Biografie: Mozart in der Gewalt des Eros, von ihm regiert
In ihrer Mozart-Biografie behauptet Eva Gesine Baur, der Komponist sei in der Gewalt des Eros gewesen. Dieser These wird alles untergeordnet, der Beweis wird aber nicht erbracht.
In ihrer Mozart-Biografie behauptet Eva Gesine Baur, der Komponist sei in der Gewalt des Eros gewesen. Dieser These wird alles untergeordnet, der Beweis wird aber nicht erbracht.
Von Roland Mischke
Richard Strauss soll die Autorin, eine ausgewiesene Mozart-Kennerin, zu ihrer These verleitet haben. Die 54-jährige Eva Gesine Baur behauptet, Wolfgang Amadeus Mozart sei dem Eros verfallen gewesen, alles in seinem Leben habe damit zusammengehangen. So verkündete es auch Strauss 1944: «Die mozartsche Melodie ist – losgelöst von jeder irdischen Gestalt – das Ding an sich, schwebt gleich Platons Eros zwischen Himmel und Erde, zwischen sterblich und unsterblich … tiefstes Eindringen der künstlerischen Fantasie, des Unbewussten, in letzte Geheimnisse …»
Alles muss herhalten
Baur hält das für eine neue Sichtweise: Mozart in der Gewalt des Eros. Sie walzt diese Sichtweise auf über 550 Seiten aus, und alles, wirklich alles, muss dazu herhalten, ihre These zu stützen. «Mozart ist ein Meister der musikalischen Doppeldeutigkeit», erklärt die Kulturwissenschaftlerin. Denn, «was wirklich gespielt wird, sollen nur wenige verstehen». In der Buchmitte geht es um die Oper Figaro, in der es in einer Liedzeile heisst: «Le donne ficcan gli aghi in ogni loco» – «Die Frauen stecken sich die Nadeln überall hin». Die Nadel, ago, im Italienischen männlich, und ficcare stehe für «Geschlechtsverkehr treiben».
Da sei der Eros wieder mit dem Komponisten durchgegangen, es seien aber Obszönitäten verboten gewesen in jener Zeit. Ob Sprachexperten das auch so sehen würden? Man weiss es nicht, aber die Autorin klaubt solche Funde zu einem Klumpen zusammen, über dem steht: die Macht des Eros. Was auch immer sie beschreibt, von der Wunderkinderzeit über seine Begegnungen mit Frauen bis zu seinem Tod, der Eros habe ihn regiert.
Genie bleibt unbekannt
Mozart sei uns grundfremd, deshalb unheimlich, schrieb sein bedeutender Biograf Wolfgang Hildesheimer. Sein Genius habe mit seinem Leben nie zusammengepasst, beide standen sich gar gegenüber. Hildesheimer: «Was wissen wir denn vom Genie? Genau soviel wie das Genie über sich weiss: nichts.» Als Mozarts Vater starb, kam der Sohn nicht zur Beerdigung nach Salzburg, vier Tage später hielt er lieber einen Trauergottesdienst für seinen verstorbenen Vogel ab. Er konnte nicht mit Geld umgehen, sondern warf es, wenn er es hatte, mit vollen Händen heraus. Die Ehe mit Constanze war eine Farce, Mozart wusste mit Frauen grundsätzlich nicht umzugehen. Ein anderer Biograf, Martin Geck, hielt ihn für einen Harlekin, der eben begnadet war, grosse Musik zu schreiben. In den vielen Büchern zu Mozart hat der Eros nur eine geringe Rolle gespielt.
Schwächen werden aufgedeckt
Für Baur ist Eros der Schlüssel. Der 1,56 Meter kleine Musiker sei hässlich gewesen, mit viel zu dicker Nase, Pockennarben und einem stets fahlen Gesicht. Aber er habe sich nach Schönheit gesehnt. Diese Spur verfolgt die Autorin strikt, dabei meint sie, einiges neu deuten zu müssen. «Alles wäre so einfach, hätte Mozart keine Briefe geschrieben», argumentiert sie. Obwohl nur ein Teil von ihnen erhalten ist, führte Mozart die Nachgeborenen damit selbst auf seine Fährte. Auf die Fährte eines Mannes, der seinen Vater belog und finanziell betrog. Der sich in Fäkalsprache und Obszönitäten erging. Der verdiente Künstler mit groben Worten herabsetzte. Der intrigierte und trickste. Der seine Gläubiger mit Ausreden hinhielt, seine Schwester im Unglück hängen liess, über das Äussere von Frauen übel herzog und Unschuldige verleumdete.
Aber zeugt das nicht eher für einen miesen Charakter? Oder war es doch der Eros, der ihn so agieren und reagieren liess? Baur will Mozarts menschliche Schwächen aufdecken, denn wenn man ihn nur auf einen Thron setze, werde man ihm «nicht gerecht. Denn die Menschlichkeit seiner Musik kommt daher, dass er selbst ungeheuer Mensch war.»
Eva Gesine Baur: «Mozart. Genius und Eros». C.H. Beck. 565 Seiten. 24 Franken.
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