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Bergler, Manager, Kandidat

Am liebsten würde er sich schon jetzt in die Dossiers der Gemeinde hineinknien, sagt Beat Roeschlin. Wer ist der via Ausschreibung gefundene Kandidat für Tujetschs Gemeindepräsidium? Eine Begegnung.

Südostschweiz
04.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Beat Roeschlin sähe das Tujetscher Gemeindepräsidium als eine «herausfordernde Aufgabe»

Von Jano Felice Pajarola

Als er, wie alle Zweitwohnungsbesitzer in der Val Tujetsch, das Schreiben der Gemeinde im Briefkasten fand, liess er sich die Sache zwei Tage lang durch den Kopf gehen. «Dann dachte ich mir, das wäre eine herausfordernde Aufgabe.» Er rief bei Vize-Gemeindepräsident André Schmid an, holte sich weitere Informationen, und bald war die Sache für Beat Roeschlin klar: Er würde für das verwaiste Tujetscher Gemeindepräsidium kandidieren.

Per Inserat und Brief hatte die Gemeinde einen Nachfolger für Pancrazi Berther gesucht, ein Novum, einheimische Amtswillige hatten sich nicht finden lassen. Roeschlin, der 59-jährige Betriebsökonom aus Walchwil im Kanton Zug, meldete Interesse an, kam unter die besten fünf, die besten zwei, nun soll er vom Gemeindevorstand und von den Tujetscher Fraktionen zur Wahl vorgeschlagen werden (Ausgabe vom 15. Dezember). Am 16. Januar wird er sich bei einer Abendveranstaltung im Sedruner Schulhaus der Bevölkerung vorstellen, am 8. März wird an der Urne entschieden, ob Roeschlin die Gemeinde in die Zukunft führt .

<strong>Seit acht Jahren </strong>besitzen er und seine Frau Rita eine Ferienwohnung in Rueras. Eine Zeit, in der Tujetsch «einen enormen Wandel durchgemacht hat», wie Roeschlin konstatiert – das Ende der Neat-Baustelle mit all seinen Nebenerscheinungen. «Seither gibt es eine Aufbruchstimmung, ja, einen Druck zum Aufbruch in der Gemeinde.» Ideen wie jene der Westerschliessung durch einen Oberalp-Tunnel seien entstanden, Projekte für die Zukunft, «das hat mich fasziniert.» Und Roeschlin macht keinen Hehl daraus: Am liebsten würde er sich schon jetzt in die kommunalen Dossiers einarbeiten, «es zieht mich richtiggehend.»

Doch wer ist dieser Beat Roeschlin, der einem so eloquent und einnehmend in einem Churer Café Red und Antwort steht? Da ist die eine Seite: «Langjährige Unternehmens- und Führungserfahrung in europäischen, amerikanischen und schweizerischen Unternehmen», wie er in seinem Curriculum schreibt. Er hat unter anderem in Südkorea gelebt, hat für Roche, Leica und Olympus gearbeitet, bis Ende Januar steht er bei Publigroupe unter Vertrag, für die er als CEO die Tochter Publicitas geleitet hat.

<strong>Da ist aber auch</strong> die andere Seite: «Aufgewachsen bin ich in Appenzell Ausserrhoden, und in meinem Innern bin ich immer ein Bergler geblieben», meint Roeschlin. Auch zu Tujetsch habe er deshalb eine besondere Affinität. «Ich mag das Authentische, die romanische Sprache, die Menschen, ihre Werte.» Sursilvan will er denn auch lernen, das betont er mehrmals: «Ich will es nicht reden und schreiben können, aber verstehen und lesen. Es ist die Amtssprache in Tujetsch.»

Roeschlins Hände bleiben, auch am Tisch im Café, ständig in Bewegung, er gestikuliert, immer wieder klirrt die leergetrunkene Kaffeetasse. «Es ist eine Wahl, das Volk wird entscheiden», das ist ihm klar. Und er hätte nichts gegen einen Konkurrenten aus dem Evaluationsverfahren gehabt, «ich habe immer gern Wettbewerb», sagt er. Würde nun doch noch ein einheimischer Anwärter nominiert, Roeschlin würde es nicht stören, er würde auch nicht seine Kandidatur zurückziehen. «Es gibt jetzt noch diverse Meetings, und ich werde den Kontakt zu den Fraktionen suchen. Ich hoffe sehr, dass es an der Urne gut für mich herauskommt.» Was er bis jetzt gehört habe, töne jedenfalls positiv. «Viele sagen: Es ist gut, dass ein Aussenstehender kommt und frischen Wind bringt.»

<strong>Sollte Roeschlin wirklich</strong> zum Präsidenten gewählt werden, würde er in Tujetsch Wohnsitz nehmen, seine Frau Rita bliebe in Walchwil, wo sie als Lehrerin arbeitet; die beiden Kinder sind sowieso aus dem Haus, sie studieren, der Sohn in Oxford, die Tochter in Zürich. Räumliche Distanz ist nichts Ungewöhnliches in der Familie, «ich bin beruflich immer schon viel gereist», sagt Roeschlin. Auch sein Denken sei eher grossräumig, findet er, geografisch wie zeitlich gesehen. Bezüglich Kleinräumigkeit werde es in der Val Tujetsch gewisse Hürden zu nehmen geben, «durch intensive Kommunikation nach innen.» Kommunikation – das ist Roeschlins Stichwort, «das mache ich extrem gern, auch nach aussen, und da muss Tujetsch mehr tun. Wer kommuniziert, wird nicht vergessen. Und in Tujetsch haben wir viel zu sagen.»

Draussen schneit es, die Kaffeetasse klirrt ein letztes Mal, dann macht sich Roeschlin wieder auf den Weg nach Rueras. Ziele wolle er haben für Tujetsch, sagt er noch, «eine Vision», auch wenn sich der Weg dorthin oft ändern könne., ändern müsse, «denn der erste Weg ist selten der beste.» In welche Richtung es für Tujetsch und Roeschlin geht, zeigt sich am 8. März.

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