Bundesräte lächeln beim Kaffeekränzchen im Vorzimmer
Das Bundesratsfoto 2015 zeigt die Regierung erstmals sitzend beim Kaffee. Was verrät das Bild dem Betrachter? Was bedeuten die Gesten fürs kommende Jahr?
Das Bundesratsfoto 2015 zeigt die Regierung erstmals sitzend beim Kaffee. Was verrät das Bild dem Betrachter? Was bedeuten die Gesten fürs kommende Jahr?
Von Rinaldo Tibolla
Bern. – Ob daran angelehnt oder nicht: Das offizielle Bundesratsfoto erinnert an das Gemälde «Das Abendmahl» von Leonardo da Vinci. Wie es sich gehört, sind Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und Vizepräsident Johann Schneider-Amman im Vordergrund platziert. Seine Lederschuhe liess der Wirtschaftsminister auf Hochglanz polieren. Über seine verkrampfte Sitzhaltung bringt er dies schön zur Geltung. Alles andere als entspannt ist auch Sommaruga. Ihr Lächeln und ihr Blick wirken unsicher, fast schon besorgt. Ist es wegen der wichtigen Entscheide, die dieses Jahr anstehen? Schon in ihrer Rede nach der Wahl zur Präsidentin hatte sie die «grossen Projekte» Energiestrategie, Altersvorsorge, Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative und die offenen Verhandlungsdossiers mit der EU erwähnt. In ihrer Neujahrsrede sprach Sommaruga davon, dass 2015 gewiss kein leichtes Jahr sein werde.
Wassertrinker und Fruchtfeinde
Munter, gar heiter, geht es hinten am Tisch zu und her. In der Mitte – wo der Blick wie beim Abendmahl direkt hinführt – scheint Ueli Maurer, Sport- und Verteidigungsminister, einen Witz zum Besten gegeben zu haben. Umwelt-, Verkehrs- und Energieministerin Doris Leuthard jedenfalls hat ihre helle Freude daran. Links am Tisch strahlen Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf und Aussenminister Didier Burkhalter um die Wette. Ein Blickkontakt zwischen den beiden fehlt aber gänzlich. Vielleicht ist die Lässigkeit auch bloss gespielt. Burkhalter hält seinen rechten Arm bereit, um nach dem Telefonhörer zu greifen. Erwartet er einen wichtigen Anruf aus Brüssel? Das Bild verrät ausserdem, dass Widmer-Schlumpf keinen Kaffee trinkt. Vor ihr steht eine Teetasse. Offenbar genehmigen sich Widmer-Schlumpf, Leuthard, Burkhalter und Schneider-Ammann aber auch öfter einen Schluck Wasser. Das kann man vom rechten Teil des Tisches jedoch nicht sagen, ist dort der Wasserkrug noch voll. An Früchten scheint niemand in der Regierung Interesse zu haben: Ein Apfel hat schon gar keinen Platz mehr in der Schüssel.
Sichtlich keinen Spass hat Bundeskanzlerin Corina Casanova. Mit unbeeindruckter Miene folgt sie den Erläuterungen von Innenminister Alain Berset, der sie mit einem starren Blick fixiert. Ob er mit seinen drei Fingern gerade versucht, die Auswirkungen der Rentenreform auf die drei Säulen zu erklären? Vielleicht ist Casanova auch einfach enttäuscht, weil sie weder Kaffee, Tee noch ein Wasserglas bekommen hat. Das Gremium scheint ansonsten einigermassen harmonisch zu funktionieren. Die Bundeskanzlei beschreibt das Bild mit «gelebter Konkordanz». Die Frage ist nun, wie viel davon nach Ende des Wahljahrs 2015 noch übrig sein wird und ob sich wie beim Abendmahl ein Mitglied als Verräter entpuppen wird.
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