Broggi: «Die alpine Landschaft ist nicht erneuerbar»
Die Wasserkraft in den Alpen habe ihren Obolus an die Energiewende längst geleistet. Diesen Standpunkt begründete Mario Broggi, Forstingenieur und preisgekrönter Naturschutz-Experte, an der Cipra-Jahresfachtagung in Bozen.
Die Wasserkraft in den Alpen habe ihren Obolus an die Energiewende längst geleistet. Diesen Standpunkt begründete Mario Broggi, Forstingenieur und preisgekrönter Naturschutz-Experte, an der Cipra-Jahresfachtagung in Bozen.
Mit Mario Broggi sprach Hanspeter Guggenbühl
Die Energiewende erfordert einen Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion. Dazu gehört auch die Nutzung der Wasserkraft. Ihnen, Herr Broggi, macht das Angst. Warum?
Mario Broggi: Wasserkraft ist zwar erneuerbar, aber die betroffene alpine Landschaft ist es nicht. Die Nutzung der sauberen Wasserkraft zur Elektrizitätserzeugung hat ihre Kehrseiten: Lebendige Bäche werden zu trockenen Geröllbetten abgewertet. Staudämme und Staustufen wandeln dynamische Wasserlandschaften und Naturräume um zu monotonen Abflusskanälen. Die Vielfalt an Lebensräumen für Menschen, Tiere und Pflanzen nimmt ab. Gewisse Wasserkraftanlagen, insbesondere solche mit grossen Sedimentfrachten, hätte man nie bauen dürfen.
Neue Wasserkraft-Projekte müssen heute strengere Vorschriften zum Schutz der Natur erfüllen. Bringt das keine Verbesserung?
Die Wasserkraft hat ihren Obolus zur Stromerzeugung längst geleistet. In den Schweizer Alpen zum Beispiel erfassen Wasserkraftwerke bereits 90 Prozent des technisch nutzbaren Potenzials. Die Zitrone ist ausgepresst. Entsprechend gering ist der Grenznutzen aus den verbleibenden zehn Prozent. Wenn wir die Stromerzeugung aus Wasserkraft nochmals steigern wollen, so bedeutet das den Tod für unsere Bäche und Flüsse.
Diese Entwicklung wird finanziell gefördert, in der Schweiz durch die kostendeckende Einspeisevergütung, die neben Solar- und Windstrom auch Strom aus kleinen Wasserkraftwerken quersubventioniert. Das Parlament hat die Abgabe zur Finanzierung dieser KEV kürzlich auf 1,5 Rappen pro Kilowattstunde Stromkonsum erhöht. Was halten Sie davon?
Solche Subventionen erhöhen natürlich den Druck zur zusätzlichen Wasserkraftnutzung. Das ist fatal, aber leider kein Einzelfall. Die Stiftung für Landschaftsschutz hat bereits im Jahre 2001 den schleichenden Boden- und Naturverzehr durch Subventionen untersucht und beklagt. Ich würde das generell noch zuspitzen: Subventionen machen dumm. Denn Subventionen werden abgeholt, unabhängig vom Sinn oder Unsinn, unabhängig davon, ob sie nützen oder schaden. Subventionen verstärken das Bestehende und verhindern damit die Entwicklung von Alternativen.
Immerhin zweigt die Schweiz 0,1 Rappen von diesen 1,5 Rappen ab, um mit dem Ertrag die Gewässer zu renaturieren.
Die Stossrichtung dieser Massnahme ist gut. Wir erhalten damit eine Sockelfinanzierung für Reparaturarbeiten. Dabei muss man aber auch die Zeit in Rechnung stellen. Die Reparatur aller beeinträchtigten Gewässer müsste mit der Finanzierung aus diesen Beiträgen Jahrhunderte dauern.
Opposition gibt es nicht nur gegen die zusätzliche Nutzung der Wasserkraft. Auch Windkraftwerke und Solaranlagen auf Freiflächen stossen auf Widerstand. Wie wollen Sie denn die Energiewende umsetzen und die Atomkraft ersetzen?
In erster Linie müssen wir unseren Energiehunger bändigen. Sparen ist effizienter als zusätzliche Produktion. Wenn wir aber mehr Energie erneuerbar produzieren wollen, dann sollten wir das primär im Siedlungsraum tun. Bestehende Gebäude können umgebaut werden zu Kraftwerken, die zum Beispiel mit Sonnenenergie mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen.
In Ihrem Referat hier an der Cipra-Tagung lobten Sie die noch ungenutzten mäandrierenden Flüsse und geisselten die rücksichtslose Nutzung der Wasserkraft. Doch am Schluss machten Sie eine Ausnahme. Beim Ausbau der Pumpspeicherung, so sagten Sie, liege noch etwas drin. Ist die Zitrone also doch noch nicht ausgepresst?
Pumpspeicher-Kraftwerke sind Batterien, die überschüssigen Strom temporär speichern und damit die unregelmässige Stromproduktion von Wind- und Solarkraftwerken ausgleichen. Sie nutzen damit eine Sondereigenschaft der Alpen, nämlich das grosse Gefälle. Wenn wir Pumpspeicher-Kraftwerke im Interesse einer sinnvollen Arbeitsteilung zulassen, dann können wir den Druck zur Nutzung der Fliessgewässer vermindern, Flusskraftwerke aufheben und die Flüsse revitalisieren. Ich bin allerdings dagegen, zusätzliche Stauseen zu bewilligen. Denn Pumpspeicher-Kraftwerke können und sollen das Wasser aus den bestehenden Alpenrandseen in einem geschlossenen Kreislauf nutzen. Ein Beispiel für ein solches Kraftwerk gibt es am Lago Maggiore.
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