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C'est le ton qui fait la musique

Lucerne Festival 2010. Ein guter Freund hat mich zu einem Konzert im Kultur- und Kongresszentrum eingeladen. Auf dem Programm stehen Aaron Copland's Orgelsinfonie und Gustav Mahlers Sinfonie Nr.

Südostschweiz
17.10.10 - 02:00 Uhr

Von Niklaus Brantschen

5 cis-Moll. Es spielt die San Francisco Symphony unter Leitung von Michael Tilson Thomas, einem ebenso charismatischen wie charmanten Dirigenten. Was ich schon oft sagen hörte, hier darf ich es erfahren: Es ist der Ton, der die Musik macht – und die Musik macht etwas mit mir.Es erging mir an jenem Septemberabend im Kultur- und Kongresszentrum ähnlich wie der Hauptfigur Harry Haller in Hermann Hesses Roman «Der Steppenwolf», den ich bereits als Jugendlicher verschlungen habe. Hesse schreibt: Plötzlich ist mir «die Tür zum Jenseits aufgegangen, ich hatte Himmel durchflogen und Gott an der Arbeit gesehen, hatte selige Schmerzen gelitten und mich gegen nichts mehr in der Welt gewehrt, mich vor nichts mehr gefürchtet, hatte alles bejaht, hatte an alles mein Herz hingegeben».Musik nimmt die Angst vor dem Fremden und baut Widerstände ab. Sie verbindet und sie vereint. Der eigene Körper vibriert mit und wird Teil des Klangkörpers, der den ganzen Konzertsaal zu füllen vermag. In der Sprache des Zen ausgedrückt: Die Hörenden und das Gehörte sind nicht zwei. Sie sind eins und doch verschieden. Wer Musik zu hören versteht oder lange genug meditiert, erfährt sich als einmalig und einzigartig, mit allem und allen verbunden, ja, verschwistert.Es ist der Ton, der die Musik macht. Das versteht sich. Es sind aber auch die Pausen und die Stille zwischen den Tönen und zwischen den einzelnen Sätzen, die den Zauber der Musik ausmachen. Jeder Ton wird aus der Stille geboren, wird, solange er klingt, von Stille umgeben und klingt schliesslich in die Stille hinein. Nicht zuletzt dank der Pausen und der Stille wird die Musik erfahren als ein weiter, offener Horizont, vor dem alles und jedes als unendlich und unfassbar erscheint und zugleich ganz konkret und unverwechselbar ist: du und ich, der Dirigent, die einzelnen Instrumente und die Menschen, die sie spielen.C'est le ton qui fait la musique. Dieser Satz hat noch eine andere, sprichwörtliche Bedeutung. Und diese hängt mit der ersten zusammen. Gemeint ist die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Stur oder versöhnlich, barsch oder freundlich, unverbesserlich oder konsensbereit, kurz: verschlossen oder mit wachem, offenem Herzen. Für den angemessenen Ton prägten die Lateiner die bekannte Formel «suaviter in modo, fortiter in re». Entschieden und klar in der Sache sollten wir sein und umgänglich im Ton. Der gute Umgangston steht uns allen gut an in Gesprächen, Begegnungen und anderen Formen der Kommunikation.Das Rezept «suaviter in modo, fortiter in re» hat seine Aktualität nicht verloren. Echte Begegnung, ob in Familie, Gesellschaft oder Politik, kann nur gelingen, wenn wir uns im Ton nicht vergreifen, sondern dem Geschäfts-, Gesprächs- oder Lebenspartner mit Achtung und Respekt begegnen. Er oder sie ist Mensch wie du und ich und möchte achtsam und nicht nur pro forma angehört werden, bevor ich unmissverständlich zu verstehen gebe, was Sache ist und was die Wahrheit ist.Nach dem Konzert im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum habe ich mir vorgenommen, in Zukunft öfter Musik zu hören. Auch ab dem Tonträger in meinem Zimmer. Beim Musikhören schärft sich mein Musikgehör für die Menschen in der Umgebung – und nicht nur für sie.

Niklaus Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, wohnt und wirkt im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn in Edlibach (Zug).

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