen, und Russland ist daran, seine Militärpräsenz in der Arktis massiv auszubauen. Experten und Politiker betonen zwar, es stehe kein Krieg um die Arktis bevor. Aber ein heftiges Machtspiel läuft auf Hochtouren.
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