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Boston: Gesucht werden unbefangene Geschworene

In Boston hat gestern der Prozess gegen einen der beiden mutmasslichen Marathon-Attentäter mit der Auswahl der Jury begonnen. Dschochar Zarnajew droht bei einem Schuldspruch für die Tat vom April 2013 das Todesurteil.

Südostschweiz
06.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Thomas J. Spang

Boston. – Das US-Bundesgericht in dem roten Backsteingebäude im Hafen der Neuengland-Metropole Boston steht schon zu Beginn des Verfahrens vor seiner schwierigsten Aufgabe: zwölf Geschworene und sechs Ersatzjuroren zu finden, die unbefangen über den Anschlag auf den legendären Stadtmarathon in Boston am 15. April 2013 entscheiden können.

Bei der Explosion zweier mit Schwarzpulver, Nägeln und Stahlkugeln gefüllter Schnellkochtöpfe wurden damals drei Menschen getötet und mehr als 260 Menschen verletzt. Das Ereignis liess nicht nur den Grossraum Boston mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern traumatisiert zurück. Der schwerste Terroranschlag in den USA seit dem 11. September 2001 schockierte die gesamte Nation, die in einer Endlosschleife die blutigen Bilder der Opfer via Mattscheibe in die Wohnstuben geliefert bekam.

1200 Kandidaten

Dschochar Zarnajews Star-Verteidigerin Judy Clarke, die sich einen Namen machte, weil sie prominenten Mördern wie dem berühmten Unabomber Ted Kaczynski den Kopf rettete, ist mit dem Versuch gescheitert, den Prozess gegen den 21-Jährigen an einen Ort fernab des Geschehens verlegen zu lassen. Umso genauer schaut sich ihr Team nun die Kandidaten an, die das Gericht zur Auswahl für den Jurydienst einbestellt hat. Begleitet von massiven Sicherheitsvorkehrungen und einem riesigen Medienwirbel trafen gestern die Ersten von insgesamt 1200 Kandidaten in dem Gerichtsgebäude ein.

Über die kommenden drei Tage werden diese in Gruppen zu jeweils 200 Personen nach allen möglichen Einzelheiten befragt. Von vornherein nicht in Frage als Geschworene kommen Angehörige der Polizei, der Rettungsdienste und der Feuerwehr sowie Regierungsbeschäftigte. Auch Personen, die mit vom Anschlag Betroffenen in Verbindung stehen, scheiden aus. Das Gesetz verlangt darüber hinaus, dass die Juroren nicht grundsätzliche Vorbehalte gegen die Todesstrafe haben dürfen. Ein Punkt, den Verteidigerin Clarke für bedenklich hält, da der Prozess nach Bundesrecht in einem Gliedstaat geführt wird, der diese Strafe abgeschafft hat.

Die Schuld ist kaum zu bestreiten

Rechtsexperten erwarten ein mehrwöchiges Ringen zwischen Clarke und Carmen Ortiz, die als zuständige Staatsanwältin für Massachusetts die Anklage führt. Die Zusammenstellung der Jury ist dabei weniger entscheidend für die erste Phase des Prozesses, bei dem es um die Feststellung der Schuld geht. Die Beweislast gegen Zarnajew ist angesichts der 730 aufgebotenen Zeugen und 1238 Beweisstücke so erdrückend, dass die Verteidigung gar nicht erst den Versuch unternehmen wird, ihren Mandanten reinzuwaschen.

Clarke konzentriert sich von Anfang an auf die zweite Phase des Verfahrens, bei dem es dann um die in diesem Fall spannende Frage geht: Verdient der 21-jährige Sohn einer tschetschenischen Einwandererfamilie für seine mutmassliche Tat den Tod oder nicht. Findet die Jury den Angeklagten in einem der 17 mit der Höchststrafe bedrohten Anklagepunkte einstimmig für schuldig, muss die Verteidigung einen Weg finden, die Geschworenen davon zu überzeugen, Zarnajew stattdessen lebenslang hinter Gitter zu stecken.

Gegensätzliche Psychogramme

Voraussichtlich im Frühjahr werden Verteidigung und Staatsanwaltschaft die Geschworenen mit zwei entgegengesetzten Psychogrammen des Angeklagten konfrontieren. Das eine beschreibt den ehemaligen Studenten der renommierten Universität von Dartmouth als eiskalten Terroristen, der seine islamistischen Überzeugungen noch auf die Innenwand des Boots kritzelte, in dem ihn die Polizei nach der Tat verletzt stellte. Dieses Porträt konkurriert mit dem des verführten Opfers seines acht Jahre älteren Bruders Tamerlan, der bei der mehrtägigen Verfolgungsjagd ums Leben kam.

Hinrichtung unwahrscheinlich

Rechtsexperten erwarten, dass sich der Prozess insgesamt über mindestens fünf Monate hinziehen wird. Dass Zarnajew bei der Verhängung der Todesstrafe jemals hingerichtet wird gilt als mehr denn ungewiss. Die letzte Hinrichtung in einem US-Bundesgefängnis liegt inzwischen zwölf Jahre zurück.

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