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«Beschneidung von Knaben ist Genitalverstümmelung»

Die Uzner Staatsanwältin Beatrice Giger hat als einzige Schweizer Juristin eine Facharbeit über die Beschneidung bei Knaben geschrieben. Umso gefragter sind darum ihre Erkenntnisse bei der aktuellen Diskussion an Spitälern.

Südostschweiz
14.08.12 - 02:00 Uhr

Mit Beatrice Giger sprach Marc Allemann

Macht sich ein Arzt strafbar, wenn er am Spital Uznach einen Knaben nach der Geburt beschneidet?

Beatrice Giger: Bei diesem Eingriff handelt es sich um eine einfache Körperverletzung nach Strafgesetzbuch – zumindest wenn der Eingriff nicht medizinisch notwendig ist. Ich möchte aber betonen, dass dies meine Meinung als Privatperson und nicht die allgemeine Auffassung der Staatsanwaltschaft des Kantons St.Gallen ist.

Sie haben eine Arbeit über rechtliche Fragen bei der Beschneidung geschrieben. Was hat Sie an diesem Thema interessiert?

Ich beziehe mich in meiner Arbeit nicht nur auf die männliche Beschneidung, sondern auch auf die weibliche Genitalverstümmelung. Diese hat in der Regel weitaus gravierendere gesundheitliche Folgen. Beide Beschneidungsformen sind meiner Ansicht nach eine Form der Genitalverstümmelung. Mich hat interessiert, inwieweit Eltern bei der männlichen Beschneidung in grundsätzlich strafbare Handlungen einwilligen und diese Handlungen mit ihrer Einwilligung quasi legitimieren können.

«Beschneidung ist tabuisiert worden»

Warum werden Beschneidungen in der Schweiz weiterhin durchgeführt, auch wenn sie strafbar sind?

Das Thema wurde in der Vergangenheit tabuisiert. Es hat noch nie eine Staatsanwaltschaft Anklage nach einer Beschneidung erhoben. Die männliche Beschneidung ist im Gesetz nicht namentlich als Straftatbestand erwähnt. Im Gegensatz zur weiblichen Genitalverstümmelung, die seit Kurzem explizit unter Strafe gestellt ist. Weil die Beschneidung aber unter die einfache Körperverletzung fällt, könnte sie bereits heute bestraft werden. Hier gehen die Meinungen aber auseinander.

Einfache Körperverletzung? Es geht doch nur um ein kleines Stück Haut?

Bei der Beschneidung wird die Vorhaut ganz oder teilweise weggeschnitten. Das ist ein Substanzeingriff in den Körper, der nicht rückgängig gemacht werden kann. Gemäss Bundesgericht genügt dies, um den Tatbestand der einfachen Körperverletzung zu erfüllen. Auch eine Blinddarmoperation fällt unter die einfache Körperverletzung – nur ist der Eingriff medizinisch gerechtfertigt und er geschieht unter Einwilligung des Patienten.

Warum ist die Vorhaut wichtig?

Ich bin Juristin, keine Medizinerin. Es ist aber bekannt, dass die Vorhaut die Funktion hat, die Eichel feucht zu halten. Ohne Vorhaut wird die Eichel widerstandsfähiger und verliert an Empfindungsfähigkeit.

Die Rechtskommission des Nationalrats betrachtet die männliche Beschneidung als nicht problematisch.

Juristisch gesehen ist der Fall ziemlich klar: Die Beschneidung erfüllt den Tatbestand der einfachen Körperverletzung. Weil der Eingriff aber gesellschaftlich und politisch akzeptiert wird, droht Eltern und Ärzten derzeit keine Anklage. Als das Kinderspital Zürich am Freitag bekannt gab, wieder Beschneidungen durchzuführen, hat sich die Zürcher Staatsanwaltschaft in diesem Sinne geäussert.

«Die Religion genügt nicht als Rechtfertigung»

Sie haben aber eine andere Meinung als die Zürcher Staatsanwaltschaft und das Kinderspital.

Meine persönliche Meinung ist, dass die Beschneidung im Kindesalter nicht gerechtfertigt werden kann. Der Eingriff kann von den Eltern nicht legitimiert werden. Sie dürfen nicht für das Kind entscheiden.

Sollte die Staatsanwaltschaft bei Beschneidungen von sich aus einschreiten?

Wenn die Beschneidung, wie beispielsweise in der jüdischen Tradition, an einem wehrlosen Kind durchgeführt wird, sollte meiner Meinung nach die Staatsanwaltschaft eingreifen. Dies wird aber derzeit nicht gemacht.

Für Juden und Muslime gehört die Beschneidung von Knaben zum Glauben. Bei einem Verbot würde man die Religionsfreiheit einschränken.

Die freie Religionsausübung wäre bei einem Verbot tangiert. Aber die Religion ist kein Rechtfertigungsgrund. Ich finde es äusserst problematisch, wenn eine Religion vorschreibt, dass an Kindern eine Körperverletzung vorgenommen werden soll. Ein Kind, das beschnitten wird, wird in seiner körperlichen und psychischen Integrität beeinträchtigt. Im Kindesalter könnte man sich doch mit einem symbolischen Akt begnügen. Ich spreche den Eltern das Recht ab, ihren Knaben ohne medizinische Notwendigkeit genital verstümmeln zu lassen. Ab dem vollendeten 16. Altersjahr ist ein junger Mann urteilsfähig: Er kann die Konsequenzen einer Beschneidung selbst abschätzen.

Uznach. – Das Spital Linth wird vorerst keine Beschneidungen bei Knaben im Kindesalter mehr durchführen. Dies bestätigt Spitaldirektor Urs Graf. «Wir haben in den letzten Jahren nur sehr wenige Beschneidungen ohne medizinische Begründung durchgeführt», sagt Graf. Nach dem Urteil eines deutschen Gerichts, das die Beschneidung bei Knaben verbietet, will Graf vorerst keine weiteren Beschneidungen in Uznach erlauben. «Wir warten ab, wie die politische und rechtliche Diskussion in der Schweiz ausfällt», so Graf. Juristisch gelte es zu klären, ob die körperliche Unversehrtheit eines Kindes höher gewichtet werde als die Religionsfreiheit. (mal)

Uznach. – Die Uzner Staatsanwältin Beatrice Giger (32) hat letztes Jahr eine Masterarbeit unter dem Titel «Genitalverstümmelung – Voraussetzungen und Grenzen der Einwilligung» geschrieben. Sie stuft die Beschneidung als einfache Körperverletzung ein. Es ist das erste Mal, dass die Beschneidung von Knaben von einer Schweizer Juristin thematisiert wurde. Im Februar veröffentlichte die Fachzeitschrift «forumpoenale» einen Beitrag Gigers mit dem Titel «Zirkumzision – ein gesellschaftliches und strafrechtliches Tabu». Das Kinderspital Zürich stützte sich bei seinen rechtlichen Überlegungen zur Beschneidung unter anderem auch auf diesen Fachartikel. (mal)

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Beschnittene Sensitivität

Die sensorisch-sexuelle Bedeutung der Vorhaut wird immer noch verkannt.

Bei einer Zirkumzision werden die für das sexuelle Erleben zentralen Körperteile des Penis amputiert, das Gefurchte Band, die innere Vorhaut, das Frenulum (Bändchen) und das Frenulare Delta, das entspricht der Amputation nicht der Klitorisvorhaut, sondern der Klitoris.

Schon gar kein Junge im Kindergartenalter, aber auch kein männlicher Grundschüler oder Fünft- und Sechstklässer braucht eine retrahierbare (zurückziehbare) Vorhaut. Deshalb: Finger weg vom Kindergenital! Einzige Ausnahme ist der Junge selbst, der nach Belieben an seinem Penis herumhantieren darf, der weiß nämlich als einziger, was schmerzlos ist und damit ungefährlich (und zusätzlich lustvoll). Bei einem Mädchen wird schließlich auch nicht durch besorgte Eltern an Schamlippen oder Kitzler herumgefingert.

Thema Alter des Zurückziehenkönnens: Von menschlicher Natur aus und bei bester Gesundheit erst mit 10,4 (zehn Komma vier!) Jahren und auch dann kann das erst jeder zweite Junge (Jakob Øster (1968); Hiroyuki Kayaba et al. (1996), Thorvaldsen and Meyhoff (2005)).

Die Vorhaut, nicht die Eichel, ist der für leichte Berührung empfindlichste Teil des intakten männlichen Geschlechtsorgans (Sorrells, Snyder, Reiss, Ede, Milos, Wilcox, Van Howe: Fine-touch pressure thresholds in the adult penis).

Die Vorhaut ist sensibler als die menschlichen Lippen oder Fingerspitzen. Aufgrund ihrer sexuellen Empfindsamkeit spielt das Präputium eine bedeutende Rolle im Sexualleben unbeschnittener Männer und belastet eine jede Vorhautamputation Sexualität, Sexualpartner und Partnerschaft (Frisch, Lindholm, Grønbæk: Male circumcision and sexual function in men and women: a survey-based, cross-sectional study in Denmark).

Zu den durchweg nachteiligen Auswirkungen jeder medizinisch nicht indizierten männlichen Beschneidung gehört eine lebenslange starke Schädigung der sexuellen Sensitivität, denn die über 73 Meter Nervenfasern und 10.000 bis 20.000 überwiegend spezialisierten Nervenendigungen bzw. Tastkörperchen (Meissner-Körperchen, Vater-Pacini-Körperchen, Ruffini-Körperchen und Merkel-Zellen) werden bei der Zirkumzision, die wir endlich männliche Genitalverstümmelung (MGM) nennen sollten, amputiert. Diese spezialisierten Nervenendigungen dienen dazu, auch leichteste Berührungen sowie Feinheiten von Temperatur, Geschwindigkeit bzw. Vibration oder Textur wahrzunehmen und weiterzuleiten.

Im Vergleich dazu befinden sich auf der Glans penis (Eichel) nur rund 4.000 überwiegend unspezialisierte freie Nervenenden, sogenannte Nozizeptoren, die Schmerzreize aufnehmen und weiterleiten können. Die schmale Zone der Eichel zwischen Corona glandis (Eichelrand) und Sulcus coronarius (Penisfurche), die von Natur aus doch (wenige) Lustrezeptoren enthält, keratinisiert (verhornt) im Laufe der Jahre, was beschnittene Männer als großen Verlust an (restlicher) sexueller Lebensqualität beschreiben und mit Schutzmaßnahmen (vor mechanischer Reibung im Alltag) bzw. mit Restoring (Versuch der Wiederherstellung der Vorhaut) nur begrenzt ausgleichen können.

Kinderrechtlich bzw. überhaupt menschenrechtlich trauriges Fazit. Durch die Beschneidung werden dem Jungen oder dem Mann ein Großteil der Nervenendigungen des Penis insgesamt und fast alle der besonders empfindlichen niedrigschwelligen spezialisierten Nervenendigungen irreversibel entfernt (amputiert). Die empfindlichsten Regionen des unbeschnittenen Penis sind durch die Beschneidung entfernt (amputiert) worden.

Anatomisch kundige Mitbürger vergleichen die männliche Beschneidung (MGM) im Hinblick auf die lebenslange sensitive Zerstörung mit einer FGM Typ Ib (teilweise oder gänzliche Amputation der Klitoris) oder FGM Typ II. Daher Schluss mit der Bagatellisierung der Zirkumzision, wie sie etwa durch Fokussierung auf das Nebenthema operative Komplikationen geschieht. Schluss auch mit dem Aushandeln von Altersgrenzen der Einwilligungsfähigkeit (genital autonomy), denn völlig altersgemäß kann auch der männliche Jugendliche die lebenslangen Beschneidungsfolgen für Sexualität und Partnerschaft nicht einschätzen und ist damit schlicht nicht einwilligungsfähig. Der Junge braucht anatomisch faktenbasierte Beratung und bis zum Alter von 18 Jahren ein unversehrtes Geschlechtsorgan (genital intactness).

Edward von Roy, Diplom-Sozialpädagoge (FH)

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