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«In Cervinia wurden wir alle gläubig»

Sportlicher Ruhm ist vergänglich. Das sagt Celest Poltera, der 1987 mit Pilot Ralph Pichler in St. Moritz WM-Gold im Zweierbob einfuhr. Den Umstieg ins Berufsleben meisterte der Savogniner Anschieber – auch dank des Sports – perfekt.

Südostschweiz
Mittwoch, 31. Dezember 2014, 01:00 Uhr

Von Johannes Kaufmann

Bob. – Als Celest Poltera 1993 seinen Bob in die Ecke stellte, gewann er sofort Abstand zur Szene. Er zählt nicht zu jenen zahlreichen Grössen der Schweizer Traditionssportart, die in St. Moritz im Januar während des Weltcups jeweils die Bahn frequentieren und nur zu gerne von alten Zeiten schwärmen. Eine Ausnahme machte Poltera bloss für die WM im Oberengadin im vergangenen Jahr, die er als Experte fürs Rätoromanische Radio verfolgte. «Ich zog diesen Schlussstrich bewusst, um mich ohne Wenn und Aber neuen Dingen zuzuwenden», sagt der 51-Jährige aus Savognin, der seiner Heimat treu blieb. Der «Wochenend-Bündner» behielt eine Wohnung vor Ort, obwohl sich der Lebensmittelpunkt des zweifachen Familienvaters seit 1996 in Zürich befindet. Zielstrebig kletterte der Versicherungsexperte die Karriereleiter empor. Er leitet in Zürich die Generalagentur der Basler Versicherungen und ist Chef von 60 Mitarbeitern. Als Masterdozent verfasste er zudem ein offizielles Lehrmittel. Im Schweizer Versicherungswesen führt kein Weg an Celest Poltera vorbei.

Werner Camichel als Förderer

Die Karriere nach der sportlichen Karriere verläuft somit erfolgreicher als die sportliche Laufbahn des Modelathleten, der im Bobsport einer von vielen Schweizer Medaillengewinnern ist. Der Startschuss erfolgte 1984 am Lehrerseminar in Samedan. «Mein Turnlehrer war Werner Camichel», erinnert sich Poltera. Camichel prägte den Schweizer Bobsport als Mitglied des von Jean Wicki pilotierten «Goldvierers» an den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo. Später wirbelte der mittlerweile verstorbene Engadiner Anschieber jahrelang als Betriebsleiter des Olympiabobruns St. Moritz/Celerina. Camichel animierte Poltera zu einem Eignungstest in Magglingen. Der war nicht abgeneigt und überzeugte sogleich mit Bestwerten. «Ich war ein begabter, vielseitiger Athlet», sagt Poltera. Mit einer Körpergrösse von 1,85 Metern und einem Gewicht von 90 Kilogramm brachte er genügend Masse mit. Und er war schnell. Poltera erwähnt eine 100-Meter-Bestzeit im Bereich von 11 Sekunden.

Der junge Savogniner war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Es waren die «goldenen Zeiten» des Schweizer Bobsports. Charismatische Piloten-Persönlichkeiten wie Silvio Giobellina, Ekkehard Fasser, Hans Hiltebrand, Ralph Pichler und Erich Schärer bekämpften sich auf und neben der Bahn. Denn es gab nur zwei Startplätze pro Disziplin an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zu verteilen. «Die Schweizer Meisterschaften waren deshalb fast noch wichtiger als die später folgenden internationalen Titelkämpfe», erinnert sich Poltera.

Poltera fuhr mit Pilot Pichler. Die Liaison verlief erfolgreich. An den Weltmeisterschaften 1986 am Königssee gab es Silber mit dem Zweier und Bronze mit dem Vierer. Ein Jahr später krönten Pichler/Poltera ihre Zusammenarbeit mit WM-Gold auf der Heimbahn in St. Moritz/Celerina. Zudem resultierte erneut Bronze mit dem Vierer. Das Erfolgsrezept des Anschiebers Poltera? «Die totale Fokussierung auf den Tag X war meine Stärke. Ich konnte sehr gut mit Leistungsdruck umgehen.» Nichtsdestotrotz folgte auf das Hoch an der WM 1987 der Karriereknick. Poltera schaffte es nicht an die Olympischen Spiele 1988 in Calgary. Die Beziehung zu Pichler war nach dem WM-Titel nicht mehr dieselbe wir vorher. Das sei wie in einer Ehe, sinniert Poltera, man habe sich halt auseinandergelebt.

«Ehekrach» mit Ralph Pichler

Das Olympia-Aus wurmt Poltera bis heute. «Klar, für einen Sportler ist Olympia das mit Abstand grösste Ereignis, was er erleben kann», bestätigt er. Ekkehard Fasser hatte Poltera zudem vor dem Olympia-Winter zu einem fliegenden Wechsel auf seinen Schlitten animiert. Poltera lehnte ab – und musste via TV miterleben, wie der «Glarner Stammtischvierer» in Calgary zur viel umjubelten Goldmedaille fuhr. Wirklicher Ärger darüber lässt sich der Oberhalbsteiner 25 Jahre später zumindest nicht ansehen. Er sagt: «Derlei Gedanken hege ich nicht. Ohnehin stand für mich immer der Zweierbob im Vordergrund. Da ist der Anteil des Anschiebers am Erfolg doppelt so gross.»

Ebenso wenig trauert Poltera einer anderen Chance nach. In seiner ersten Bob-Saison hiess sein Anschieberkollege Gustav Weder. Weder plante bereits seine spätere Pilotenkarriere. Es kam zu einem losen Gespräch über einen späteren Wechsel ins Team Weder, erinnert sich Poltera. Zur Zusammenarbeit kam es nie. Weders einzigartige Erfolgskarriere – gekrönt von Olympia-Gold im Zweier 1992 und 1994 – fand ohne Poltera statt. Doch der hatte nach der Olympia-Saison 1988 ohnehin längst seine zweite Bobkarriere als Pilot gestartet. Mit Anschieber Marco Battaglia konzentrierte sich Poltera dabei primär erneut aufs kleinere Gefährt. Das vom Bobclub Flims mitangeschobene Projekt eines «Bündner Bobs» schaffte den internationalen Durchbruch indes nie. Immerhin gelang Poltera/Battaglia 1993 der erhoffte Medaillengewinn an internationalen Meisterschaften. Hinter Gustav Weder/Donat Acklin wurde abermals auf der Heimbahn in St. Moritz die EM-Silbermedaille eingefahren. Poltera nutzte den Erfolg zum erhofften Abschied vom Leistungssport mit einem Erfolgserlebnis. Er sagt: «Ich war 30 Jahre alt und hielt mich im Sommer mit Gelegenheitsjobs als Zimmermann oder bei der Ems-Chemie über Wasser. Nun wollte ich endlich auf die Karte Beruf setzen.» Er räumt im Nachhinein ein, dass ihm für grössere Meriten im Eiskanal die letzte Konsequenz gefehlt habe.

Der Spitzensport habe ihm indes einiges fürs weitere Leben gebracht, sinniert Poltera. «Ich habe gelernt, dass nur dem Sieger wirklich gehuldigt wird, der Zweite ist der erste Verlierer.» Poltera nahm es sich zu Herzen und mutierte im Berufsleben zum Winnertypen. Der Ehrgeiz hängt mit seiner Herkunft zusammen. Poltera stammt aus einfachsten Verhältnissen und verlor früh seinen Vater.

Als Türenöffner für die Karriere nach der Karriere waren seine Spuren im Eiskanal aber zu marginal. Als Anschieber war Polteras Konterfei zu wenig präsent. «Mein Wiedererkennungswert ist beschränkt», sagt er. Er kennt das Gegenteil. Einer von Polteras Mitarbeitern ist Fussball-Legende Georges Bregy.

«Cool Runnings» gab es wirklich

Aus zehn Jahren Bobsport blieb die eine oder andere Episode zum Schmunzeln hängen. Die wirklich «wilden Zeiten» waren zwar vorbei. «Ich erlebte noch die Ausläufer davon», sagt Poltera mit einem Grinsen im Gesicht. Er erwähnt eine rauschende Partynacht des britischen Teams. «Am nächsten Tag erhielten wir im Startgelände Besuch. Die gefühlt halbe Polizei von Innsbruck war erschienen.» Die Ankunft des legendären Bobteams aus Jamaika erlebte er hautnah mit. «Die sahen wirklich so aus, als ob sie noch nie in der Kälte waren. Und ja, die Jamaikaner staunten Bauklötze, als wir am Start in Schweizerdeutsch eins, zwei, drei riefen», sagt Poltera und fügt an: «Natürlich ist der Film Cool Runnings überzeichnet, aber in den Grundzügen stimmt die Geschichte.»

Auch auf der Strecke ging es zur Sache. Der berühmt-berüchtigte, längst nicht mehr befahrene Natureiskanal im italienischen Cervinia bezeichnet Poltera als die ultimative Mutprobe. Immer wieder stieg der Helikopter auf um verunfallte Athleten zu bergen. «Cervinia war extrem. Da wurden im Startgelände alle gläubig und hofften, bloss heil ins Ziel zu gelangen.»

Derlei Nervenkitzel vermisst Poltera im modernen Bobsport. Er schaut sich im TV lieber Skicross, Snowboard, Ski alpin oder Langlauf an. Er sagt: «Da bleiben Fehler für den Laien sichtbar. Im modernen Bobsport sieht eine Fahrt wie die andere aus. Das ist völlig unspektakulär und lässt sich inmitten eines immer grösseren Konkurrenzangebots nicht verkaufen.» Poltera sagt dies ohne Emotionen. Er leidet nicht mit «seiner» Sportart, mit der er ohnehin direkt nach dem Rücktritt fast komplett abschloss.

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